Onkologe spielt Klavier fürs Kinderspital

Sein Vater war Arzt, seine Mutter Musikliebhaberin. Am Montag kommen Nicolas Gerbers zwei Leidenschaften erstmals zusammen: Der Kinderonkologe tritt mit einer Stargeigerin auf.

Nicolas Gerber: «Als Arzt kann ich in der Freizeit Klavier spielen, umgekehrt geht das nicht».

Nicolas Gerber: «Als Arzt kann ich in der Freizeit Klavier spielen, umgekehrt geht das nicht». Bild: Kinderspital Zürich

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Angefangen hat Nicolas Gerber mit Musik – und einem medizinischen Grund. Er wurde mit einem unbrauchbaren sechsten Finger an der Hand geboren, der amputiert werden musste. Mit fünf Jahren begann er Klavier zu spielen, was ihm bei der Koordination der übrigen Finger helfen sollte. «Der Arzt sagte meinen Eltern noch, dass ich wohl nie richtig gut würde», sagt Gerber und lacht.

«Plötzlich klickte es»

Doch dem Bub lag das Musizieren. Seine Mutter, die selber gern aber ohne Ambitionen Klavier spielte, unterstützte ihn. Als er das Instrument als Zehnjähriger aufgeben wollte, gelang es einer neuen Klavierlehrerin seine Begeisterung neu zu entfachen «und plötzlich klickte es zwischen mir und dem Klavier». sagt der 47-Jährige heute.

Ebenfalls als Knirps wuchs Gerbers Interesse an der Medizin. Sein Vater war Rheumatologe und nahm ihn oft mit ins Spital. Neben viel Zuwendung der Pflegefachfrauen erhielt Gerber einen Einblick in die Breite des Fachs.

Welcher Beruf? Beide!

Welches Berufsziel sollte er verfolgen? Beide: Nicolas Gerbers Ausbildungsweg gleicht einem Slalom. Während des Gymnasiums in Bern studiert er an der Musikhochschule Luzern Klavier und tritt sogar vor der Matur aus dem Gymi aus, um voll auf die Musik zu setzen. «Doch mir fehlte die Herausforderung für den Kopf.» Also schliesst er das Gymnasium ab und studiert – nach erneutem Unterbruch – sechs Jahre Medizin.

Als Assistenzarzt hätte Gerber eine Stelle antreten können beim Kinderspital Zürich. Aber er sagt ab – ihn reizt wieder die Musik. Er wird zum Konzertpianisten und spielt unter anderem mit der angehenden Stargeigerin Patricia Kopatchinskaja, wobei die beiden Freunde wurden.

Entscheid für die Medizin

Doch auch Gerbers zweite Leidenschaft lässt nicht locker. 2003 entscheidet er sich definitiv für die Medizin und hat es seither nie bereut, wie er sagt. Als Arzt könne er in der Freizeit Klavier spielen, umgekehrt gehe das nicht. Gelockt hat ihn auch die Struktur des Arztberufs. «Ich hatte als Musiker keine genaue Karrierevorstellung, wusste jedoch, wie ich mir den Alltag als Arzt vorstellen musste.»

Als er beim Kispi anfragt, ob er nun doch eine Stelle annehmen dürfe, hat er Glück. Heute ist Gerber Spezialist für Hirntumoren und leitet zudem ein kleines Forschungsteam, das Studien durchführt, um neue Medikamente zu testen (siehe Kasten rechts).

Er schätze, dass er mit den Kindern kreativ arbeiten und sie und ihre Familien über Jahre begleiten könne. Zwar haben ihn die Schicksale zu Beginn stark belastet, auch abends zuhause. Heute gelinge es ihm besser, empathisch zu sein und trotzdem die gewisse Distanz zu wahren: «Ich helfe niemandem, wenn ich mit den Patienten weine. Sie brauchen etwas anderes von mir.»

Vier Wochen Ferien zum Üben

Helfen will Gerber nicht nur mit seiner Arbeit als Arzt, sondern auch mit der Musik. Deshalb tritt er am kommenden Montag an einem Benefizkonzert für das Kinderspital in der Tonhalle Maag auf. Die Idee dazu hatte die inzwischen weltbekannte Patricia Kopatchinskaja mit der er privat noch musiziert. Die beiden Musiker werden Werke von Mozart, Schumann, Takemitsu und Ravel interpretieren – es sollen Musikliebhaber und musikfernere Gönner auf ihre Kosten kommen.

Er sei etwas nervös vor der grossen Bühne, auch weil sein letzter öffentlicher Auftritt fast 15 Jahre her ist. Zur Vorbereitung hat Gerber vier Wochen Ferien genommen – denn Leidenschaft bleibt Leidenschaft. Das sieht auch Patricia Kopatchinskaja. Sie sagte in einem Interview mit dem Kispi: «Liebhaber-Musiker wie Nico haben den Vorteil, dass sie die Musik wirklich lieb haben.»

Erstellt: 21.11.2019, 20:36 Uhr

Forschen, damit alle Kinder wieder gesund werden

Kinder bekommen keinen Lungen- oder Brustkrebs. Sie leiden dafür häufiger an Leukämien, Hirntumoren und anderen spezifischen Tumorarten. Bei 220 Kindern und Jugendlichen wird in der Schweiz pro Jahr Krebs diagnostiziert – zu wenig, um für die Pharmaindustrie interessant zu sein. Deshalb engagieren sich die Kinderspitäler selber für die teure Erforschung neuer Medikamente. Nicolas Gerbers Team eröffnet manchmal am Kinderspital Zürich internationale Studien, ohne sicher zu sein, ob eine Studie auf einen Patienten passen wird. Aber sollte ein solcher Fall auftauchen, geht es mehrere Monate, um die Formalitäten zu erledigen. Monate, die das krebskranke Kind meist nicht hat. «Dank der Forschung können wir heute 80 Prozent der Kinder heilen», sagt der Onkologie-Oberarzt. Viele müssen aber mit Langzeitnebenwirkungen der Behandlungen leben. Diese will Gerbers Team am Kispi Zürich mit neue Medikamentenstudien eliminieren – und die weiteren 20 Prozent schaffen, damit alle Kinder wieder gesund werden. Dafür wird am Benefizkonzert vom 25. November gesammelt. (kme)

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