Bassersdorf

«Viele glauben immer noch, dass eine Frau ohne Kinder nicht glücklich sein kann»

Der einzige Schweizer Film, der dieses Jahr auf der Piazza des Locarno Film Festival gezeigt wurde, stammt von einer Bassersdorferin: Natascha Beller skizziert in «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» humorvoll das Leben über 30.

Natascha Beller während des Interviews in der «Deville»-Redaktion in Zürich.

Natascha Beller während des Interviews in der «Deville»-Redaktion in Zürich. Bild: Sibylle Meier

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Das Locarno Film Festival zählt zu den bedeutendsten Filmfestivals der Welt. Gerade ging die 72. Auflage des Festivals zu Ende. Mittendrin stand eine 37-jährige Regisseurin, die mit ihrem Erstling das Thema Kinderkriegen auf die Piazza brachte. Für Natascha Beller ist ein Wunschtraum in Erfüllung gegangen – und das war aus verschiedenen Gründen nicht selbstverständlich.

Aufgewachsen ist Beller in Bassersdorf, etwas südlich des Friedhofs Bachtobel. Geboten hat ihr das Unterland eine «normale» Kindheit, wie sie sagt, eine offene Wiese mit einem Apfelbaum und einer Schaukel drauf. Gerade volljährig, zog es sie in den Kantonshauptort. «Ich war nicht die anständigste Jugendliche», erzählt sie und lacht. «Der Musik- und Lebensstil ‹Grunge› war zu der Zeit so in, dass ich es lässig fand, mir die Haare nicht zu waschen. Rückblickend überrascht nicht, dass ich ständig angeschaut wurde. In der Stadt interessieren sich dagegen nicht mal die Nachbarn dafür, wer du bist.» Beller studierte danach an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und ging zur Drehbuchausbildung nach New York.

Lampenfieber in Locarno

«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» ist der erste Film, in dem sie Drehbuch, Regie und Produktion übernahm. Besser kannte sie bisher die Aufgaben im Hintergrund einer Filmproduktion: 2017 lieferte sie das Drehbuch zum Drama «Zwiespalt», seit 2016 arbeitet sie als Autorin und Regisseurin beim SRF-Format «Deville Late Night». «Als ‹reine› Autorin kannst du froh sein, wenn du eine Einladung zur Premiere erhältst», sagt Beller. So sei Locarno zwar schön gewesen, teils aber auch etwas beängstigend – vor 6000 Menschen im Rampenlicht zu stehen, war Neuland für sie. «Am Tag der Filmpremiere waren wir zu einem edlen Abendessen eingeladen, doch wir waren alle so nervös, dass wir nichts essen konnten.»

Quelle: Youtube

Im Mittelpunkt der Komödie stehen die Leben dreier Freundinnen über 30, vor allem aber der unbändige Kinderwunsch der Hauptfigur Leila. «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» verdreht klassische Rollenbilder: Im Zentrum stehen Frauen, die Männer um sie herum werden auf Sexobjekte reduziert. Die Ideen für die einzelnen Szenen griff Beller direkt aus dem Leben, auch aus ihrem eigenen.

«Bist du schwanger?»

So sass sie eines Abends in einem Zürcher Club und wartete auf eine Kollegin. «Da sprach mich ein junger Mann an – ich meine, so um die 20 – und als ich ihm verraten habe, dass ich 32 bin, hat er mich ohne weiteren Kommentar stehengelassen.» In diesem Moment wusste sie, dass noch mehr hinter dem Thema steckte. «Frauen in ihren Dreissigern werden, selbst von Fremden, ständig so intime Fragen gestellt: ‹Wann ist es bei euch soweit?› an einer Babyparty, ‹bist du schwanger?› beim alkoholfreien Abend. Das ist doch krass.»

Krass finde sie auch, wie stark die Haltung verankert ist, dass eine Frau ohne Kinder nicht glücklich sein könne. «Bist du als 40-jährige Frau kinderlos, wirst du bemitleidet: ‹Du wirst einsam und allein sterben›, heisst es dann. Als 40-jähriger Mann hingegen bist du der coole, unabhängige Junggeselle.» Dass die im Film angesprochenen Themen auch immer wieder auf sie selber bezogen werden – sie, die selber keine Kinder hat – stört sie nicht. Es gehe ja darum, dass diese Fragen diskutiert werden. «Wer mich fragt, ob ich selber einmal Kinder haben will, erhält immer dieselbe Antwort: Wir denken darüber nach, sobald unser Film 100000 Mal angesehen wurde. Dann können wir es uns leisten.»

Als Low-Budget produziert

Dass die Produktion es bis nach Locarno schaffte, war jedoch alles andere als selbstverständlich, denn die finanzielle Unterstützung fehlte. Die SRG lehnte das Drehbuch ab; beim Bundesamt für Kultur hat Beller zweimal erfolglos das Drehbuch eingegeben, und auch die Zürcher Filmstiftung schicke das Drehbuch zweimal zurück. «Schliesslich haben wir das Ganze als Low-Budget-Produktion selber umgesetzt», sagt Beller. Das bedeutete primär, dass die Mitarbeitenden ihre Löhne zurückstellten. «Der Vorteil in der Low-Budget-Umsetzung lag aber auch darin, dass wir viele Locations und Requisiten brauchen konnten, ohne bezahlen zu müssen. Es war toll, so viel Hilfe zu erfahren.»

Szene aus dem Film, Foto: Martin Wülser

Natascha Bellers nächstes Projekt könnte wiederum im SRF erscheinen. Aktuell entwickelt sie eine «weihnachtliche Krimi-Parodie» im Serienformat, die 2020 ausgestrahlt werden könnte. «Allerdings ist noch unklar, ob sie auch zustande kommt. Wenn sie abgesegnet wird, würden wir Anfang nächstes Jahr mit der Umsetzung starten.»

«Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» (89 Minuten) von Natascha Beller ist seit dem 29. August im Kino, aktuell in der Winterthurer Kiwi Loge sowie in den Zürcher Kino Kosmos und im Houdini. Alle Infos zum Film und den Vorstellungen gibt es hier.

Erstellt: 03.09.2019, 11:35 Uhr

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