Rümlang

Bewohner kämpfen für ihren Weiler

Im Weiler Katzenrüti sind zwei Überbauungen geplant, die 32 Einwohnern Bauchschmerzen bereiten.In einer Eingabe an den Gemeinderat fordern sie, das Ortsbild sei zu erhalten, indem derartige Projekte nicht bewilligt werden.

Der Ortseingang von Katzenrüti wie er sich heute bei der Anfahrt von Rümlang her präsentiert. Links und rechts der Strasse sollen Neubauten entstehen und bestehende Gebäude umgebaut werden.

Der Ortseingang von Katzenrüti wie er sich heute bei der Anfahrt von Rümlang her präsentiert. Links und rechts der Strasse sollen Neubauten entstehen und bestehende Gebäude umgebaut werden. Bild: Paco Carrascosa

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Rümlanger Ortsteil Katzenrüti mit seinen zwei Dutzend Wohnhäusern, Scheunen, Ställen und Schopfbauten leben rund 100 Leute. Der Weiler, in welchem auch das historische Kleinjogghaus steht (siehe Kasten), weist einen typisch bäuerlichen Charakter auf und ist als Kernzone I ausgeschieden. In der Bau- und Zonenordnung ist die «Erhaltung des wertvollen Ortsbildes sowie der damit zusammenhängenden Umgebungselemente» festgeschrieben.

Genau diesen Passus sehen die 32 Unterzeichner der Eingabe gegen die Bauvorhaben gefährdet. Die aktuellen Bauprojekte würden ihrer Meinung nach – falls sie bewilligt werden – sämtliche Dämme für das verdichtete Bauen brechen und Tür und Tor für weitere eng beieinander liegende Grossüberbauungen öffnen. «Das Landschafts- und Ortsbild von Katzenrüti würde unwiederbringlich zerstört, alle Freiflächen, Hochstammbäume und Hecken würden nach und nach aus dem Weiler verschwinden», erklärt Initiant Walter Weber. Der idyllische Weiler werde verstädtert. Darum wollen die Protestierenden den Anfängen wehren.

Weiler klein, Projekte gross

Eingangs Katzenrüti, von Rümlang herkommend, sind links und rechts der Durchgangsstrasse Neubauprojekte in Arbeit. Rechterhand soll das bestehende Haus mit Scheune in Wohnungen umgebaut werden. Zudem sollen vier Reiheneinfamilienhäuser unmittelbar an der Kernzonengrenze entstehen.

«Das Landschafts- und Ortsbild von Katzenrüti würde unwiederbringlich zerstört, alle Freiflächen, Hochstammbäume und Hecken würden nach und nach aus dem Weiler verschwinden.»Walter Weber

Auf der linken Seite der Durchgangsstrasse soll das bestehende Haus mit Scheune zu fünf Wohnungen umgebaut werden. Vorgelagert käme ein neues Einfamilienhaus zu stehen. Zudem ist eine Tiefgarage mit 24 Abstellplätzen und ein neues Mehrfamilienhaus mit neun Wohnungen geplant. Da dieser Neubau in einem Abstand von knapp 5 Metern vom bestehenden Gebäude entfernt realisiert werden soll, ergäbe sich eine dichte Überbauung des Grundstücks.

«Für die Umsetzung des Projekts müssten sämtliche Bäume auf dem Grundstück und die grosse Hecke gerodet werden», sagt Weber. Das sei nicht akzeptabel. Denn aufgrund der Grenzabstände könnten keine neuen Bäume gepflanzt werden. Zudem würde das neue Mehrfamilienhaus das bestehende Gebäude um etwa 80 Zentimeter in der Höhe überragen, was zusätzliche negative Auswirkungen auf das Dorfbild haben würde, erklärt der Sprecher der Petitionäre, der vor seiner Pensionierung als Bausekretär beim Kanton tätig war und dabei auch viele Ausbauprojekte des Flughafens bearbeitete.

Mehr Dachaufbauten möglich

Bisher war in der Rümlanger Bau- und Zonenordnung festgehalten, dass Dachaufbauten in der Katzenrüti nur beschränkt bewilligt werden können. Diese Bestimmung hob die Gemeindeversammlung im vergangenen Juni auf. Die Katzenrüti-Bewohner, die sich nun gegen die Neubauprojekte wehren, weisen darauf hin, dass die Dachgeschosse mit der Lockerung der Bewilligungspraxis für Dachaufbauten besser genutzt werden können. Damit sei nun aber der verdichteten Ausnützung genüge getan. Neubauten, die kaum Abstand zu bestehenden Gebäuden aufweisen, seien hingegen nicht zu bewilligen.

Bei den 32 Unterzeichnern der Protesteingabe handelt es sich teilweise um langjährige Bewohner der Katzenrüti. Zwölf Petitionäre sind Grundeigentümer in diesem Weiler oberhalb des Katzensees. Ihr Argumentarium gegen die ihrer Meinung nach bauliche Übernutzung der Katzenrüti ging in Kopie auch an die Rümlanger Baukommission, die Baudirektion des Kantons Zürich und an vier weitere kommunale und kantonale Ämter. Der Kanton prüft Aspekte der Landwirtschaftszone sowie des überkommunalen Ortsbildschutzes und der Lage an Staatsstrasse. Zuständig für den Bauentscheid ist jedoch die Baukommission mit selbständiger Verwaltungsbefugnis. Der Gemeinderat habe deshalb die Eingabe aus Katzenrüti an die Baukommission weitergeleitet, erklärt Gemeindeschreiber Giorgio Ciroli.

Nachteile und Kosten

In ihrem Schreiben an den Gemeinderat weisen die opponierenden Katzenrüti-Bewohnerinnen und -Bewohner auf weitere Folgen der verdichteten Bauweise hin: «Aufgrund des hohen Grundwasserspiegels, der eine gewisse Überschwemmungsgefahr mit sich bringt, kann das Dachwasser schon heute nicht versickern und muss in Röhren abgeleitet werden», erklärt Weber. Die Kapazität dieser Abflussröhren sei jedoch ausgeschöpft, weshalb ein eingedohlter Bach freigelegt werden müsste. Dies wiederum würde hohe Kosten verursachen und die Bauern verärgern. «Es ist einfach nicht sauber abgeklärt worden, wie das Meteorwasser und das Schmutzwasser bei städtischer Überbauung abgeleitet werden kann», sagt Weber, der früher auch Bauinspektor in der Gemeinde Rümlang war.

Am Ortseingang von Katzenrüti sollen links und rechts der Strasse diverse Neubauten entstehen. Linksseitig sind zwei Objekte (rot) in Planung. Foto: PD

Dass bei der Entwässerung der Katzenrüti noch Unklarheiten bestehen, hat der Gemeinderat erkannt. In seinem jüngsten Verhandlungsbericht hält die Exekutive fest: «Im Zusammenhang mit der Entwicklung auf dem Gemeindegebiet und insbesondere im Ortsteil Chatzenrüti ist das Entwässerungskonzept auf die mutmasslich kommenden Bedürfnisse hin zu prüfen. Dafür hat der Gemeinderat einen Kredit von 48000 Franken bewilligt.»

«Ich kann es nachvollziehen, dass sich die Leute in Katzenrüti Sorgen machen, und wir ignorieren diese nicht, sondern nehmen sie ernst.»Michaela Oberli, Hochbauvorsteherin

Die Gegner einer verdichteten Katzenrüti sehen jedoch noch weitere Probleme und Kosten auf den Weiler und die Steuerzahler der Gemeinde Rümlang zukommen: «Erntelärm, Mistgestank und Kuhglocken werden bald einmal dazu führen, dass die Landwirte die verdichtete Katzenrüti verlassen müssen. Auch wird die wegen den Neubauten schnell wachsende Einwohnerzahl bald einmal einen Schulbusausbau und in naher Zukunft einen Anschluss an den öffentlichen Verkehr nötig machen.» Ausserdem sei der landwirtschaftliche Weiler Katzenrüti mit Kleinjogghaus ohne Landwirtschaft nicht denkbar und würde «das Erbe des Musterbauern Kleinjogg missachten», sagt Weber.

«Wollen keine Fröschegrueb»

Mit der Eingabe der Katzenrüti-Bewohner habe sich die Baukommission in einem ersten Teil auseinandergesetzt, sagt Kommissionspräsidentin und Hochbauvorsteherin Michaela Oberli. «Ich kann es nachvollziehen, dass sich die Leute in Katzenrüti Sorgen machen, und wir ignorieren diese nicht, sondern nehmen sie ernst.» In Bezug auf die oben erwähnten Bauvorhaben sei noch kein Entscheid gefällt worden.

Grundsätzlich hält Oberli fest, dass die Baukommission nicht etwas verhindern könne, was gemäss Bau- und Zonenordnung rechtens sei. In der Kernzone würden ohnehin rigorose Einschränkungen in Bezug auf Bauprojekte gelten. An der nächsten Sitzung werde sich die Kommission noch vertieft mit dem Thema befassen. «Wir wollen eine Gesamtschau aller Rümlanger Weiler vornehmen», sagt die Gemeinderätin.

Im Weiler Katzenrüti stünden kommunal und national geschützte Gebäude. Es gebe auch sehr alte Gebäude, die teilweise baufällig seien. «Diese behalten wir im Auge, denn wir wollen keine Fröschegrueb in Rümlang», erklärt Michaela Oberli. Die «Fröschegrueb» war ein altes baufälliges, aber geschütztes Gebäude in Regensdorf, das die Gerichte jahrelang beschäftigt hat. Schliesslich wurde das Bauernhaus abgebrochen, was dem Regensdorfer Gemeinderat eine richterliche Rüge einbrachte. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 13.09.2018, 16:38 Uhr

Das Kleinjogghaus im Rümlanger Ortsteil Katzenrüti.

Begründer der modernen Landwirtschaft

Jakob Gujer, genannt Kleinjogg (1718 bis 1785), bewirtschaftete als Bauer 16 Jahre lang bis zu seinem Tod den Lehnshof Katzenrüti der Stadt Zürich. Dank seinen innovativen Bewirtschaftungsformen gilt er als der Reformator der Landwirtschaft. In seinem Musterbetrieb in Katzenrüti rationalisierte Gujer die Landwirtschaft und intensivierte die Produktion. Er verbesserte die Düngungsmethoden und den Anbau von Futterpflanzen. Auch erkannte der Landwirt die Bedeutung der Fruchtfolgen.

Kleinjogg wurde weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Johann Wolfgang von Goethe besuchte den Rümlanger Bauer zweimal. Auch Heinrich Pestalozzi nahm oft Bezug auf Jakob Gujer, da sich der philosophische Landwirt auch mit den Methoden der Kindererziehung auseinander setzte.

Das Kleinjogghaus steht an der Katzenrütistrasse 321. Es ist in der Liste der Kulturgüter als Objekt erster Kategorie enthalten und steht unter dem Schutz der Eidgenossenschaft.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!