Demonstrationen

«Es hat eine Zivilisierung in der Demonstrationskultur eingesetzt»

Es geht ein Jahr zu Ende, in dem viel demonstriert wurde. Im Vordergrund standen Klima und Gender. Politologe Michael Hermann sieht darin ein neuer politischer Zyklus.

Klima-Demonstration in der Zürcher Innenstadt am Black Friday am 29. November.

Klima-Demonstration in der Zürcher Innenstadt am Black Friday am 29. November. Bild: Urs Jaudas

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Bereits im Herbst hatten in Zürich mehr Demonstrationen stattgefunden als im Vorjahr. Dabei war schon 2018 ein markanter Anstieg zu verzeichnen gewesen. 72 Demonstration und 232 Kundgebungen wurden 2018 gezählt. Für das laufende Jahr weist die Statistik der Stadtpolizei per 20. Oktober 78 Demonstrationen und 161 Kundgebungen aus (lesen Sie hier, wie die Zunahme der Demonstrationen die Geschäfte in der Zürcher Innenstadt belasten). Zum Vergleich: 2005 gab es 27 Kundgebungen und 20 Demonstrationen. Michael Hermann, Politologe und Leiter der Forschungsstelle Sotomo, sieht in der gesteigerten Demonstrationsfreude das Anbrechen eines neues politischen Zyklus.

Seit zwei Jahren wird deutlich mehr demonstriert in Zürich. Was ist passiert?
Michael Hermann: Zwei grosse Themen stürmten die politische Bühne: Klima und Gender. Sie habe die Jugend bewegt, aber auch Ältere. Bis dahin war von einer zunehmenden Entpolitisierung der Jungen die Rede. Erstaunlich ist, wie plötzlich diese Wende kam.

Tatsächlich. In einem Interview 2016 zu ausbleibenden Protesten gegen das WEF stellten sie noch Demonstrationsmüdigkeit und und Resignation fest.
Umfragen zeigten damals, dass sich immer weniger Jugendliche vorstellen konnten, sich politisch zu engagieren oder an einer Demo teilzunehmen. Mit dem Hitzesommer 2018 hat dann ein grosses Umdenken eingesetzt.

Aber das Thema hat bereits länger geschwelt.
Ganz klar, es wuchs eine neue Generation heran. Die Jungen merkten, dass das Klima sie ganz besonders etwas angeht.

Lässt sich das einordnen?
Politik findet in grossen Zyklen statt. In den 1960ern und 1970ern waren die Jungen letztmals sehr politisch und hatten damit einen grossen Wertewandel in der Gesellschaft ausgelöst. Bereits ab den 1980er sprach man von einer Entpolitisierung der Jugend. Der Zeitgeist drehte ins Rechtsbürgerliche, mit Reagan, Thatcher und Papst Woytila. In den 1990er gab es den liberalen, bürgerlich geprägten Aufbruch. In den Nullerjahren wurden dann gerade auch die Jungen vermehrt konservativ. Der Graben Jung-Alt ebnete sich ein, die Jungen wählten plötzlich SVP. Nun scheint ein neuer Zyklus angebrochen zu sein, wohl auch als Reaktion auf die lange nationalkonservative Phase davor.

Und alles wegen des Klimas.
Ich denke, dass auch die Erfolge des Rechtspopulismus viele wachgerüttelt haben. In der Schweiz sehe ich in der Reaktion auf das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative der SVP von 2014 einen ersten Impuls zu dieser Wende.

Aber die Klimajugend gibt sich betont überparteilich.
Klimawandel an sich ist kein linkes Thema. Es geht alle an. Alle Befragungen zeigen aber, dass es Leute links der Mitte mehr beschäftigt. Grundsätzlich sind Demonstrationen von rechts eher selten – mit Ausnahmen im Ausland wie zum Beispiel Pegida in Deutschland oder Gelbwesten in Frankreich.

Auch in Zürich gab es 2019 zwei Demos von Gelbwesten.
Aber die Massen haben sie nicht angezogen. Das waren die Demonstrationen fürs Klima und für die Gleichstellung mit dem Frauenstreik im Juni als Höhepunkt. Auch bei der Gleichstellung lassen sich Linke übrigens vermehrt bewegen. Aber, und das ist wichtig zu sehen: Die politische Prägung der heutigen Bewegungen ist anders als es noch bei den Protesten gegen WEF und Globalisierung. Es geht nun weniger um grundsätzliche Systemkritik. Das gilt auch im Vergleich zu den 1970ern, als das erste Mal breit für Gesellschaftsthemen, Umwelt und gegen AKWs demonstriert wurde. Damals propagierten die neuen sozialen Bewegungen eine fundamentale Abkehr von der bürgerlichen Konsumgesellschaft. Die heutigen Bewegungen vertreten zwar ähnliche postmaterielle Werte, sind aber viel zahmer und wirken damit breiter.

Auffällig sind die Slogans auf English. Die Demos in Zürich unterscheidet sich kaum von solchen anderswo in der Welt.
Absolut, das ist auch etwas Neues an heutigen Bewegungen. Sie sind globalisiert. Und so entsteht dann so etwas wie ein Zürcher Franchise für Fridays For Future. Das ist ein sehr grundlegender Wandel. Zyklen und Zeitenwenden wie 1968 fanden zwar stets übernational statt, aber eher in dem Sinne, dass gleichzeitig an verschiedenen Orten die gleichen Themen aufkamen. Neu ist, dass vieles international koordiniert ist und man sich gegenseitig kopiert – die Klimabewegung als globale Marke. Damit wird sie gleichförmig, erhält aber auch zusätzliche Stärke.

Nationale Alleingänge bringen nichts mehr?
Je nach dem schon. Das sieht man am Genderthema. Zwar gibt es auch hier #Metoo als globale Marke, die aktuelle Gleichstellungsbewegung, ist jedoch ein sehr schweizerisches Phänomen. Das liegt zum einen daran, dass wir da besonderen Nachholbedarf haben, zum Beispiel was die Elternzeit betrifft. Zum anderen gab es mit dem Frauenstreik von 1991 auch einen Schweizer Anknüpfungspunkt. Bei den nationalen Wahlen im Oktober haben sich die Proteste ja auch ausbezahlt. Die Frauenquote im Parlament stieg sprunghaft.

Auch internationale Konflikte lösen Demonstrationen und Kundgebungen aus. Die Kurden etwa gingen in Zürich mehrmals auf die Strasse. Aber auch für Veganismus, gegen Abtreibung oder gegen rechte Hetze wurde demonstriert.
Das sind klassische Demonstrationen, wie es sie immer schon gab. Ob es mehr sind als auch schon, kann ich nicht sagen. Die Demonstrationen von unterschiedlichen Volksgruppen widerspiegeln auch den Status von Zürich als globalisierte Grossstadt.

Mit dem Internet und seiner Reichweite – warum geht man da noch auf die Strasse?
Zunächst einmal ist es so, dass mit dem Internet Demonstrationen einfacher zu organisieren sind. Twitter und weitere Kommunikationsmittel waren zum Beispiel auch wichtig für den arabischen Frühling oder heute im Iran oder in der Türkei. Und indem man auf die Strasse geht, wird der Protest auch greifbar. Ein Protestzug mit einigen Tausend Leuten macht Eindruck. Und eine Forderung erhält damit Gewicht, auch wenn es sich um das Anliegen einer Minderheit handelt. In repressiven Systemen kann dann allerdings auch eine stärkere Unterdrückung die Folge sein.

Wenn auch mehr demonstriert wird heutzutage – so doch meist friedlich, zumindest in unseren Breitengraden.
Auch das ist auffällig. Gerade Jugendbewegungen hatten früher meist auch sehr gewalttätige Seiten – Stichworte: Globuskrawall, «Züri brännt», Wohlgroth-Besetzung. Nun hat gewissermassen eine Zivilisierung in der Demonstrationskultur eingesetzt. Auch um den 1. Mai ist es in den letzten Jahren recht ruhig geworden. An den Klimademos laufen oft ganze Familien mit.

Wie interpretieren Sie das?
Das heisst, der Klimakonflikt äussert sich zwar auch als Generationenfrage. Aber es prallen keine unüberbrückbare Gegensätze zwischen den Generationen aufeinander. Die Jugendlichen rennen ja teils offene Türen ein bei ihren Eltern. Von diesen freuen sich nicht wenige, an frühere, bewegte Zeiten anknüpfen zu können.

Nützen Demos?
Für die Frauen und die Klimabewegung ist es in der Schweiz nun ja ideal gelaufen. Die Wahlen im Oktober brachten eine massive Stärkung der Frauen und des ökologischen Lagers. Die Energie von Protestbewegungen lässt sich nicht ewig aufrecht erhalten. So konnten die Anliegen dieser Bewegungen nun perfekt getimed und im Schnellzugstempo in die Institutionen eingespeist werden.

Erstellt: 02.12.2019, 19:35 Uhr

Politologe Michael Hermann (Bild: PD)

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