Bülach

Als der Landesstreik den Bahnhof Bülach erreichte

Vor 100 Jahren proklamierte das Oltener Aktionskomitee den unbefristeten, landesweiten Generalstreik. Die Ereignisse in Bülach standen zwar im Schatten dessen, was in den grossen Städten passierte. Aber auch hier kämpften die Arbeiter mit Entschlossenheit für ihre Ziele.

Während des Generalstreikes kam es auch am Bahnhof Bülach zu einem Vorfall, der später das Territorialgericht V beschäftigte.

Während des Generalstreikes kam es auch am Bahnhof Bülach zu einem Vorfall, der später das Territorialgericht V beschäftigte. Bild: Adolf Feller, Adolf

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Am 11. November 1918 wurde in der Schweiz der Generalstreik proklamiert. Er war einerseits zurückzuführen auf die Versorgungslage, die sich während des ersten Weltkrieges verschlechtert hatte und die Teuerung der Lebensmittel, welche die Arbeiterschaft am stärksten traf. Andererseits war die Sozialdemokratie damals von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen.

Zusätzlich war die Mobilisierung militärischer Truppen aufgrund einer angeblichen Revolutionsgefahr in den Augen des Oltener Aktionskomitee (OAK) inakzeptabel. Die wichtigsten Forderungen des OAK waren eine sofortige Einführung der Proporzwahl des Nationalrates, das Frauenwahlrecht, die 48-Stunden-Woche und eine Alters- und Invalidenversicherung. Heute, 100 Jahre später, sind sie weitgehend erfüllt.

So war es in Bülach

In Bülach war der Streik, obwohl in der Mehrheit der Betriebe weitergearbeitet wurde, deutlich spürbar. In der Sulzer Giesserei wurde gestreikt und die Schriftsetzer legten die Arbeit zumindest teilweise nieder. Ausserdem standen am Bahnhof Bülach die Züge still. Über die Ereignisse in der Sulzer Giesserei sind keine Details mehr bekannt. Die Bülach-Dielsdorfer Wochenzeitung berichtete, dass eine Delegation Winterthurer Typographen in ihrer Druckerei erschienen sei.

Es gelang den Winterthurern offenbar, die meisten Bülacher Kollegen vom Streik zu überzeugen. Die Wochenzeitung erschien nur als «halbe Zeitung». Ihr Redaktor Fritz Bopp war zudem Nationalrat. Auf seinem Weg nach Bern musste er Umwege in Kaufnehmen, da ab Bülach keine Züge nach Zürich fuhren. So fuhr er via Baden. In Bern nahm er dann aktiv an der Debatte über den Landesstreik teil.

Ein Streik am Bahnhof

Über die Ereignisse am Bahnhof in Bülach sind wir gut unterrichtet, da zu den dortigen Vorfällen am 11. November im Bundesarchiv Militärgerichtsakten vorhanden sind. 200 bis 300 Streikende waren am ersten Tag des Streiks auf dem Bahnhofsgelände anwesend. Um fünf Uhr morgens weckten sie den Bahnhofsvorstand mit der Mitteilung, es werde gestreikt. Das Bahnpersonal der drei abfahrtsbereiten Züge teilte dem Bahnhofsvorstand mit, man wolle nicht abfahren. Alle Überredungskünste des Bahnhofvorstandes nützten nichts.

Ausserdem blieben alle drei Züge, die an diesem Tag noch in Bülach einfuhren – einer aus Schaffhausen, einer aus Stein und einer aus Basel – in Bülach stehen. Insgesamt waren sich später alle Anwesenden inklusive Bahnhofsvorstand einig, dass sich die Streikenden am Bahnhof sehr diszipliniert verhalten hatten und der Streikleiter Walter Bösch für Ruhe und Ordnung auf dem Gelände gesorgt hatte.

Die Mittel, mit welchen die in Bülach noch eintreffenden Züge gestoppt wurden, wurden jedoch unterschiedlich bewertet. Offenbar war der Lokführer des aus Basel ankommenden Zuges zuerst Willens, noch bis Winterthur weiterzufahren. Der in Brugg wohnhafte Heizer Fridolin Scherrer, der später angeklagt wurde, unterpflöckte jedoch die betreffende Lokomotive und zog den Lufthahn, damit diese nicht weiterfahren konnte. – Sabotageaktion oder eine normale Sicherung einer stehenden Lokomotive?

Die vor Ort Anwesenden waren sich in dieser Frage nicht einig. Die Aktion führte jedenfalls zu einer Anklage wegen «Gefährdung und Störung der inneren Sicherheit.» Das Territorialgericht V sprach Scherrer jedoch frei. Ein Schuldspruch hätte wohl allzu deutlich nach willkürlicher Klassenjustiz ausgesehen. Was sich am Bahnhof in Bülach in den Folgetagen bis zum Streikabbruch ereignete, ist quellenmässig nicht überliefert. Es ist aber davon auszugehen, dass bis zum Abbruch am 14. November weitergestreikt wurde.

Bülacher Behörden in Angst

Einen Tag nach Streikausbruch beschloss der Gemeinderat Bülach, eine Bürgerwehr zu bilden gegen das «terroristische Treiben dieser unsauberen Elemente». Dies ist im Gemeinderatsprotokoll nachzulesen. Zusätzlich wurden beim Regierungsrat auch Truppen angefordert zum Schutz der Arbeitswilligen. Oberstdivisionär Sonderegger, Kommandierender der Truppen im Kanton Zürich, lehnte dies ab. Offenbar wollte er seine Truppen an wichtigen Brennpunkten konzentrieren. Das Vorgehen des rein bürgerlichen Gemeinderats lässt sich wohl primär auf damals verbreitete Revolutionsängste zurückführen.

Was nach dem Streik geschah

Viele Bülacher Arbeiter und Sozialdemokraten waren enttäuscht über den Streikabbruch des OAK. Viel grösser aber war die Verbitterung über die Bildung einer Bürgerwehr durch den Gemeinderat. Scharfe Kritik wurde in der Arbeiterschaft auch am übertriebenen Militäraufgebot in Zürich geübt. Zunächst tat sich in Bülach ein Graben auf zwischen den sozialdemokratischen Arbeitern auf der einen Seite und dem Bürgertum und den Bauern auf der anderen.

Das zeigte sich auch darin, dass die Sozialdemokraten vollständig aus allen Gemeindebehörden verdrängt wurden. Auf der anderen Seite wirkte der Landesstreik mobilisierend. Die SP Bülach verzeichnete in den Monaten nach dem Landesstreik deutlich steigende Mitgliederzahlen. Der Weg hin zur Integration in das Gemeinwesen war für die Sozialdemokratie jedoch noch lang.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 07.11.2018, 14:25 Uhr

Die Vorläufer

Bülach mit einigen industriellen Betrieben und dem Verkehrsknotenpunkt des Zürcher Unterlandes war schon vor 1914 Austragungsort einiger Arbeitskonflikte. 1889 streikten in Bülach die Typografen, 1897 die Eisenbahner und 1903 und 1906 die Glasarbeiter. Wirklich viel Aufsehen erregte jedoch der Maurerstreik im Jahr 1907. 50-60 Maurer, meist Italiener, streikten, um die tägliche Arbeitszeit von elf auf zehn Stunden zu verkürzen – ohne Lohneinbusse. Als die streikenden Maurer sich im Gasthof Rössli versammeln wollten, wurden sie von einer durch den Gemeindepräsidenten zusammengestellten Bürgerwehr verprügelt. In der Folge organisierten die Sozialdemokraten in Bülach eine Protestversammlung mit grosser Beteiligung aus Zürich und Winterthur. Insgesamt demonstrierten am 2. Juni 1907 über 3000 Teilnehmende in Bülach gegen Gewaltaktion der Bürgerwehr. Im kleinen Städtchen Bülach, das damals gerade etwa 2500 Einwohner hatte, löste die grosse Versammlung, die jedoch friedlich ablief, einige Beunruhigung aus. Matthias Schwank

Das waren die Kontrahenden im Bülacher Streik

Walter Bösch auf der einen und Fritz Bopp auf der anderen Seite waren die führenden Köpfe der beiden Lager im Landesstreik. Ob sie je direkt aufeinander getroffen sind, ist allerdings nicht bekannt.

Walter Bösch vertrat die sozialdemokratisch-gewerkschaftliche Sache, Fritz Bopp die bürgerlich-bäuerliche. Die beiden waren in Bülach während des Landesstreiks die Anführer der jeweiligen Lager. Fritz Bopp, Vertreter einer ausgesprochen konservativen Politik, leitete 1918 die Redaktion der Bülach-Dielsdorfer Wochenzeitung (später «Zürcher Unterländer») und war Nationalrat. Im Bundeshaus, anlässlich der Debatte über den Landesstreik, äusserte sich Bopp folgendermassen: «Ich sage nein, niemals! […] Lieber drinnen unter dieser Kuppel sich begraben lassen, wenn sie eine rote Fahne aufpflanzen wollen, ehe wir weichen. – Man mag vielleicht mit dem einen oder andern von diesen Postulaten einverstanden sein und es annehmen können. Aber heute nicht und unter diesem Drucke niemals! […] Wenn wir heute kapitulieren, so haben wir für alle Zeiten kapituliert.»

Das AOK kritisiert

Walter Bösch arbeitete 1918 als Lokführer, war Gewerkschafter und sehr aktives Mitglied in der SP Bülach. Auf dem Bahnhof Bülach war er während des Landesstreiks Streikleiter. Bösch war, wie die meisten Bülacher, enttäuscht über den Ausgang des Streiks. Er kritisierte das OAK dafür, dass dieses beim Streikabbruch den Streikenden keine Rückendeckung gegeben habe. Grösser war aber seine Verbitterung gegenüber der bürgerlichen Seite, die ja in Bülach sogar eine Bürgerwehr organisiert hatte. An einer Parteiversammlung Ende November forderte er, dass Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten die bürgerlichen Vereine verlassen sollten. Da man in den Augen der Bürgerlichen sowieso nur Gesindel sei, sei eine «totale Trennung von Proletariat und Bourgeoisie» angezeigt.
Matthias Schwank

Podiumsgespräch

«Streiken damals und heute». Am Freitag, 9. November, um 19.30 Uhr, im reformierten Kirchgemeindehaus in Bülach. Es referieren Matthias Schwank, Historiker, Stefan Länzlinger, Leitung Archiv Bild und Ton Schweizerisches Sozialarchiv. Das anschliessende Podiumsgespräch wird geleitet von Luis Manuel Calvo Selgado, Gemeinderat Grüne, Büach.

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