Nassenwil

Vor 20 Jahren stürzte bei Niederhasli ein Flugzeug ab

Am Freitag jährt sich der Tag des Flugzeugabsturzes von Nassenwil, bei dem zehn Menschen ums Leben kamen, zum 20. Mal. Für die damals Involvierten wirkt das Ereignis bis in die Gegenwart nach.

Alt-Gemeindepräsident Hansruedi Hug: «Es war ein gespenstischer Anblick, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde.»

Alt-Gemeindepräsident Hansruedi Hug: «Es war ein gespenstischer Anblick, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde.» Bild: Paco Carrascosa

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Ein brauner, winterlicher Acker zwischen Niederhasli und dem Weiler Nassenwil. Daneben ein unscheinbarer kleiner Park mit einem Gedenkstein, umringt von einem Maschendrahtzaun. Dass sich hier vor genau 20 Jahren eine Katastrophe zugetragen hat, ist wohl nur noch wenigen Personen bewusst, die an diesem Ort vorbeikommen. Doch es muss schrecklich gewesen sein: Kurz nach dem Start am Flughafen stürzte eine Crossair-Maschine mit der Nase voraus geradewegs in den Boden und riss einen grossen Krater hinein. Sämtliche zehn Personen an Bord waren sofort tot.

«Die Trümmer und Leichenteile waren überall verteilt, bis auf die Strasse», erinnert sich Hansruedi Hug. Der damalige Gemeindepräsident führte gerade ein Bewerbungsgespräch für die Verwaltung, als ihn kurz nach 18 Uhr der Anruf erreichte. Er war einer der ersten am Unglücksort. «Es war dunkel und es herrschte dicker Nebel. Überall waren kleine Brandherde.» Um was für ein Flugzeug es sich handelte, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. «Es war ein gespenstischer Anblick, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde», sagt der 69-Jährige.

Schock in der Bevölkerung

Dennoch habe er neben der Bestürzung auch Erleichterung verspürt, sagt Hansruedi Hug. «Ich war froh, dass unsere Siedlungen verschont geblieben waren.» Der Schock in der Bevölkerung sei gross gewesen und er habe viel Zeit damit verbracht, die Menschen zu beruhigen.

Die Maschine des Typs Saab 340B war nach Dresden unterwegs. An Bord waren sieben Passagiere sowie drei Besatzungsmitglieder. Wieso genau das Flugzeug abstürzte, ist nie ganz klar geworden. Gemäss Bericht, den das Büro für Flugunfalluntersuchungen 2002 veröffentlichte, spielten verschiedene ungünstige Faktoren zusammen: Einerseits hatten die Piloten die räumliche Orientierung verloren und unzweckmässig auf die Änderung der Instrumentenabflugroute durch den Kontrollturm reagiert.

Der SF DRS-Tagesschaubeitrag vom 10. Januar 2000 (Quelle: Youtube)

Dabei mögen Kommunikationsprobleme mitgespielt haben. Denn weil die Crossair damals einen Expansionskurs verfolgte, stellte sie viele ausländische Mitarbeitende mit unterschiedlicher Ausbildung ein. Der Pilot stammte aus Moldau und der Co-Pilot aus der Slowakei. Eine Rolle könnte auch das Beruhigungsmittel gespielt haben, das der Pilot eingenommen hatte.

Bilder störten Schlaf

Unter den ersten Zeugen an der Absturzstelle war auch ein Einwohner aus Niederhasli, der mit seinem Hund in unmittelbarer Nähe am Joggen war. Damals gab er diversen Medien Auskunft. Heute möchte er aber nicht mehr namentlich erwähnt werden. Als ihn der «Zürcher Unterländer» anruft, zögert er zuerst ein wenig. Er habe eigentlich mit dem Ereignis abgeschlossen, sagt der knapp 60-Jährige. «Ich habe danach lange schlecht geschlafen.»

An diesem trüb-kalten Januarabend habe er plötzlich ein komisches Geräusch gehört, eine Art Brummen, sagt der regelmässige Jogger. «Kurz darauf sah ich einen hellen Feuerpilz.» Während weitere Explosionen ertönten, rannte er in die entsprechende Richtung und befand sich bald vor dem Trümmerfeld. «Meine Jogginghose begann unten leicht zu brennen, ich konnte das Feuer aber ersticken», erinnert er sich. Erst nach einer Weile realisierte er, dass es sich um einen Flugzeugabsturz handeln musste.

Nur noch Trümmer

Den Feuerball, der wohl vom explodierenden Kerosin stammte, hatte Andreas Lochmeier nicht gesehen. Der heutige Kommandant der Flughafenfeuerwehr war damals mit einem Löschfahrzeug auf der Suche nach der Absturzstelle. «Der Tower hatte uns informiert, dass ein Flugzeug nach dem Start abgestürzt war. Doch wir wussten nicht genau wo», schildert Lochmeier. Trotzdem war die Flughafenfeuerwehr innert weniger Minuten vor Ort. «Ich riss den Schlauch heraus und rannte aufs Feld, in Richtung des Lochs, aus dem es rauchte.» In diesem Moment habe er sich gefragt, wo der Flieger eigentlich sei. Denn vom Flugzeug sei nicht mehr viel übrig gewesen. Es sei in Hunderte von Trümmerteilen zerschellt worden.

Obwohl die Berufsfeuerwehrleute am Flughafen auf die Brandbekämpfung an Flugzeugen spezialisiert sind und Lochmeier bereits mehrere Flugzeugabstürze erlebt hat, bleibt «Nassenwil» auch für Lochmeier eines der denkwürdigsten Ereignisse. Beim Absturz in Bassersdorf, knapp zwei Jahre später, habe es Überlebende gegeben, erzählt er. Deren Bergung habe Priorität gehabt. In Nassenwil dagegen war dies nicht der Fall. Doch man habe noch in der gleichen Nacht begonnen, zusammen mit dem Gerichtsmediziner die Leichenteile einzusammeln, um sie vor Wildtieren zu schützen, sagt Lochmeier. Während der nächsten vier Tage halfen die Feuerwehrleute beim Bergen und Verpacken der Flugzeugteile, die den Untersuchungsbehörden Hinweise auf die Unfallursache gaben.

Hilfsbereite Bevölkerung

Auch Christian Meier war in jener Nacht auf den Beinen. Der heutige Kommandant der Feuerwehr Niederhasli war damals bereits stellvertretender Kommandant und schon fast 20 Jahre dabei. Als er an der Unglücksstelle eintraf, waren die Brandherde bereits gelöscht. Aufgabe der Milizfeuerwehren Niederhasli und Dielsdorf war es, das Terrain abzusperren, damit keine Unbefugten das Gelände betraten und die zuständigen Fachpersonen ungestört arbeiten konnten. Auch eine Beleuchtung wurde installiert. Man habe sich über die nächsten Tage in Schichten abgelöst, erzählt Meier. «Es war der längste und einprägsamste Einsatz in meiner Feuerwehrkarriere.» Einige Kollegen suchten auch Hilfe bei den Notfallseelsorgern, um die belastenden Bilder zu verarbeiten.

Das Medienecho war riesig. Bereits in besagter Nacht waren zahlreiche Journalisten und Schaulustige vor Ort. Viele davon wärmten sich im damaligen Restaurant Mühlehalden in Nassenwil auf und benutzten dort auch das Festnetztelefon, weil das mobile Netz damals noch unzuverlässig war. Auch die Bewohner des nahen Landwirtschaftsbetriebs Kastelhof hätten den Feuerwehrleuten Kaffee serviert, erzählt Ex-Gemeindepräsident Hug. «Die Betroffenheit im Dorf war gross.» Dies sei auch an der offiziellen Trauerfeier spürbar gewesen, zu der unter anderen die Angehörigen – einige aus Deutschland – und Crossair-Chef Moritz Suter angereist waren.

Gedenkstätte wenig besucht

Doch in den letzten Jahren waren an der Gedenkstätte nur noch selten Leute anzutreffen. Die Inschrift auf der Tafel am hinkelsteinförmigen Felsbrocken ist bereits etwas verblasst. Davor wachsen einige kümmerliche Erika, die beiden Grabkerzen sind erloschen. Nur die zehn Trauerweiden – für jede verstorbene Person eine – haben mittlerweile eine stattliche Grösse erreicht.

Für jedes Opfer wurde eine Trauerweide gepflanzt (Foto: Paco Carrascosa).

Während die reformierte Kirche vor zehn Jahren nochmals einen Gedenkgottesdienst organisiert hatte, wird sie es diesmal bei einer Gedenkminute im normalen Sonntagsgottesdienst belassen. Man habe vor zehn Jahren entschieden, die Sache abzuschliessen, erklärt Pfarrer Lysander Jakobi. Und auch vonseiten der Gemeinde ist nach zwanzig Jahren nichts mehr geplant. Man will die Toten ruhen lassen.

(Erstellt: 09.01.2020, 15:32 Uhr)

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