Bülach

Was tun, wenn sich jemand umbringen will?

Depressionen, Suizidgefahr, Panikattacken: Der Umgang mit Personen, die unter psychischen Problemen leiden, ist nicht einfach. Ein Nothelferkurs soll das ändern.

Unbehandelt führen psychische Krankheiten oft zur Isolation der Betroffenen von ihrem Umfeld.

Unbehandelt führen psychische Krankheiten oft zur Isolation der Betroffenen von ihrem Umfeld. Bild: Keystone

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Eine Person liegt ohnmächtig am Strassenrand. Sie atmet zwar, bewegt sich aber nicht. Wer einmal einen Nothelferkurs besucht hat, weiss bei körperlichen Verletzungen meistens, was zu tun ist. Herzkompressionen, Druckverbände und Lagerungen gehören zum Standardwissen.

Wie verhält man sich jedoch in psychiatrischen Notfällen? Wie hilft man einer Person, die unter akuter Suizidgefahr steht? Sobald es um die Psyche geht, sind viele plötzlich überfordert. «Viele Menschen wissen nur sehr wenig über psychische Krankheiten, vor allem, wenn es um Notfallsituationen geht», sagt Gaby Beer. Die psychosoziale Beraterin aus Bülach ist auch Instruktorin für Erste Hilfe Kurse für psychische Gesundheit. Die sogenannten Ensa-Kurse sollen Menschen helfen, mit kritischen Situationen klar zu kommen und das Thema psychische Gesundheit zu entstigmatisieren. In Bülach fängt am 27. November der erste vierteilige Kurs an.

Früher Eingriff

Die psychische Gesundheit wird zu einem immer wichtigeren Thema für Politik und Wirtschaft: Rund ein Viertel der Europäischen Bevölkerung leidet unter psychischen Erkrankungen von Depressionen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen. Trotzdem werden diese Krankheiten oft nicht ernst genommen. Stereotypen halten sich hartnäckig im Umgang mit der Thematik.

«Die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten führt dazu, dass sich beide Seiten voneinander Distanzieren», sagt Ensa-Instruktor Christian A. Herbst. Eine frühe Betreuung wäre dabei entscheidend. Viele psychische Krankheiten brechen nämlich bereits in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter aus. Drei Viertel aller Betroffenen haben ihre erste Episode bevor sie 25 Jahre alt sind.

Die Folgen von unbehandelten psychischen Krankheiten können deshalb verheerend sein. Oft sind sie mit langen Krankheitsverläufen und weitreichenden Folgen für die persönliche und berufliche Entwicklung der Erkrankten verbunden. «Psychische Krankheiten sind nicht nur menschliche Tragödien sondern auch ein volkswirtschaftliches Problem», sagt Beer.

Im vierteiligen Ensa-Kurs erwerben Laien Basiswissen zur psychischen Gesundheit und zu den wichtigsten psychischen Krankheiten: Depressionen, Angst- und Panikattacken, Schizophrenie und Psychosen. Ensa-Nothelfer lernen dabei, Betroffene anzusprechen, ihr psychisches Befinden einzuschätzen und sie anschliessend zur professionellen Hilfe zu ermutigen.

«Gerade bei Menschen mit Suizidgedanken ist es wichtig, dass man sie direkt auf das Thema anspricht», erklärt Beer. «Die meisten wollen nämlich gar nicht sterben, sondern nur, dass das Leiden aufhört. Darüber zu reden hilft meistens schon.» Auch sei es hilfreich, von den eigenen Erfahrungen und Problemen zu reden.

Eine passende Antwort

Nothelferkurse für psychische Krankheiten gibt es erst seit rund zwei Jahrzehnten. Den Anfang machten die Australier Betty Kitchener und Anthony Jorn im Jahr 2000 mit dem «Mental Health First Aid» (MHFA). Seit 2003 wird der Kurs auch in anderen Ländern angeboten. Weltweit wurden bereits über 2 Millionen Kursteilnehmer ausgebildet. Die Wurzeln sind noch im Namen zu erkennen: «Ensa» kommt aus einer der mehr als dreihundert Australischen Ureinwohnersprachen und bedeutet Antwort.

Mehr Informationen auf https://ensa.swiss/de/

Erstellt: 11.10.2019, 17:51 Uhr

Christian A. Herbst
Ensa Instruktor
Institute for Mental Health Zürich

Nachgefragt

«Eine psychische Störung kann jeden von uns treffen»

Wieso braucht es Erste Hilfe für psychische Krankheiten?

Jede und jeder, der einen Führerschein macht, muss auch einen Nothelfer-Kurs belegen damit er oder sie – im Fall der Fälle – ausgerüstet ist, Personen in Not zu helfen. Was bei physischen Notfällen selbstverständlich ist, muss einfach auch bei psychischen Krankheitsbildern und Notfällen selbstverständlich werden. Die Menschen sollen ausgerüstet sein um zu handeln, wenn sie selbst oder jemand in ihrem Umfeld eine unter psychischer Belastung leidet. Mehr über psychische Gesundheit und Krankheit zu wissen und Erste Hilfe anbieten zu können, ist für alle gut und hilft, das Stigma abzubauen.

Welche Personen sind von psychischen Krankheiten besonders betroffen?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ungefähr 26 Prozent aller Menschen in Europa haben innerhalb eines Jahres mit einer psychischen Störung zu tun. Aber nur ein Viertel von ihnen erhalten oder suchen professionelle Hilfe. Die Stigmatisierung des Themas ist das vordringlichste Problem, somit sind wir alle die «Betroffenen». Eine psychische Störung kann nämlich jeden von uns treffen und schon heute sagen 9 von 10 Befragten, dass sie jemanden kennen, der psychische Probleme hat.

Wie gut ist die Schweizer Gesellschaft im Umgang mit psychischen Krankheiten?

Leider sind wir darin sehr schlecht. Das Thema ist stark tabuisiert, man redet nur über das Einkommen noch weniger gern als über psychische Erkrankungen. Betroffene haben oft Angst vor negativen Reaktionen, wenn sie ihre psychischen Probleme mit anderen Menschen aus ihrem Umfeld teilen. Sie ziehen es vor, zu schweigen und leiden deshalb stark. Das zieht schwerwiegende längerfristige Folgen mit sich. Aus anfänglich leichten psychischen Problemen entwickeln sich oft sehr schwere Beeinträchtigungen, wenn nicht früh geholfen wird. Weil sich die Betroffenen nicht trauen, Hilfe zu suchen, müssen die Menschen im Umfeld, die es sehen, aktiv werden. Viele sagen auch, dass sie Menschen in ihrem Umfeld sehen, die leiden. Sie würden zwar gerne helfen, wissen aber oft nicht wie.

Haben wir Fortschritte in den letzten Jahren gemacht?

Bis in die 1970er Jahre wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Psychiatrie versorgt. Das hat sich verändert. Heute wird langsam akzeptiert, dass die Schweiz ein Problem mit der psychischen Gesundheit hat – «man» sollte was tun, wird gesagt. Insbesondere in der Arbeitswelt kommt das Thema an. Und die Ensa-Kurse sind Teil der Antwort auf die aktuellen Herausforderungen – weil tatsächlich jede und jeder etwas tun kann.

Was muss sich politisch oder wirtschaftlich in unserem Umgang mit psychischen Krankheiten ändern?

Kanada oder England sind uns in diesem Bereich weit voraus. Aus diesen Ländern haben wir Forschungsresultate, die belegen, dass es sich gerade für Unternehmen lohnt, für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu sorgen. Es ist dort von einem «Return on Investment» von 1:10 die Rede – das heisst, für jeden Dollar, Pfund oder Franken, den man in die Förderung der psychischen Gesundheit investiert, können 10 gespart werden. Dies gilt ganz besonders für die Ensa-Kurse, die in den Firmen durchgeführt werden. (abz)

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