Borkenkäfer

Borkenkäferholz aus Rüdlingen geht direkt nach China

Einst galten die Fichten als Goldstück des Waldes in Rüdlingen und Buchberg. Nun macht ihnen der Borkenkäfer schwer zu schaffen. Das Holz, das noch gerettet werden kann, landet aber oft in Asien.

Bäume, die von Borkenkäfern befallen wurden, müssen oft sofort gefällt werden.

Bäume, die von Borkenkäfern befallen wurden, müssen oft sofort gefällt werden. Bild: Karin Lüthi

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Im Wald von Rüdlingen und Buchberg steht es schlecht um die Fichten. Der Forstdienst kommt kaum nach mit Fällen der vom Borkenkäfer befallenen Bäume. Gerade jetzt werden in den Gebieten Gülle und Breitenhau rund tausend Kubikmeter Holz geschlagen. Weitherum sieht man die hellen Baumstümpfe aus dem Grün ragen. Der Motorsäge zum Opfer fallen auch die beiden weit über vierzig Meter hohen Tannen, die im Volksmund «das Tor zum Breitenhau» genannt werden.

Borkenkäfer rotten die Fichten aus

Der langjährige Forstmitarbeiter Jürg Matzinger bearbeitet den Fuss der 46 Meter hohen Fichte mit der Motorsäge. Die letzten Zentimeter, die in den Stamm gesägt werden, bevor der Baum fällt, sind heikel. Es braucht nur wenig und der riesige Baum würde in einem falschen Winkel fallen und dabei eine Schneise in die gesunden Bäume rundherum reissen. Neben sorgfältiger Arbeit braucht es deswegen für das Fällen eines so hohen Baumes auch viel Sachkenntnis und Vorstellungsvermögen von den wirkenden Kräften im dreidimensionalen Raum. Laut ruft Matzinger nun: «Achtung – Baum fällt!»

Sekunden darauf hört man es laut knacken und knirschen, dann rauschen die Äste, als hätte eine Böe sie erfasst. Schliesslich schlägt der Baum mit einer Wucht auf dem Boden auf, die die Erde unter den Füssen zum Beben bringt. Der erste der beiden stolzen Torpfeiler hat sein Leben beendet. Mit der Lupe zählt Matzinger die regelmässig gewachsenen Jahrringe und kommt auf ein Alter von 175 Jahren: Noch vor der Gründung der Schweiz hat der Baum sein Leben begonnen und in nur knapp zwei Stunden wurde es beendet.

«Früher waren Fällaktionen eines so alten Baums Anlass zu einem Waldrundgang. Da kamen Alte, Junge und auch Kinder, um zuzuschauen, wie ein solcher Gigant fällt. Nachdem der Baum gefällt war, gab es für alle einen Umtrunk.» Peter Sieber

Peter Sieber, der den örtlichen Wald seit über siebzig Jahren kennt und dessen Sohn Markus ebenfalls beim Forst arbeitet, berichtet aus vergangenen Zeiten: «Früher waren Fällaktionen eines so alten Baums Anlass zu einem Waldrundgang. Da kamen Alte, Junge und auch Kinder, um zuzuschauen, wie ein solcher Gigant fällt. Nachdem der Baum gefällt war, gab es für alle einen Umtrunk.»

Der Wald in Rüdlingen und Buchberg ist besonders stark vom Borkenkäferbefall betroffen, da er seit Generationen einen grossen Anteil an Fichten aufweist. Sie waren während Jahrzehnten sozusagen das Gold des Waldes. «Früher wurden wir darum beneidet, heute ist es wohl eher das Gegenteil», bemerkt Peter Sieber. Denn nun fallen die Fichten dem gefrässigen kleinen Buchdrucker, einer Unterart des Borkenkäfers, zum Opfer, der zu Abertausenden im Kambium des Baumes lebt. Das Kambium ist das Versorgungssystem eines Baumes, es umfasst den gesamten Baum bis in die oberste Spitze und ist nur gerade rund einen halben Zentimeter dick.

Wird ein Baum geschält, sieht man das Werk dieser Insekten im ganzen erschreckenden Ausmass: Überall verlaufen tiefe Rinnen, wo sich der Käfer durchgefressen und wo er seine Eier abgelegt hat. Daneben sind kleinere Rinnen, die von den Maden stammen, die sich ebenfalls durchs Kambium fressen. Es ist offensichtlich: Ein solcherart befallener Baum hat keine Überlebenschance. «Das Bild unserer Wälder wird sich in wenigen Jahren stark verändern. Es werden wieder Bäume wachsen, aber andere. Fichten werden es wohl nicht mehr sein, die werden in höheren oder nördlicheren Lagen überleben», erklärt Matzinger.

Bäume müssen schnell gefällt werden

In anderen Waldgebieten im südlichen Kantonsteil, etwa in der Warthau, sieht es nicht besser aus. Förster Marco Senn denkt über eine Zwangsnutzung nach, um zu retten, was noch zu retten ist. «Die meisten Tannen sind befallen. Warten wir mit dem Fällen zu lange, kann das Holz nur noch als Schnitzelholz, das praktisch wertlos ist, verkauft werden», sagt er. «Was noch brauchbar ist, wird nach China verkauft, aber zu Schrottpreisen. Von der ökologischen Nachhaltigkeit einer solchen Aktion gar nicht zu reden. Es ist ein Jammer!»

Ein Schreiner und ein Holzbauer aus der Region haben sich nun jedoch bereit erklärt, Holz von noch einigermassen gesunden Fichten aufzukaufen. Das freut Marco Senn: «Dieses Beispiel sollte eigentlich Schule machen. Die Qualität des Holzes ist wegen des Borkenkäfers nicht schlechter.»

Erstellt: 17.10.2019, 17:00 Uhr

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