Kloten

Ansturm auf Designerstücke

Grossandrang am Klotener Sonnenhang: Die Liquidation einer kompletten Einrichtung mit Möbeln von Corbusier und Max Bill hat am ersten Verkaufstag über 300 Leute angelockt.

Selbst nach Verkaufsstart um neun Uhr bildete sich am Donnerstag eine lange Schlange vor dem Hauseingang an der Alten Landstrasse 42 in Kloten.

Selbst nach Verkaufsstart um neun Uhr bildete sich am Donnerstag eine lange Schlange vor dem Hauseingang an der Alten Landstrasse 42 in Kloten.

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Dutzende Neugierige stehen in der Garagenvorfahrt. Und viele sind mit dem Auto da. Zwar gilt auf der Alten Landstrasse in Kloten ein allgemeines Fahrverbot. Dennoch herrscht an diesem frostigen Januarmorgen reger Verkehr auf dem schmalen Strässchen, das an dieser Stelle steil ansteigt.

Der Grossandrang konzentriert sich auf das schmucke Eigenheim mit der Hausnummer 42. Für Nachbarn, aber vor allem auch für die Töchter der einstigen Bewohner mutet dies sonderbar an. «Ich musste weg bevor es losging», gibt eine von ihnen freimütig zu. Denn an diesem Tag werden Fremde ihr Elternhaus stürmen. Schon morgens um sieben Uhr belagern sie das Haus. Bis um neun Uhr versammeln sie sich, oft wortkarg wartend und buchstäblich zugeknöpft in edlen Anzügen aber auch ganz praktisch in Handwerkerkluft in der Kälte. Ein kleines Schild neben der Einfahrt verrät, was hier los ist. «Heute Liquidation» steht da.

Loslassen ist nicht einfach

«Wir haben das so gewollt», räumt eine Tochter des früheren Architekten Kurt Habegger ein, «doch loslassen ist nicht einfach». Die Liquidation zeige ihr aber auf, dass ein Lebensabschnitt jetzt definitiv vorbei ist. Die Eltern sind nun beide tot. Das Haus steht leer. Allerdings ist es noch voll mit Erinnerungen aus der eigenen Kindheit. Und zudem gibt es darin eine edle Einrichtung, was denn auch der Grund für den Grossandrang ist.

Jürg Hoss ist ein erfahrener Verkäufer. Er führte schon die Liquidation der Swissair durch.

Eine Minute vor Türöffnung gibt Jürg Hoss seinen sieben Angestellten die letzten Anweisungen. Dann stürmen auch schon die ersten 25 Schnäppchenjäger ins Wohnzimmer. Der Sicherheitsmann am Eingang ist angewiesen, die Interessenten nur in kleinen Gruppen einzulassen. «Wir versuchen unser Bestes», sagt Liquidator Hoss. Draussen warten derweil unzählige potenzielle Kunden weiter in der Kälte.

Vor zwei Wochen war er das erste Mal hier, hat alles gesichtet, geordnet, angeschrieben und von privaten Dokumenten gesäubert. «Hier hat es nicht so viele Gegenstände», meint der erfahrene Verkäufer. Er, der schon die Liquidation der alten Swissair organisiert hatte, arbeitet auch regelmässig mit den Notariaten von Bassersdorf und Bülach zusammen, wenn es um Verwertungen geht. Da treffe er manchmal auf ziemlich verwahrloste Haushalte, erzählt er.

Polizei sorgt für Aufregung

In der Architektenvilla an erhöhter Lage in Kloten gibts Kunst und Design namhaften Ursprungs. Mit dem Ansturm hat der Organisator der Veranstaltung gerechnet. Schliesslich hat der Geschäftsmann einen E-Mail-Newsletter verschickt – an rund 14000 Interessierte. «Die haben sich bei mir alle selbst dafür angemeldet», betont er. Nicht gerechnet hat Hoss aber mit der Polizei. Sie wurden nicht durch Schnäppchen, sondern die vielen falsch parkierten Autos vor dem Haus angelockt. Nach einer kurzen Klärung legt sich die Aufregung wieder. Dann dreht sich drinnen schon wieder alles ums Geschäft.

«Wir sind alle wegen dem Tisch hier», flüstert ein Mann mit dunklem Mantel. Gemeint ist der «Quadratrundtisch», ein absoluter Desigklassiker von Max Bill. 5200 Franken steht auf dem Preisschild. «Viel zu teuer», schnödet ein anderer – «Für die Hälfte wäre gut.»

Dieser Tisch von Max Bill gilt als Designklassiker und ist ein gefragtes Möbelstück. Allerdings schreckte das mit 5200 Franken beschriftete Preisschild zu Beginn der Liquidation viele Interessenten ab.

Viele handeln selbst und sind auf Trouvaillen aus, die beim Wiederverkauf satte Gewinne versprechen. «Es ist schwierig geworden, der Onlinehandel macht vieles kaputt», sagt Hoss. Oft würden Kopien als Originale verkauft. Nicht so bei ihm. Die mit 950 Franken angeschriebene Liege von Le Corbusier ist absolut echt. «Hier, signiert», zeigt er den versteckten Gravurstempel am Gestänge.

Nach einer Stunde prangen schon etliche «Verkauft»-Zettel an den Gegenständen. An der improvisierten Kasse stauen sich Käufer beladen mit Skulpturen, Lampen, Büchern und Stühlen. Eine Frage hört Hoss immer wieder und sagt dann stets: «Nein, das Haus wird nicht verkauft.» Der ganze Rest aber schon – bis am Samstag um 15 Uhr vor Ort zu besichtigen.

Am Donnerstagmorgen spazierte eine illustre Besucherschar mit neugierigem Auge durchs Wohnzimmer.

Erstellt: 16.01.2020, 19:53 Uhr

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