Bassersdorf

Bassersdorf hofft auf neue Strasse – Kloten setzt auf neue Schienen

In Bassersdorf spricht man von einer grossen Chance: Seit Jahrzehnten thematisiert, aber nie realisiert, scheint eine Ortsumfahrung wieder näher zu rücken. Doch Kloten wehrt sich.

Auf offenem Feld bauten die SBB bei Bassersdorf schon 1978 dieses Viadukt, nur auf die darunter geplante Umfahrungsstrasse wartet man in Bassersdorf bis heute vergeblich. Foto: Leo Wyden

Auf offenem Feld bauten die SBB bei Bassersdorf schon 1978 dieses Viadukt, nur auf die darunter geplante Umfahrungsstrasse wartet man in Bassersdorf bis heute vergeblich. Foto: Leo Wyden

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Die Hoffnung sterbe zuletzt, heisst es. In Bassersdorf keimt sie momentan gerade wieder auf. Im verkehrsgeplagten Dorf sehnt man sich nämlich seit über einem halben Jahrhundert nach einer Verkehrsentlastung. In unmittelbarer Nachbarschaft von Kloten, auf der Anfahrt zum Flughafen, ist das Zentrum von Bassersdorf seit Jahrzehnten einem erheblichen Verkehrsaufkommen ausgesetzt.

Jetzt wird der Ruf nach einer Verkehrsentlastung mittels einer neuen Strasse ums Dorf herum wieder lauter. Der Grund sind die neusten Pläne der SBB, in Bassersdorf einen Tunnel zu bauen, was zu einer teilweisen Verlegung der Durchgangsachse führen wird. Viele Einheimische sehen dieses neue Strassenstück nicht nur als eine Ersatzstrasse, sondern als den Anfang einer Ortsumfahrung – südlich am Dorf vorbei in Richtung Kloten.

Doch die neusten Töne aus Bassersdorf stossen im Stadthaus von Kloten auf Widerstand. «Wir werden uns entschieden dagegen wehren», sagt Stadtpräsident René Huber (SVP). «Man kann nicht die Spielregeln ändern während des Spiels.» Als 2015 die letzte grosse Revision des kantonalen Richtplans vorgenommen wurde, habe man sich innerhalb der regionalen Planungsgruppe Glattal entschieden, die alten Umfahrungspläne mit einer unterirdischen Hochleistungsstrasse (ehemals K10) definitiv aus der Verkehrsplanung zu streichen und eine neue, grossräumige Glattalautobahn zwischen Baltenswil und dem Nordringanschluss beim Glattpark zu favorisieren. Das sei auch unter Mitwirkung von Bassersdorf geschehen. So könne nun eine Umfahrung für Bassersdorf sicherlich kein Thema mehr sein, findet Huber. Zumal Klotens Stapi konkrete negative Auswirkungen befürchtet. «Das Problem ist, dass Mehrverkehr generiert würde, der dann plötzlich ungebremst zu uns kommen würde.»

Auch Kloten hoffte einmal

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass auch Kloten auf eine Umfahrungslösung hoffte. Hubers ablehnende Haltung mag daher überraschen. Besser ausgebaute Strassen waren und werden doch stets auch von seiner Partei gefordert. «Klar, ich war vor 30 Jahren auch einmal für eine Umfahrungslösung», räumt er ein. Aber im Gegensatz zu den Bassersdorfern sei man in Kloten heute eben etwas anders orientiert, wenn es um die Bewältigung des Verkehrs und die künftige Mobilität gehe. «Wir setzen primär auf die Verlängerung der Glattalbahn und ein ausgebautes ÖV-Netz», sagt Huber. Während Bassersdorf also noch immer auf eine Umfahrung im Süden hofft, ist eine Weiterführung auf Klotener Gebiet keine Option mehr. «Ohne Anschlusslösung in Kloten macht eine Umfahrung Bassersdorfs keinen Sinn», sagt Huber.

Wie der Durchgangsverkehr gemäss einstigen Vorstellungen auch Kloten in einem grossen Bogen umfahren sollte – hier nördlich am Zentrum vorbei – ist zwar definitiv aus den kantonalen Plänen gestrichen worden. Aber auf den offiziellen Karten ist es aufgrund der Landparzelleneinteilung immer noch gut zu erkennen. Von der Coop-Tankstelle an der Bassersdorferstrasse geht die ehemalige Linienführung den Siedlungsrand entlang, an der Pigna-Stiftung, den Fussballplätzen beim Stighag und dem Kasernenareal vorbei bis zum Autobahnanschluss Kloten Nord. Der benötigte Boden für ein Strassentrassee ist schon vor Jahrzehnten reserviert worden und wie auch in Bassersdorf hatte der Kanton bereits vor langer Zeit Land gekauft und in entsprechende Abschnitte eingeteilt.

Kritik an der dörflichen Sicht

Betrachtet man die spezielle Karte (maps.zh.ch) mit den sogenannten Baulinienabgrenzungen, sieht man noch klarer, wo der Raum für eine Umfahrungsstrasse bis heute freigehalten werden konnte.

Der Klotener Stapi hat zwar ein gewisses Verständnis für die Bassersdorfer Verkehrssorgen. Allerdings lässt er auch durchblicken, dass die Bassersdorfer aus seiner Sicht eine zu entwicklungsscheue Haltung an den Tag legen. Daher dürfe man sich dort nicht wundern, wenn die Gemeinde weder die Glattalbahnverlängerung, noch eine Umfahrung, noch eine wirtschaftliche Entwicklung mit mehr Arbeitsplätzen und entsprechenden Steuereinnahmen bekomme. Damit spielt er auf die Gemeindeversammlung vom Dezember 2018 an, als die Bassersdorfer mit grossem Mehr eine Antihochhausinitiative guthiessen und sich ebenso klar gegen die Einzonung eines möglichen Entwicklungsgebiets direkt am Bahnhof wehrten. Schlechte Voraussetzungen, um im Gegenzug grosse Infrastrukturprojekte zu fordern, findet Huber.

Kanton macht eine Studie

Die Bassersdorfer Gemeindepräsidentin Doris Meier (FDP) kennt ihren Amtskollegen, den Stadtpräsidenten Huber aus Kloten, gut. Sitzen die beiden doch gemeinsam im Vorstand vom Wirtschaftsnetzwerk und der Standortentwicklung «Flughafenregion Zürich». Daher hat sie ein gewisses Verständnis für Hubers Haltung gegen eine mögliche Umfahrung in Bassersdorf. «Aber die geplante Lösung ist eben eine Entlastung für unsere Ortsdurchfahrt, wie es sich Kloten wohl auch schon lange wünschen würde», sagt Meier. Und zur favorisierten Schienenlösung mit einer Tramverlängerung vom Flughafen her: «Klar wäre die Glattalbahn auch für uns in Bassersdorf ein Gewinn. René Huber und ich sind uns auch einig, dass die Glattalbahn Plus bis zum Bahnhof Bassersdorf weitergezogen werden soll.» Dies ist allerdings nicht so schnell möglich, wie man weiss. Der Kanton lässt derzeit nur die Projektierung einer Verlängerung vom Flughafen bis zum Tenniscenter Grindel ausarbeiten. Bis die Glattalbahn wirklich in Bassersdorf ankommt, dürfte es noch gut und gern 15 Jahre oder mehr dauern. Bis dahin kann man dort nicht wie in Kloten auf das neue Verkehrsmittel setzen.

Trotz der kategorischen Ablehnung Hubers zur Umfahrungslösung in ihrem Dorf will Meier die Segel noch nicht streichen. «Momentan läuft eine Korridorstudie, die uns mehr Aufschluss geben wird, welche Auswirkungen eine Entlastungsstrasse hat.» Damit will der Kanton Erkenntnisse erhalten, wo genau und in welcher Ausbauart eine mögliche Strasse zur Entlastung des Bassersdorfer Zentrums überhaupt denkbar wäre. Entscheidend wird dabei sein, wie sich der Verkehrsfluss in der Umgebung von Bassersdorf durch eine Umfahrungsstrasse dereinst verändern würde. «Es darf sicherlich kein neuer Verkehr angezogen werden», weiss Meier. Nicht nur Kloten, sondern vor allem der Kanton als oberste Planungsinstanz würde nicht Hand bieten, falls ringsum Nachteile entstünden.

Deshalb müsste eine Entlastungsstrasse für Bassersdorf auf jeden Fall verträglich sein für die ganze Umgebung. Utopisch sei der Bau einer Entlastungsstrasse für Bassersdorf also nicht. Die Gemeindepräsidentin, die seit diesem Jahr auch im Kantonsrat politisiert, würde das Vorhaben momentan eher als «zukunftsgerichtet» bezeichnen. «Ich werde mich weiter für eine bessere Lösung als die bestehende einsetzen.»

Weitere Umfahrungsprojekte im Unterland

Umfahrungen sind nicht nur in Bassersdorf und Kloten ein Thema mit langer Vorgeschichte. In der ganzen Region gab und gibt es eine Reihe von einst ganz gross angelegten Umfahrungsprojekten zur Verkehrsentlastung. Manche Vorhaben sind längst gestorben oder so gut wie erledigt, andere beschäftigen die Planer – wie im Fall von Bassersdorf, wo täglich rund 18000 Autos durchs Dorf rollen – schon seit Jahrzehnten. Prominentestes Beispiel einer ebenso langwierigen Umfahrungsplanung ohne sichtbaren Erfolg ist Eglisau. Dort muss man täglich rund 22000 Autos auf der Durchgangsachse ertragen. Eine Entlastung mittels einer Umfahrung ist an sich unbestritten, nur fehlt bis heute eine raumplanerisch zulässige und wirtschaftlich realisierbare Lösung. Gemäss Angaben des kantonalen Amts für Verkehr (AfV) läuft momentan ein Projektwettbewerb, favorisiert werden Brücken statt Tunnel. Für eine Umfahrung des Neeracher Riets laufen derzeit «Konkretisierungsstudien», wie es heisst. Hier nennt das AfV als Realisierungshorizont das Jahr 2030. Gestorben ist hingegen eine Umfahrung von Lufingen und Embrach. Das Trassee wurde 2014 aus dem Richtplan gestrichen. Und weil «nicht zweckmässig» ist auch eine Umfahrung von Dielsdorf nicht mehr geplant.

Erstellt: 08.10.2019, 19:47 Uhr

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