Pro und Kontra

Braucht es eine Jungbürgerfeier?

Der eine findet sie sinnvoll, der andere nicht. Auch bei uns in der Redaktion gehen die Meinungen auseinander.

Jungbürgerinnen und Jungbürger diskutieren an der Jungbürgerfeier in Zürich.

Jungbürgerinnen und Jungbürger diskutieren an der Jungbürgerfeier in Zürich. Bild: Symbolbild/Keystone

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PRO

Martin Liebrich, Redaktionsleiter

Braucht es Jungbürgerfeiern? – Natürlich nicht. Es braucht auch nicht unbedingt eine Demokratie. Schliesslich überleben Leute auch in anderen Systemen wie in Diktaturen. Ob sie dort gut leben und vor allem: ob sie gut leben, wenn sie anders denken als die Elite, die gerade an der Macht ist, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Und vor diesem Hintergrund muss die Frage, ob es noch Jungbürgerfeiern braucht, ganz anders beantwortet werden.

Wenn wir uns zur Demokratie bekennen, müssen wir uns auch zur Jungbürgerfeier bekennen. Die Idee dahinter ist, die jungen Menschen im politischen System willkommen zu heissen. Dabei werden sie über ihre demokratischen Rechte aufgeklärt und an ihre demokratischen Pflichten erinnert. Zum Beispiel wird ihnen gesagt, dass sie abstimmen gehen sollen. Genau das braucht es, denn in der Regel liegt die Stimm- und Wahlbeteiligung bei Urnengängen in der Schweiz bei unter 50 Prozent. Schönes Zeichen für ein System, in dem die Meinung der Mehrheit das höchste politische Gut ist: Die Mehrheit äussert ihre Meinung gar nicht. Heisst für die politische Umsetzung: Ist mir Wurst.

Um dieser Gleichgültigkeit längerfristig entgegenzutreten, müssen die Jungen daran erinnert werden, über welch grosses Privileg sie hier, in unserer direkten Demokratie, eigentlich verfügen. Auch den älteren Stimmberechtigten sollte das ab und zu vor Augen geführt werden: Das Volk hat das letzte Wort, wir können unsere Meinung sagen, wir können bestimmen, wohin das Land steuern soll.

Ich meine: Bevor jemand ein Auto lenken darf, gilt es Kurse zu absolvieren, Fahrstunden zu nehmen und Prüfungen abzulegen. Aber die Zukunft unseres Landes mitbestimmen und sagen, was in unserer Verfassung steht, sollen wir unvorbereitet? Das ist doch absurd. Klar: Es gibt den Staatskundeunterricht. Doch der kriegte zuletzt nicht gerade Bestnoten. So oder so braucht es eine Wiederholung des Wichtigsten, ehe die jungen Stimmberechtigten zur Praxis, will heissen zur Urne schreiten können. Oder ihre Namen auf eine Wahlliste setzen lassen dürfen.

Wir sollten deshalb die Jungbürgerfeier nicht nur nicht abschaffen, sondern im Gegenteil für obligatorisch erklären. Damit wäre dann auch das Problem sinkender Teilnehmerzahlen gelöst.

martin.liebrich@zuonline.ch

KONTRA

Alexander Lanner, Stv. Redaktionsleiter

Am 3. Februar 1994 wurde ich volljährig. Haufenweise erfreuliche Neuerungen brachte dies mit sich: Ich durfte meinen Führerausweis machen, ich durfte legal stark alkoholische Getränke konsumieren – und ich durfte über alles abstimmen, was Bund, Kanton oder Gemeinde betrifft. Damit ich mit Letzterem nicht überfordert war, lud meine Wohngemeinde – wie so viele andere zu damaliger Zeit – zur Jungbürgerfeier.

Meine Erinnerung an diese Jungbürgerfeier? Mit mehreren Cars wurden die jungen Walliseller der Jahrgänge 1975 und 1976 in den Europapark nach Rust gefahren. What happend in Rust, stayed in Rust. Gab es davor oder danach von einem oder mehreren Gemeinderäten eine Nachhilfelektion in Sachen Politik? Ich habe wirklich keine Ahnung mehr.

So wie mir geht es wohl vielen, die damals an dieser Jungbürgerfeier teilnahmen. Viele Gemeinden geben sich heute noch Mühe, ein auf junge Menschen zugeschnittenes Programm auszuhecken. So durften die Steinmaurer vor einigen Jahren eine Golfprobelektion absolvieren, die Buchser besuchten einen Bowling-Abend. Gut gemeint ist allerdings das Gegenteil von gut gemacht. Denn was passiert? Wenn sich die jungen Damen und Herren überhaupt dazu bequemen, die Einladung anzunehmen – diese Woche erschienen nur 21 der 210 volljährig gewordenen Bülacher zu ihrer Jungbürgerfeier –, wird vieles zum Thema, aber sicher nicht, was Kumulieren vom Panaschieren unterscheidet, was Postulate von Motionen abtrennt oder wie sich das aktive vom passiven Wahlrecht abgrenzt. Als Initiationsritual zu politischer Akti­vität hat die Jungbürgerfeier längst ausgedient. Solche reinen Jahrgangstreffen braucht heute keiner mehr.

Vielleicht hatte in grauer Urzeit die Jungbürgerfeier wirklich einmal das Ziel, bei Jungen das Interesse für Politik zu wecken und allfällige Fragen zu ihren neu erworbenen Rechten und Pflichten zu beantworten sowie all die Möglichkeiten zur Mitwirkung in der Gemeinde aufzuzeigen. Wer allerdings noch immer glaubt, dass solche Feiern heute auch nur noch das kleinste Quäntchen dieses Urgedankens in sich tragen und unsere Demokratie stärken können, der verschliesst die Augen vor der Realität. Einige Gemeinden haben dies bereits eingesehen und die Feiern abgeschafft. Wallisellen tat dies vor fünf Jahren.

alexander.lanner@zuonline.ch

Erstellt: 17.11.2018, 09:35 Uhr

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