Dielsdorf

Auf der Pferderennbahn die Welt analysiert

Der 82-jährige Erich Gysling ist Schweizer Politexperte und versteht es, komplexe Zusammenhänge verständlich, präzis und unterhaltsam zu vermitteln. Davon konnten sich 150 Besucher eines Referats in Dielsdorf überzeugen.

Bild: Urs Brunner

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«Gestern zurück aus Tokio, heute auf der Rennbahn in Dielsdorf und morgen fliegt Herr Gysling nach Jordanien», so stellte Gerhard Stucki den prominenten Referenten am Kundenanlass der Bezirkssparkasse Dielsdorf im Tribünenrestaurant vor. War es das Thema «Ein Jahr nach der US-Wahl: Welt ohne Führung?» oder die Person, das im Zentrum des grossen Interesses stand? Kurt Wiederkehr aus Dielsdorf sagt: «Beides.

Erich Gysling in einem TeleZ-Talk (Quelle: Youtube)

Das Thema ist allgegenwärtig, andererseits wollte ich ihn live erleben.» Gysling war Chefredaktor vom Schweizer Fernsehen, Leiter von «Rundschau» und «Tagesschau» und ist heute ein renommierter Analyst von aussenpolitischen Themen. Gysling spricht acht Sprachen und hat auch Arabisch studiert, was ihn zuerst zum gefragtesten Nahost-Experten gestempelt hatte.

Mittlerweile hat der Vollblut-Journalist sein Arbeitsfeld auf die ganze Welt ausgedehnt und bereist oft auch die USA. Dort ist er in Sioux City, Iowa, sogar Ehrenbürger. Trotzdem zeichnen sich Gyslings Analysen mit Distanz zum Geschehen aus, beinhalten aber keinen Anti-Amerkanismus.

Was will Trump als Präsident?

Im November 2016 warnte Erich Gysling als einer der ersten Politexperten, dass Donald Trump die Sensation schaffen könnte. Mittlerweile ist Trump ein Jahr im Amt und hält mit seiner agressiven Rhetorik, seinen Twitter-Kurzmeldungen und Entscheidungen die Welt auf Trab. Gysling beschwichtigt: «Es geht besser als man gedacht hat, weil die Gewaltenteilung, die ‹Checks and Balances›, in den USA funktioniert, Gerichte, der Kongress oder einzelne Bundesstaaten die Ausführungen von Trump-Dekreten untersagen.»

Gemäss Gyslings Analysen geht es Trump vor allem darum, seine Wähler zu befriedigen. Dabei verstricke er sich immer wieder in Widersprüche, wie bei der Schaffung von neuen Jobs, der Abschaffung der Obama-Care bis hin zur Normalisierung der Beziehung mit Kuba oder die Grenzmauer zu Mexiko.

Brandherd Nordkorea

Die Eskalation zwischen Nordkorea und den USA beobachtet Gysling ganz genau und ist überzeugt: «Nordkorea wird weitere Raketen starten und an seiner Wasserstoffbombe arbeiten, um eine Atommacht zu werden.» Der Politexperte warnt davor, dass unbedachte Worte von Trump oder Kim Jong Un einen Prozess von unkontrollierten Eskalationen auslösen könnte. China spiele bei diesem Konflikt eine zwiespältige Rolle. Solange Nordkorea bestehe, halt es die USA von Chinas Grenze fern. Falle der Nachbar, müsse China mit einem gewaltigen Flüchtlingsstrom rechnen.

Das Verhältnis zwischen den USA und Russland bezeichnet Gysling als den Beginn einer Eiszeit. Putin setze seine Interessen in Syrien durch, während der Westen die Kurden fallen gelassen habe. Ein grosses Spannungsfeld sieht Gysling auch im Nahen Osten, wo die Saudis mit Finanzprobleme kämpften und der Iran-Konflikt sich weiter auswirken könne. «Wie Westeuropa, so ist die Schweiz auch gefordert, der Trump-Strategie entgegen zu treten, respektive sie so weit wie möglich zu unterlaufen.»

Ohne Manuskript

Weitere Themen wie Israel, Natoaufrüstung, Freihandelszone sowie der Bankenstreit, der von den amerikanischen Geldinstituten angezettelt worden ist, kommentierte Gysling kurz und prägnant. Ein lang anhaltender Applaus belohnte sein einstündiges, in freier Rede gehaltenes Referat. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 03.11.2017, 15:28 Uhr

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