Bülach

Beim Rampenverkauf im Guss schwang bei vielen etwas Wehmut mit

Der Ansturm war gewaltig. Mehr als hundert Personen strömten am Samstag zum Rampenverkauf ins Kulturzentrum Guss 39. Sämtliches Inventar wartete auf Käufer. Eine Geschichte geht zu Ende, um im Frühling neu zu beginnen.

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Lange vor Türöffnung wartete am Samstagnachmittag eine Hundertschaft von Interessenten im Schneegestöber geduldig auf Einlass. Zum grössten Teil ein jüngeres Publikum, das bisher schon im Guss 39 verkehrte und die Gelegenheit nutzte, das Lokal vor seiner vorübergehenden Schliessung im Rahmen des Rampenverkaufs noch einmal zu erleben. Auf Tischen lagen Gegenstände, mit einem Preisschild versehen, zum Verkauf bereit. Die Vielfalt der angebotenen Gegenstände war enorm. Ghettoblaster, Discokugeln, Gläser en masse und sogar ein Vogelkäfig warteten auf Käufer. In einer Kammer auf der oberen Etage beriet Tontechniker Stefan Em­men­egger die Besucher. Viel technisches Material, das dort angeboten wurde, war nicht mehr taufrisch und eignete sich höchstens noch zum Basteln. Die ganze, intakte Beschallungsanlage ging schon im Dezember weg. Em­menegger bedauert die vorläufige Schliessung des Lokals: «Am 14. Dezember arbeitete ich nach zwei Jahren das letzte Mal auf der Anlage. Schade, es war eine Super-Kulturecke, sehr persönlich und nahe bei den Künstlern und dem Publikum.»

Im Guss 39 war in den letzten acht Jahren einiges los. Es gab Themenabende wie «Poulet-Vous» mit Chickenwings, gruslige Halloweenfeiern, viele Konzerte und Theateraufführungen, Public Viewings, Spaghettifeste und in den Wintermonaten Fondueabende. Der Bühnen- und Spiegelsaal stand auch für Firmenanlässe mit bis zu 200 Besuchern offen. In der Gastronomie wurden nur regionale Produkte verarbeitet und für den Unterhalt der Anlage das lokale Gewerbe berücksichtigt.

Commodore erstanden

Der ehemalige Guss-39-Gast Daniel Schmid aus Winkel erstand sich einen Commodore-Computer, noch original eingepackt. «Auf einem solchen Gerät habe ich meine ersten Computererfahrungen gemacht. Leider geht nun ein Stück Geschichte zu Ende, in Bülach gibt es kein vergleichbares Lokal», bedauerte auch Schmid. Hinter der gut frequentierten Bar stand Loryedana Berardelli und bediente zum letzten Mal unter dem bisherigen Regime die Gäste. Sie schätzte ihre Arbeit und die sehr familiäre und angenehme Atmosphäre im Lokal. Und sie freut sich: «Ich werde auch nach der Wiedereröffnung mit neuem Konzept dabei sein.»

«Leider geht nun ein Stück Geschichte zu Ende, in Bülach gibt es kein vergleichbares Lokal»Daniel Schmid, Guss-Besucher

Wie immer wirbelte Felix Brunner im Lokal herum, den Insidern als Don Felice bekannt. «Ich war im Guss 39 das Mädchen für alles, als Hauswart und in der Küche. Nach einigen Wochen Ferien übernehme ich hier die neue Kantine.»

Edit Lee aus Bülach kaufte sich einen Champagnerkübel als Souvenir. Sie traf sich immer am Donnerstagabend in einer «coolen» Runde und sie ist gespannt und hofft, dass sich diese Gruppe im Frühling unter der neuen Leitung wieder trifft.

Acht Jahre Italia

Gianluca Italia war während acht Jahren der Maestro im Guss 39. Auch er bezeichnet sich lachend als Mädchen für alles und im Nebenamt als Geschäftsführer. Er organisierte all die Partys, Konzerte und Anlässe. Im Mai 2010 übernahm er das Lokal als Quereinsteiger. «Früher besuchte ich Märkte und Festivals, dort verkaufte ich Produkte von Mister Hamburger, dem bekannten Gastronomen aus Bülach. «Mein Mentor feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag und seinetwegen nannte ich das Unternehmen Guss 39, sein Geburtsjahrgang.»

Italia zieht nun für ein halbes Jahr nach Florenz: «Ich möchte als Secondo endlich perfekt Italienisch lernen. Dann vertraue ich auf einen günstigen Zufall, der mir neue Möglichkeiten in Bülach eröffnet.» Am letzten Tag spürte man eine leichte Wehmut unter den Besuchern. Aber die Hoffnung bleibt, dass unter dem neuen Regime im Frühling weitere, einmalige Anlässe das Lokal an der Schaffhauserstrasse beleben.

Erstellt: 06.01.2019, 18:20 Uhr

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