Kloten

«Mit dem heutigen System sind brenzlige Situationen kaum mehr möglich»

Mario Winiger und seine Kollegen sorgen im Tower des Flughafens Zürich für einen sicheren Flugverkehr.

Mario Winiger ist als Fluglotse und Supervisor im Kontrollturm im Einsatz.

Mario Winiger ist als Fluglotse und Supervisor im Kontrollturm im Einsatz. Bild: Leo Wyden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Himmel ist wolkenverhangen, als ein Airbus A350 der Qatar Airways vom Boden abhebt und sich auf den Weg nach Doha macht. Fluglotse Mario Winiger sitzt im Kontrollturm des Flughafens Zürich. Doch für einmal muss er nicht die Maschine auf ihrem Weg in den Himmel begleiten. Das machen seine Kollegen, die hinter drei Bildschirmen mit Radar, Flugnummern und dem modellhaften Pistennetz von Kloten sitzen. Sie geben den startenden Flugzeugen die letzten Anweisungen und übergeben sie dann den Kollegen von Skyguide in Wangen bei Dübendorf.

Der von Skyguide kontrollierte Luftraum ist der komplexeste in Europa. Denn 55 Prozent des europäischen Luftverkehrs finden über Mitteleuropa und der Schweiz statt. Jährlich sind es über zwei Millionen kontrollierte Flugbewegungen. «Im Ganzen sind es 1500 Mitarbeiter, die an 14 Standorten für die Flugsicherung der Schweiz und im angrenzenden Ausland sorgen», sagt Winiger. Der 43-Jährige ist heute als Supervisor im Einsatz. Er ist sozusagen der Chef aller anwesenden Fluglotsen, schaut, dass der Betrieb gut läuft, und behält den Überblick über den ganzen Verkehr. Am Tag kommt es bis zu 800 Starts und Landungen am Flughafen Zürich. «Als Fluglotse muss man stressresistent und multitaskingfähig sein», sagt Winiger. Denn ein Fluglotse hat mehrere Maschinen gleichzeitig auf dem Bildschirm.

Während der Arbeit denke ich nicht daran, dass im Flugzeug hunderte von Menschen sitzen.Mario Winiger, Fluglotse und Supervisor bei Skyguide

Ein stressiger Job, bei dem der kleinste Fehler grosse Auswirkungen haben kann. Doch Winiger scheint dies nicht aus der Ruhe zu bringen. «Während der Arbeit denke ich nicht daran, dass im Flugzeug Hunderte von Menschen sitzen.» Er konzentriere sich darauf, das Flugzeug zu begleiten und zu schützen. «Unter den Fluglotsen ist dies gar nie ein grosses Thema», sagt Winiger. Was ihm mehr zu schaffen mache, seien die Gewitter. «Dann ist die Arbeit anspruchsvoll, und das Wetter ist leider nicht kontrollierbar.»

Umgang mit Stresssituationen werden geübt

«Während der Ausbildung werden die Fluglotsen an die grosse Verantwortung herangeführt», meint auch Thomas Muhl, Chef des Kontrollturms. «So wachsen sie in die Aufgaben hinein.» In der zweieinhalbjährigen Ausbildung wird der Umgang mit Stresssituationen auf Simulatoren geübt. Während dieser Zeit werden die Lernenden medizinischen und psychologischen Tests unterzogen. Nur ein kleiner Teil der Bewerber wird am Ende Fluglotse. Mehr als die Hälfte bis 80 Prozent bestehen die Aufnahmeprüfung nicht. Von denen, die die Ausbildung antreten, arbeiten rund zwei Drittel danach als Fluglotsen.

Unterdessen startet in Zürich die nächste Maschine. Einer der Fluglotsen erteilt dem Piloten die Startfreigabe, alles auf Englisch, der internationalen Fliegersprache. Der Funk, den er dabei benutzt, stammt noch aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg, erklärt Winiger. «Die Geräte sind modern, doch die Technologie ist steinalt.»

Bei seiner Arbeit wird der Fluglotse von Assistenzsystemen unterstützt, die in gefährlichen Situationen Alarm schlagen. Sie analysieren menschliche Fehler und geben eine zeitgerechte Warnung. «Damit eine brenzlige Situation entstehen kann, müssten mehrere Fehler passieren, die weder von den Fluglotsen noch von den Assistenzsystemen erkannt werden», sagt Winiger. «Mit dem heutigen System ist dies kaum mehr möglich.»

Die Fluglotsen getrauen sich seitdem viel weniger alles dem Chef preiszugeben, genau das wäre wichtig, damit man aus Fehlern lernen kann.Mario Winiger, Fluglotse und Supervisor bei Skyguide

Dass trotz intaktem Sicherheitssystem Fluglotsen angeklagt werden, verunsichert Winiger. «Das Sicherheitssystem arbeitete in jedem Fall so, wie es sollte, und trotzdem wurden Fluglotsen vor Gericht verurteilt», sagt er. Beim jüngsten Vorfall im April 2013 kam es zu einer ungewollten Annäherung zweier Flugzeuge. Die Sicherheitsnetze haben dabei wie vorgesehen funktioniert, sodass die Situation rasch entschärft werden konnte. Der Fluglotse wurde trotzdem wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs im März 2019 zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Die Fehlerkultur soll verankert werden

«So verliert man das Vertrauen ins Gericht», sagt Winiger. «Die Fluglotsen getrauen sich seitdem viel weniger, alles dem Chef preiszugeben, genau das wäre wichtig, damit man aus Fehlern lernen kann.» Denn Skyguide lebt nach dem sogenannten «Just Culture»-Prinzip, welches nicht auf Strafen, sondern auf Systemverbesserung abzielt. Es garantiert, dass die Mitarbeitenden Vorfälle melden können, ohne disziplinarische Konsequenzen befürchten zu müssen. Aus diesen Meldungen kann Skyguide das System laufend verbessern und so eine sichere und effiziente Flugsicherung gewährleisten.

Gestern ist ein anderer Fluglotse, der aufgrund einer Beinahe-Kollision verurteilt wurde, vom Bundesgericht wieder freigesprochen worden. Über dieses Urteil sei Skyguide sehr erleichtert, sagt Raimund Friedrich, Sprecher von Skyguide. «Die juristische Tragweite des Bundesgerichtsentscheids müssen wir aber noch im Detail analysieren.» Skyguide sei es dabei wichtig, die Prinzipien der Just Culture im Schweizer Gesetz verankern zu können.

Mit verschiedenen Projekten möchte Skyguide die Flugsicherung in Zukunft noch sicherer und effizienter machen. Eines davon ist das «Virtual Center». «Dieses soll ermöglichen, dass der Luftverkehr standortunabhängig kontrolliert werden kann», sagt Muhl. «So könnten in Zukunft zum Beispiel Fluglotsen aus Genf zu gewissen Zeiten auch den Luftraum über Zürich kontrollieren oder umgekehrt.»

Erstellt: 08.11.2019, 17:26 Uhr

Artikel zum Thema

Bundesgericht spricht Zürcher Fluglotsen nun doch frei

Zürich Erfolg für einen Skyguide-Fluglotsen: Nachdem ihn das Zürcher Obergericht noch wegen einer Beinahe-Kollision verurteilt hatte, hat das Bundesgericht ihn nun vom Vorwurf der fahrlässigen Störung des öffentlichen Verkehrs freigesprochen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles