Niederweningen

«Bienendrohnen und Seidenspinnerpuppen wären ideal für den Teller»

Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken – das sind die drei Insektenarten, die der Bund als Lebensmittel zulässt. «Das ist völlig unverständlich», sagt Insektenspezialist Daniel Ambühl. Bienendrohnen wären viel geeigneter. Demnächst hält er einen öffentlichen Vortrag in Niederweningen.

Der Insektenspezialist Daniel Ambühl mit der englischen Fassung seines Buchs «Beezza! – Das Bienenkochbuch». Die 500 Exemplare der deutschen Erstausgabe sind vergriffen. Eine Zweitauflage soll Anfang 2018 erfolgen.

Der Insektenspezialist Daniel Ambühl mit der englischen Fassung seines Buchs «Beezza! – Das Bienenkochbuch». Die 500 Exemplare der deutschen Erstausgabe sind vergriffen. Eine Zweitauflage soll Anfang 2018 erfolgen. Bild: Cyprian Schnoz

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In jedem Frühjahr nehmen viele Imker und Imkerinnen ein oder mehrere Male den sogenannten Drohnenschnitt vor. Dabei werden die männlichen Larven und Puppen der Honigbienen samt Waben aus dem Stock entfernt und meist weggeworfen. Viele Imker nutzen immerhin den Wachs. Die Drohnen werden entnommen, um das Aufkommen der Varroa-Milbe, ein verheerender Bienenschädling, zu bekämpfen. Für ihre Fortpflanzung bevorzugt nämlich die zerstörerische Milbe die Drohnenzellen, weil sie dort länger verbleiben kann. Zudem sind die Zellen grösser als jene der Arbeiterinnen. Ausserdem tragen die männlichen Bienen nichts zum Gedeihen des Volks bei.

100 Tonnen Drohnen werden jedes Jahr vernichtet

«Allein in der Schweiz fallen durch den Drohnenschnitt jedes Jahr bis zu 100 Tonnen Drohnenlarven und -puppen an, die ungenutzt weggeschmissen werden», sagt Daniel Ambühl, der auf essbare Insekten spezialisiert ist. «Dabei würden sie sich geradezu ideal für die menschliche Ernährung eignen, da sie einen grossen Anteil an Proteinen und Fett aufweisen, aber auch reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Eisen sind.» Zudem könnten sie einen Beitrag an die Welternährung leisten, zumal die Insektenzucht viel ressourceneffizienter, platzsparender und nachhaltiger als die Produktion von Futtermitteln für Rind, Schwein, Schaf usw. sei. «Unser Planet ist bald zu klein, um darauf das Futter für unsere steigende Fleischproduktion anzubauen.»

Das hat die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, schon vor Jahren erkannt. Ihr 200-seitiger Bericht aus dem Jahr 2013 mit dem Titel «Edible insects: future prospects for food and feed security» wurde schon millionenfach aus dem Internet heruntergeladen.

Besucher vom Insektenapero in Eglisau degustieren Häppchen

Die jährlich in der Schweiz anfallende Drohnenmenge von bis zu 100 Tonnen – europaweit wären es x-fach mehr – entspreche einem Wert von rund 5 Millionen Franken. «Wenn man bedenkt, dass ein Imker pro Arbeitsstunde nur knapp 8 Franken verdient, wäre das doch ein schöner Zustupf bei geringem zusätzlichem Aufwand», sagt Ambühl, der das Buch «Beezza! – Das Bienenkochbuch» (www.beezza.ch) verfasst hat und weitere Werke zum Thema Entomophagie (Verzehr von Insekten) in Arbeit hat. Zudem betreibt er auf Youtube seinen «Skyfood»-Kanal.

Nahrhafte Puppe des Seidenspinners

Die Puppen von Seidenspinnern, einer Nachtfalterart, wären gemäss Ambühl ebenfalls ausgezeichnet als menschliche Nahrung geeignet. Sie fallen in der Seidenherstellung als Abfallprodukt an, nachdem die Seide vom Puppenkokon abgehaspelt worden ist. Zurzeit produzieren 14 Landwirte in der Schweiz Seide mit Hilfe des Maulbeerspinners. Ein Betrieb aus dem Kanton Bern konnte 2016 für seine Seidenproduktion den Agro-Preis aus den Händen von Bundesrat Ueli Maurer entgegennehmen.

«Da überreicht der Bundesrat mit grossem Pipapo Preise an Seidenproduzenten, gibt aber die Seidenspinnerpuppen nicht für den menschlichen Verzehr frei», kritisiert Ambühl, der nach eigenen Angaben praktisch alle Länder mit entomophagen Gesellschaften bereist hat. Diese Puppen seien nämlich das weltweit am meisten konsumierte Insekt.

«Bundesamt hat falsch entschieden»

Statt Seidenspinnerpuppen und Bienendrohnen hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) auf den 1. Mai 2017 Mehlwürmer, Grillen und Wanderheuschrecken für den menschlichen Verzehr freigegeben. «Ein klarer Fehlentscheid», urteilt der 59-jährige Daniel Ambühl. «Aus mangelnder Kompetenz» habe man einfach einige Insektenarten, die in Zoohandlungen als Tierfutter angeboten werden, freigegeben und so den grossen Produktionsunternehmen für Futtermittelinsekten zugedient. Für diese sei es nämlich ein kleiner Schritt, eine Produktionslinie für den menschlichen Verzehr einzurichten.

Die vom Bund als Lebensmittel freigegebenen Mehlwürmer hält Daniel Ambühl als ungeeignet für den menschlichen Verzehr. Zudem würden auch keine Völker, die Insekten essen, Mehlwürmer verspeisen.

«In Asien, Afrika, Mittel- und Südamerika werden zahlreiche Arten von Insekten auf vielfältige Weise zubereitet und auf den Märkten angeboten. Doch in keinem dieser Länder habe ich jemals Mehlwürmer für den menschlichen Verzehr gesehen», sagt der Unterterzener. Diese Würmer, die eigentlich keine Würmer, sondern Larven des Mehlkäfers (Tenebrio molitor) sind, seien als Lebensmittel ungeeignet.

«Einerseits werden sie mit unserem Grundnahrungsmittel Getreide gefüttert, was nicht nachhaltig ist, und andrerseits handelt es sich um Insekten, die einen möglicherweise verunreinigten Darminhalt aufweisen – ganz im Gegensatz zu den Drohnen, die mit Pollen und Nektar gefüttert werden und den Seidenspinnern, die sich von Maulbeerbaumblättern ernähren», erklärt der Insektenforscher. Ähnliche Nachteile wie die Mehlwürmer würden auch Grillen und Wanderheuschrecken aufweisen.

«Der Verkauf von Drohnenlarven und -puppen wäre für die Imker ein schöner Zustupf.»

Daniel Ambühl, Insektenspezialist  und -konsument 

Um weitere, wirklich geeignete Insektenarten als menschliche Nahrung zuzulassen, empfiehlt Ambühl den Behörden, hier lebende Leute aus entomophagen Gesellschaften zu fragen, welche Insekten sie am liebsten essen möchten. «Diese Leute könnten uns einen Riesenschatz von neuen Lebensmitteln öffnen.»

Imker produzieren Lebensmittel

«Die Imker produzieren ein Lebensmittel, nämlich Honig. Sie stehen deshalb unter strenger Kontrolle der Lebensmittelsicherheitsbehörden», erklärt Ambühl. Imker würden sich im Insektenmanagement sehr gut auskennen; seis in der Pflege der Bienenvölker oder in der Bekämpfung von Seuchen. «Imkerinnen und Imker wären geradezu prädestiniert für die Produktion von essbaren Insekten», betont der 59-Jährige. «Aber sie dürfen nicht – zumindest nicht kommerziell. Für den privaten Verzehr sind Drohnen aber nicht verboten.

Es sind ja keine Drogen», sagt Ambühl, der in seinem Buch nicht nur entsprechende Rezepte anbietet, sondern auch dazu aufruft, sich für ein Festmahl im Freundeskreis Drohnenwaben bei einem Imker zu besorgen. Und im Gespräch meint er lachend: «Das wäre doch etwas für Weihnachten». Er selber kaufe auch Drohnenwaben und halte einen Preis von etwa 25 Franken pro Kilogramm für angemessen.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.11.2017, 15:06 Uhr

Öffentlicher Vortrag

An der öffentlich zugänglichen Herbstversammlung des Imkervereins Bezirk Dielsdorf vom Freitag, 17. November, referiert Daniel Ambühl in Niederweningen zum Thema «Bienen, essbare Insekten der Zukunft?». Dabei steht die Frage im Zentrum, warum in der Schweiz jährlich 100 Tonnen männliche Bienenlarven und -puppen (Drohnen) ungenutzt entsorgt werden. Im Vortrag, der im Gemeindesaal stattfindet und um 19.30 Uhr beginnt (Apéro um 19 Uhr), zeigt der Referent auf, wie die Drohnen und andere Insekten geerntet und zubereitet werden können. Ambühl ist auch der Autor des Werks «Beezza! – Das Bienenkochbuch». Der Eintritt zur Versammlung und zum Vortrag steht allen Interessierten offen und ist kostenlos.

Künstler und Autor

Daniel Ambühl ist nicht nur als vielseitiger Maler, Musiker, Journalist, Filmemacher, Pilz- und Insektenzüchter bekannt, sondern auch als früherer Redaktor und Moderator des Schweizer Fernsehens und von Radio 24, und zwar schon damals, als dieses sein Programm Anfang der 80er-Jahre noch illegalerweise vom italienischen Pizzo Groppera in den Raum Zürich ausstrahlte. Der 59-Jährige ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Daniel Ambühl lebt und arbeitet in Unterterzen am Walensee. Er betreibt eine ganze Reihe von Websites, darunter auch www.beezza.ch oder www.skyfood.ch.

HILFE ZUR SELBSTHILFE

Das Kongo-Projekt gegen den Hunger

Am 22. November reist Daniel Ambühl für sechs Wochen in die Demokratische Republik Kongo. Dort sollen im Rahmen eines Programms grosse Landstriche wieder aufgeforstet werden und zwar mit Futterpflanzen für etwa zwei Dutzend verschiedener Nachtfalterarten, die für den menschlichen Verzehr geeignet sind. Dabei gehe es nicht darum, einem Koch einen Modegag für ein neues Insektengericht zu ermöglichen, wie das bei uns vorkomme, sondern es gehe um das nackte Überleben: «Wegen Unter- und Mangelernährung weist die Republik Kongo die grösste Kindersterblichkeit in Afrika auf. Du schaust einem Kind in die Augen und weisst, dass es in zwei Jahren nicht mehr leben wird», sagt Daniel Ambühl.
Mit dem von der Londoner Zentrale der Salvation Army (Heilsarmee) finanzierten Projekt wolle man herausfinden, welche Arten von Insekten, die als Nahrung geschätzt werden, sich auch für landwirtschaftliche Produktionen, also als Nutztiere genau so wie Kuh, Schwein und Huhn eignen. Dazu werde zunächst ein Zuchtlabor aufgebaut. Ambühl arbeitet am Projekt als Zuchtberater mit. cy

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