Niederhasli

Fundamente verraten, was der Verputz verborgen hielt

Die Baugeschichte der reformierten Filialkirche Oberhasli lag grossenteils im Dunkeln, eine Renovierung brachte 1981 Erhellendes zutage. Demnach ist das romanische Gotteshaus aus dem 12. Jahrhundert älter als der äussere Anschein vermuten liess.

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Auf einer kleinen Anhöhe an der Watterstrasse steht sie mitten im Dorf. Seit 13 Jahren Sigrist, wohnt Hansruedi Gyr seit jeher nebenan. Sein Haus von 1659 sei das älteste von Oberhasli, sagt er und korrigiert sogleich: «Das älteste Wohnhaus natürlich – die Kirche ist ja schon viel länger da.»Die Rede ist von der reformierten Filialkirche Oberhasli, früheste schriftliche Hinweise auf eine romanische Kapelle reichen ins Jahr 1275 zurück.

Paul Knöpfli, Präsident der Kirchenpflege Niederhasli-Niederglatt, hat aktuelle Rahmendaten der Kirche parat: «Bis 2010 gehörte sie zur Zivilgemeinde Oberhasli, seit deren Auflösung zur politischen Gemeinde Niederhasli.» Diese liess zuletzt 2016 den Innenraum renovieren. Über die Baugeschichte der kleinen Kirche mit dem spitzen Zeltdach war ursprünglich auch Historikern wenig bekannt. 1619 ist sie erneuert worden, soviel war gewiss. Vorab hatte «JOAN FELIX SCHORLI DISER ZIT PFARER ANNO 1616» in den von ihm gestifteten Taufstein meisseln lassen, dieser steht heute noch im Chor.

Zweierlei Mauerwerk

Erst 1981 gab die Kirche ihre Baugeschichte preis: Anlässlich des 1050 Jahr Jubiläums der ersten Erwähnung der Gemeinde Niederhasli wurde sie 1981 einer Aussenrenovation unterzogen, geleitet und dokumentiert vom Denkmalpfleger Walter Drack. Unter dem 1892 aufgebrachten Verputz kam Mauerwerk aus zwei Epochen zum Vorschein: Am polygonalen Ostabschluss stiess man auf barockes Material, am Kirchenschiff hingegen zeigte sich weitgehend erhaltenes, eindeutig romanisches Mauerwerk, gebildet aus gleichmässig ausgelesenen, horizontal geschichteten Steinen.

In den Originalteilen fanden sich typisch romanische kleine Fensteröffnungen, teils vollständig, teils nur noch die Leibung. In der Nordmauer legte man das ursprüngliche, aus Tuffstein gefertigte Rundbogenportal frei, das zugunsten eines Mittelportals in der Westmauer 1619 zugemauert worden war. Die erhaltenen Mauerteile stellten laut Drack zweifelsfrei die Elemente des rechteckigen Schiffes einer romanischen Kapelle von 10,5 Metern Länge, 6 Metern Breite und 3,90 Metern Höhe dar.

Aufschlussreiche Ausrichtung

Der fehlende Ostabschluss des romanischen Baus liess sich rekonstruieren: Bei Aushubarbeiten für den Entwässerungsgraben fanden sich hinter der Aussenwand des barocken Mauerwerks alte Fundamente, deren Flucht sich zur heutigen diagonal, rundlich verhält. Dies liess den Schluss auf eine halbrunde Apsis und als Bauzeit bereits das 12. Jahrhundert zu. In gotischer Zeit dürfte die Kirche von Oberhasli dem damaligen Geschmack folgend mit Spitzbogenfenstern ausgestattet, neu möbliert und ausgemalt worden sein.

Die Apsis fiel – wohl 1619 – dem zeitgemässen polygonalen Abschluss zum Opfer. Im Zuge der Barockisierung erhielt die Kirche im Stichbogen schliessende, holzgerahmte Fenster, eine aufwändige Felderdecke, Krebsstühle entlang dem neuen Chorabschluss und eine neue Kanzel. 1892 wurden die barocken Fenster wieder zugemauert oder durch neue, mit Sandsteingewänden ausgestattete, symmetrisch verteilte Rundbogenfenster ersetzt, die Fassade erhielt einen modernen Putz.

Glocken und Glasfenster

Über steile Stufen steigt Sigrist Gyr voran auf den Dachboden. In einem Schrank ist die Mechanik für Turmuhr und Geläut untergebracht, 1966 wurde es automatisiert. «Früher musste man das Pendeluhrwerk noch mit zwei Kurbeln aufziehen», erinnert sich der 74-Jährige, dessen Grossvater bereits im Dienst des Kirchleins stand. Drei Glocken aus einer ehemaligen Giesserei im Berner Jura sind seit 1908 im engen Turm untergebracht. Sie ersetzen zwei Vorgänger aus den Jahren 1649 und 1743 und werden in diesem Jahr saniert.

Der Glockenschlag erfolgt halbstündlich, auch in der Nacht, dreimal täglich wird geläutet. «Mit den seltenen Beschwerden über Ruhestörung darf sich die politische Gemeinde herumschlagen», bemerkt Knöpfli schmunzelnd. Der Steingut-Plattenboden wurde 1899 verlegt, den Chor schmücken seit 1960 drei Glasfenster des Oberhasler Kunstmalers Hermann Alfred Sigg. 1969 wurde eine elektrische Heizung, im Jahr drauf eine elektrische Orgel und 1995 die heutige Orgel der Firma Kuhn eingebaut.

«Die Menschen im Dorf sind stolz auf ihre Kirche», weiss Knöpfli. «Die Reformierte Kirche ist Hauptmieterin, doch eigentlich wird das schöne Gebäude zu selten genutzt», räumt er ein, für den monatlichen Gottesdienst, an hohen Feiertage, gelegentlich für eine Abdankung. «Früher fanden hier im Sommer fast jedes Wochenende Trauungen statt, in den letzten zwei, drei Jahren gar nicht mehr.» Auch für Konzerte hält Knöpfli die Kirche durchaus geeignet, «man darf sich nur nicht an den startenden Flugzeugen stören.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 26.02.2018, 16:15 Uhr

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