Kloten

Burnout entsteht im Kampf um mehr Anerkennung

Burnout-Zustände scheinen fast wie eine Epidemie um sich zu greifen. Arbeitsüberlastung spiele dabei aber nur eine untergeordnete Rolle, sagt ein Fachmann.

Studien besagen, dass fast jeder vierte Erwerbstätige burnoutgefährdet ist.

Studien besagen, dass fast jeder vierte Erwerbstätige burnoutgefährdet ist. Bild: Fotolia

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Adrian Fröhlich, bis zu einem Viertel der erwerbstägigen Bevölkerung soll burnoutgefährdet sein. Woran merkt man, dass man in einen ausgebrannten Zustand hineinrutscht?
Adrian Fröhlich: Man fühlt sich kraftlos, ist vergesslich, leidet an Schlafstörungen, was die Erschöpfung noch verstärkt. Viele distanzieren sich innerlich von der Firma und werden zynisch. Dadurch entstehen Konflikte am Arbeitsplatz, wodurch die Zufriedenheit nochmals abnimmt.

Eine Abwärtsspirale. Wie präsentiert sich ein Burnout in seiner vollen Ausprägung?
Das ist oft ein richtiggehender körperlicher und psychischer Kollaps, bei dem gar nichts mehr geht. Zum Beispiel schlottert und zittert man nach dem Aufstehen und weiss nicht mehr, was ansteht. Manche lassen sich sogar mit Verdacht auf einen Herzinfarkt im Notfall untersuchen. Zum Glück holen die meisten Hilfe, bevor es so schlimm ist.

Wieso ist das Burnout heute eigentlich so häufig? Wir haben vier bis fünf Wochen Ferien, 40-Stundenwoche und moderne Geräte, die uns den Alltag erleichtern – Voraussetzungen, die unsere Grosseltern wohl als paradiesisch angeschaut hätten.
Tatsächlich haben die Leute früher mehr gearbeitet. Doch sie waren auch weniger anspruchsvoll. Heute will man sich an der Arbeit selbstverwirklichen. Und die Firmen verlangen von den Mitarbeitenden, dass sie sich identifizieren und voll engagieren, nicht nur einfach ihren Job machen. So fühlt man sich heute auch schneller gekränkt, wenn einem der Chef eine minderwertige Aufgabe zuteilt oder man sich am Arbeitsplatz trotz grosser Leistung nicht mehr als erfolgreich wahrnimmt.

Burnout-Zustände entstehen also durch Kränkungen?
Das ist zumindest ein wichtiger Faktor. Personen mit einem echten Burnout sind sehr fleissig, um sich bewusst oder unbewusst Anerkennung zu holen. Das kann über viele Jahre gut funktionieren. Sie brechen erst zusammen, wenn die Anerkennung und der Erfolg ausbleiben. Häufig passiert das, wenn der Vorgesetzte wechselt oder sich das Team verändert.

Es ist also nicht die grosse Arbeitsbelastung, die schuld ist?
Nur zum Teil. Es gibt Leute in verantwortungsvollen Positionen – etwa Chefärzte oder Manager –, die über Jahre ein enormes Pensum leisten und dabei nicht krank werden. Wenn sie Freude haben an der Arbeit, erfolgreich sind, und sich gut erholen können, ist das oft gar kein Problem.

Oft hört man, die Schnelllebigkeit der heutigen Arbeitswelt sei Ursache für die vielen ausgebrannten Menschen. Mit den mobilen Geräten ist man stets erreichbar und kommt kaum zur Ruhe.
Das mag mitspielen. Gefährdete lernen in der Therapie, mit Smartphones und Tablets besser umzugehen: Mails nicht anschauen in der Freizeit oder die Geräte sogar ganz ausschalten. Solche Dinge sind relativ einfach umzusetzen.

Gibt es noch andere Verhaltensweisen, die vor einem Burnout schützen?
Wichtig ist, dass man ein Privatleben führt, dass man Kontakte und Hobbys pflegt. Dass man sich entspannen kann. Ein wahres Wundermittel ist der Sport: Zwei bis dreimal pro Woche Joggen oder Krafttraining stärkt die Stressregulation nachweislich.

Sie haben vorhin von echten Burnouts gesprochen. Gibt es auch unechte?
Ja, und mit dieser Sorte habe ich es in meiner Praxis sogar häufiger zu tun als mit den echten. Der Grund für das Burnout liegt dann tiefer: Die Betroffenen leiden an anderen psychischen Krankheiten wie etwa einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, einer chronischen Depression oder einer beginnenden Schizophrenie. Oder sie werden gemobbt. Wenn der Stresspegel sowieso bereits hoch ist, braucht es nicht mehr viel bis zum Ausgebranntsein.

Unterscheidet sich die Therapie je nach Ursache?
Ja. Bei einem unechten Burnout versucht man, das zugrunde liegende Problem anzugehen. Dagegen müssen Personen mit einem echten Burnout lernen, nein zu sagen und sich bei der Arbeit abzugrenzen. Dabei müssen sie es aushalten, dass sie vielleicht nicht mehr so stark geschätzt werden wie früher, als sie alles übernahmen und stets zur Stelle waren.

Das tönt nach einer schwierigen Aufgabe.
Es ist oft ein längerer Prozess, in dem wir uns auch mit philosophischen Fragen auseinandersetzen. Dabei geht es um die eingetretene Sinnkrise, die einen Reifungsschritt erfordert. Die Frage: Wer bin ich eigentlich wirklich? Steht dann im Zentrum. Das verweist psychologisch gesehen zurück auf die eigene Kindheit und auf das Verhältnis zu Mutter und Vater und die damalige Kindsrolle. All das kommt hoch und bedarf der hoch bewussten Bearbeitung. Es geht immer auch darum aufzudecken, inwiefern man sich gegenüber der Firma, in der man ausgebrannt ist, ähnlich verhielt wie gegenüber einer Mutter- oder Vaterinstanz und dabei kindliche Beziehungsmuster reaktiviert hat, die irgendwann nicht mehr erfolgreich gelebt werden konnten, was das Burnout auslöste. Es sind solche Fragen, die am Ende viel zu bedenken geben. Man muss lernen, sich selbst in einer neuen Rolle auf die Wirklichkeit einzulassen. Schriftsteller Peter Bichsel hat einmal geschrieben, dass wir vielleicht zeitlebens nur für andere erwachsen sind, nicht aber für uns selbst. Das ist einerseits gut so, weil es uns jung erhält, wird aber problematisch, wenn man ausbrennt. Dann muss man sich die eigene Unreife ansehen und ein Stück weit erwachsener werden, auch für einen selbst. (zuonline.ch)

Erstellt: 13.11.2017, 15:21 Uhr

Infobox

Am Mittwoch,15. November, 19.15 Uhr, hält Adrian Fröhlich einen öffentlichen Vortrag in den Räumen der Fachstelle für Abhängigkeitserkrankungen (fabb) in Kloten, Bahnhofstrasse 6, 2. OG.

Adrian Fröhlich, 64, Psychotherapeut

Zur Person

Adrian Fröhlich (64) ist Psychotherapeut in einer Gemeinschaftspraxis in Grenchen und Autor des Buches «Die erschöpfte Begeisterung» (Kohlhammer-Verlag 2015). Als Experte zum Thema spricht er an Weiterbildungen für Fachleute.

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