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Belair-Sozialplan ruft harsche Kritik hervor

Ab November werden die 220 Mitarbeitenden der Belair entlassen. Die Bedingungen des Sozialplan werden nun als «menschenunwürdig» kommentiert, der Pilotenverband sieht «klare Gefährdung der Flugsicherheit».

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Ab November wird die Belair nicht mehr fliegen, die 220 Mitarbeitenden werden noch im April die Kündigung erhalten. Weil Mutterfirma Air Berlin noch im Januar eine Jobgarantie bis März 2018 versprochen hat, soll nun ein «freiwilliger» Sozialplan diese Zusicherung erfüllen. «Freiwillig», weil nach rund 50 Abgängen in den letzten Monaten die Schwelle von 250 Betroffenen für einen obligatorischen Sozialplan nun unterschritten wurde. Man könnte fast meinen, dass Air Berlin nur darauf gewartet hat, dass genug Angestellte die Belair nach den ganzen Turbulenzen der letzten Wochen freiwillig verlassen.

Im Sozialplan enthalten ist eine Abfindung von sechs Monatslöhnen, die aber nur zur Anwendung kommt, wenn die Belair-Mitarbeitenden diesen Sommer nicht öfter fehlen als im letzten Sommer. Werden zu viele Piloten oder Flight Attendants krank, dann streicht Air Berlin die Abfindung ersatzlos.

Gewerkschaften prangern «menschenunwürdigen Umgang» mit den Mitarbeitenden an

Auf diese Bedingung im Sozialplan reagieren Gewerkschaften nun äusserst heftig. «Dies ist kein Umgang mit Menschen!», lautet die erste Zeile eines Briefes der deutschen Dienstleistungsgesellschaft Verdi an die Air Berlin. «Erst Ja, dann Nein zur Jobgarantie, anschliessend eine Abfindungsregelung, dies unter dem Vorbehalt der ‹Fügbarkeit›», schreibt die Verdi. So behandle man keine Beschäftigten, die seit Jahren «unter widrigen Umständen die Fahne für das Unternehmen hochgehalten haben!».

«Diese eigentliche Drohung dürfte dazu beitragen, dass die Beschäftigten den ganzen Sommer über nie sicher sein können, ob der Sozialplan wirklich zur Anwendung kommt», schreibt die Verdi. Letztlich liege die Vermutung nahe, dass die Crewmitglieder lieber krank zum Flug gehen, als durch ihre Krankschreibung den Sozialplan für ihre Kolleginnen und Kollegen zu gefährden. «Wir fordern die Geschäftsführung der Air Berlin/Belair auf, verantwortlich mit den Mitarbeitern umzugehen und deren Existenz und Zukunft nicht zum Spielball rosaroter Managerträume zu machen.»

Pilotenverband sieht Flugsicherheit in Gefahr

Als «unverschämt, unanständig und perfid» wird sie vom grössten Schweizer Pilotenverband Aeropers in einer Medienmitteilung bezeichnet. «Die Mitarbeiter werden massiv gezwungen auch krank arbeiten zu gehen», sagt Henning M. Hoffmann, Geschäftsführer des Pilotenverbandes AEROPERS.

«Die Kollegen stehen unter einem enormen Druck, der eine klare Gefährdung der Flugsicherheit darstellt. Kein Mitarbeiter will die Schuld daran tragen, dass der freiwillige Sozialplan platzt, weil er eventuell krank war», befürchtet Hoffmann. «Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, ist eine sichere Operation nicht mehr möglich, was dem Management augenscheinlich gleichgültig zu sein scheint.»

Auch wenn eine Airline abgewickelt würde, bliebe es bis zum letzten Tag die Pflicht des Managements die Flugsicherheit zu gewährleisten.

Anschlusslösung als weitere «unzulässige Verknüpfung»

Auch eine weitere Bedingung des Sozialplans wird von Aeropers kritisiert, nämlich dass die Abfindung gestrichen oder zumindest reduziert wird, wenn Belair-Angestellte ein mögliches Anschlussangebot ab November ablehnen. Im Hintergrund arbeitet man weiter an «Strohhalm»-Lösungen, mit denen der Flugbetrieb weitergehen könnte. Gemäss Aeropers wäre dies am wahrscheinlichsten ein Verkauf an die österreichische Niki, welche massiv schlechtere Arbeitsbedingungen hat als die Belair. Wer also in der Schweiz nicht zu EU-Tiefstlöhnen angestellt werden will, verliert den Anspruch auf den Sozialplan. Auch dies sei eine mehr als unzulässige Verknüpfung durch das Management, schreibt Aeropers.

Der Arbeitgeber (Air Berlin / Belair) habe in einer solch schwierigen Situation eines Unternehmens eine gesteigerte Fürsorgepflicht dem Arbeitnehmer gegenüber. Dieser würde er mit solchen Methoden in keiner Form nachkommen. Aeropers erwarte nun vom Management der Belair ein klares Bekenntnis zu ihren Arbeitnehmern und die Entkoppelung von der unzulässigen Bedingung aus dem freiwilligen Sozialplan. «Fürsorge und Erpressung schliessen sich gegenseitig zwingend aus», sagt Hoffmann abschliessend.

Kanton wurde anfangs April informiert

Die Glattbrugger Airline hat den Kanton am 7. April und seine 220 Mitarbeitenden an Infoveranstaltungen am 10. und 11. April über eine Massenentlassung per 31. Oktober informiert. Dann läuft die seit kurzem praktizierte Lösung – Belair-Mitarbeitende fliegen ab Kloten für die Ferienairline Niki – aus und wird nicht verlängert. Dem Personal wurden gestern zwar erneut mögliche «Strohhalm»-Lösungen präsentiert, konkret sind dies aber weiterhin nicht. Die Belair rechnet offenbar selber nicht mehr damit, dass eines dieser Projekte zustande kommt, weshalb noch im April die Kündigungen ausgesprochen werden.

«Garantien eines Managers heute nichts mehr wert»

Die Massenentlassung kommt, obwohl das Personal der Glattbrugger Airline vor drei Monaten eine Jobgarantie bis März 2018 erhalten hatte. Dieses Versprechen wird nun in eine Abfindung umgewandelt. Konkret erhält das Personal im November weitere sechs Monatslöhne ausbezahlt. Dafür wird der Schnitt der letzten zwölf Löhne als Grundlage genommen, weil der Lohn auch flugstundenabhängig ist und somit monatlich schwanken kann.

«Neben der Tatsache, dass Garantien eines Managers heute nichts mehr wert sind, wird nun auch noch eine perfide Verknüpfung des Gesundheitszustandes der Mitarbeiter mit den auszuzahlenden Gehältern hergestellt», schreibt Aeropers zum gebrochenen Versprechen der Jobgarantie.

Co-Piloten und Flight Attendants können per November zudem zur Air Berlin wechseln und erhalten dafür eine «Umzugspauschale» von 5000 Euro. Zumindest für die 130 Schweizer Angestellten der Belair ist so ein Wechsel nach Berlin oder Düsseldorf eine kaum akzeptable Lösung. Für Captains gilt diese Regelung ohnehin nicht.

Sozialplan dank Abgängen freiwillig

Die Abfindung nennt Belair einen «freiwilligen Sozialplan». Er sei freiwillig, weil weniger als 250 Mitarbeitende betroffen sind, heisst es im Sozialplan. Gut für die Belair: Noch Ende 2016 hatte die Firma knapp 300 Angestellte, die Turbulenzen und Ungewissheit der letzten Monate brachten aber schon mehrere Dutzend dazu, freiwillig abzuspringen.

Nicht mehr Absenzen als im Vorjahr

Konkret bedeutet die Bedingung, wie sie im Sozialplan formuliert ist, dass der Flugbetrieb «stabil» verlaufen muss, damit die Abfindung zustande kommt (siehe Bildstrecke). Stabil wird dabei folgendermassen definiert: Es dürfen in einem Monat nicht mehr Mitarbeitende fehlen als im Vorjahresmonat. Melden sich also beispielsweise im April 2017 mehr Crew-Mitglieder krank, als dies im April 2016 der Fall war, gilt das nicht als «stabil». Ausgenommen sind Flugausfälle durch technische oder wetterbedingte Störungen.

Keine Antworten von Belair oder Air Berlin

Belair-CEO Stefan Zuber und Flugbetriebs-Chef Manuel Burgauer wollten zum Sozialplan und dessen Details keine Stellung nehmen und verwiesen an die Pressestelle. Diese gab nach langem Zuwarten keine Antworten auf die Anfragen des ZU, sondern schickte lediglich Allgemeinplätzchen: «Bezüglich Ihrer Anfrage können wir ihnen mitteilen, dass wir weiterhin mit den Mitarbeitern und den Arbeitnehmervertretern in der Schweiz und in Deutschland im engen Austausch stehen. Im Zuge der geordneten Einstellung des Flugbetriebes, wurde den knapp 225 Mitarbeitern am 10. und 11. April 2017, ein für die Belair Airlines AG freiwilliger Sozialplan vorgestellt. Wir bitten jedoch um Verständnis, dass wir die Details nicht öffentlich kommentieren.»

Erstellt: 11.04.2017, 19:22 Uhr

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