Pro und Kontra

Braucht es Strassenplakate für die Kommunalwahlen?

Während ZU-Redaktor Cyprian Schnoz Gefallen an Wahlplakten findet, empfindet ZU-Redaktor Manuel Navarro diese ziemlich störend.

Wahlplakate zu den vergangen Zürcher Kantons- und Regierungsratswahlen vom April 2015.

Wahlplakate zu den vergangen Zürcher Kantons- und Regierungsratswahlen vom April 2015. Bild: Keystone

PRO

Cyprian Schnoz, Redaktor Zürcher Unterländer

Langsam tauchen sie dieser Tage im Zürcher Unterland wieder auf, die Plakate mit den Porträts von Kandidatinnen und Kandidaten für die kommunalen Erneuerungswahlen vom 15. April. Wahlplakate erfreuen mich immer wieder aufs Neue. Ich kann es in wahllosen Zwischenjahren kaum erwarten, bis sie wieder aufgestellt werden, die Plakate – egal von welcher Partei.

Warum? Weil sie eine Abwechslung darstellen, weil sie ein farbenfrohes und starkes Zeichen gelebter Demokratie sind. Ja, sie sind Zeugen der Freiheit. In gewissen anderen Staaten gibt es nämlich solche Plakate nicht – und Wahlen schon gar nicht. Dafür sieht man dort ein Leben lang nur das fassadengrosse Konterfei des Diktators. Würden hiesige Wahlplakatgegner das vorziehen?

Es ist natürlich nicht so, dass es mit dem Aufstellen einiger Plakate getan wäre. Zwar gibt es durchaus Leute, die angesichts eines Wahlplakats sagen: «Doch, die macht einen sympathischen Eindruck auf mich, die wähle ich.» So solls natürlich nicht sein, aber es ist dennoch immer der erste Eindruck, der am stärksten wirkt. Danach kann man sich in der Zeitung, an Podiumsdiskussionen und im Internet vertiefter informieren. Oder man ruft ihn einfach einmal an. Das ist bei uns noch möglich.

Dass da im Plakatwald manchmal Wildwuchs herrscht, braucht nicht weiter zu stören (nun gut, so wild wie im Kanton Aargau, wo an jedem Laternenpfahl ein Kopf hängt, braucht man es dann doch wieder nicht zu treiben). Dennoch: Ein gewisses Mass an Wildwuchs belebt die Szenerie und lockert den Alltag auf. Zudem zeigt er, dass es doch noch sehr viele Leute gibt, die bereit sind, sich für die Allgemeinheit, für die dörfliche Gemeinschaft einzusetzen. Das ist selbst­loser Frondienst für das Gemeinwohl, denn an den paar mickrigen Fränkli, die man für die Amtsausübung erhält, kann es ja wohl nicht liegen. Und mit Ruhm bekleckert man sich bei lokalpolitischer Tätigkeit in der Regel auch nicht gerade. Manchmal frage ich mich, wie sich jemand so etwas antun kann.

Jeder Kandidat, jede Kandidatin, die für die Kosten der Plakatierung selber aufkommen muss, ist gezwungen, vorgängig eine Kosten-Nutzen-Bilanz aufzustellen – nicht nur jene, die auf das Amt des Finanzvorstands «spienzeln». Und vielleicht stellt sich dabei heraus, dass sie oder er mit einem Inserat in der Regionalzeitung besser fahren würde ...
cyprian.schnoz@zuonline.ch

KONTRA

Manuel Navarro, Redaktor Zürcher Unterländer

Als Journalist bin ich ja eigentlich ein grosser Fan von freier Meinungsäusserung. Schliesslich handelt es sich dabei um einen Grundpfeiler der Demokratie. Insofern müsste ich jetzt im Grunde genommen die Klappe halten, denn Plakate im Wahlkampf fallen ja auch unter den Schutzmantel der Redefreiheit.

Aber allen hehren Prinzipien zum Trotz: Diese Plakate, die regelmässig vor Wahlen kommunaler, kantonaler und nationaler Art überall aus dem Boden schiessen, sind eine echte Landplage. Überall grinsen einen nun irgendwelche Fratzen an, bestenfalls mit einem einigermassen natürlichen Lächeln, schlechtestenfalls mit einer derart aufgesetzten und künstlichen Mundwinkelverrenkung, dass man sich beim Vorbeifahren kurz peinlich berührt dem Fremdschämen hingeben muss.

Dabei kann ich den Kandidaten für die Fotos noch nicht einmal gross einen Vorwurf machen. Logisch möchten die Wähler sehen, wie die Damen und Herren aussehen, denen sie ihre Stimmen geben sollen, auch wenn das Äussere nun wirklich keine Rolle spielen sollte. Aber mit den Porträtfotos alleine ist es meistens nicht getan. Oftmals kommen noch irgendwelche wahnsinnig einzigartigen Schlagwörter dazu, welche die Qualitäten der ach so verschiedenen Kandidaten unterstreichen sollten.

Da stehen dann gerne Alleinstellungsmerkmale wie «engagiert» oder «teamfähig» oder auch «konstruktiv». Da sind mir die Kandidierenden, die nur ihren Namen aufs Plakat schreiben, fast noch lieber. Überprüfen lassen sich die genannten Gütesiegel sowieso kaum, abgesehen davon, dass solche Prädikate vorzugsweise auf jeden angehenden Politiker zutreffen sollten.

Das Elend komplett macht die Tatsache, dass es zur bewährten Strategie kaum Alternativen gibt. Denn wenn Politiker das Gefühl haben, sie müssten sich im Wahlkampf zum Clown machen, wird es richtig peinlich. Die wenigsten können lustig sein, ohne dass ein solches Verhalten entweder grauenhaft anbiedernd oder schockierend lächerlich wirkt. Deshalb mein Wunsch an die neue Garde an Politiker, die in der nächsten Legislaturperiode am Drücker ist: Bitte findet um Himmels willen eine Alternative zu diesen Plakaten. Und zwar ohne die Redefreiheit zu beschränken. Da ihr ja alle so konstruktiv, engagiert, zielgerichtet, dossierfest, kompetent, ehrlich, kommunikativ, innovativ, menschlich, zukunftsorientiert,traditionsbewusst und modern seid, dürfte das doch eigentlich kein Problem sein, oder?
manuel.navarro@zuonline.ch

Erstellt: 02.03.2018, 17:14 Uhr

Cyprian Schnoz, Redaktor: «Wahlplakate lockern den Alltag auf und beleben die Szenerie.»

Manuel Navarro, Redaktor: «Die überall aus dem Boden schiessenden Wahlplakate sind eine echte Landplage.»

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