Frauenfeld-Gachnang

«Da kann noch vieles passieren»

Der Bülacher Jeremy Seewer tritt als Publikumsmagnet zum Motocross-GP in Frauenfeld an. Der Zweitplatzierte der MX2-WM-Serie gibt das Rennen um den Titel noch lange nicht auf.

Der 23-jährige Jeremy Seewer (rechts) möchte in seiner letzten Saison in der MX2-WM-Serie zum Titel preschen.

Der 23-jährige Jeremy Seewer (rechts) möchte in seiner letzten Saison in der MX2-WM-Serie zum Titel preschen. Bild: Suzuki-racing.com

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Jeremy Seewer, wie fällt die Zwischenbilanz Ihrer vierten Saison in der zweithöchsten Motocross-Serie nach 28 von38 WM-Läufen aus?
Jeremy Seewer: Einerseits sehr gut, andererseits auch nicht. Ich fahre meine bisher beste Saison in dieser Klasse, habe mehr Punkte geholt als bis zum selben Zeitpunkt letztes Jahr, habe erstmals auch einzelne Läufe gewonnen (fünf im bisherigen Saisonverlauf, die Red.) und vier Grand-Prix-Tagessiege gefeiert.

Da haben Sie und Ihre Suzuki-Rennmaschine zweifellos Fortschritte gemacht.
Ja. Der Töff ist stärker, auch ich bin fitnessmässig noch besser als letztes Jahr. Und im Kopf habe ich den nötigen Schritt gemacht, um zum Siegfahrer zu werden

Indem Sie noch mehr riskieren?
Das nicht. Aber ich fahre mit noch mehr Selbstsicherheit, zeige im Rennen allen, dass ich unbedingt gewinnen möchte. Ich bin ein bisschen mehr zur Rennsau geworden. (lächelt)

«Ich bin ein bisschen mehr zur Rennsau geworden.»

Dennoch gibt es einen grossen Wermutstropfen. In der Gesamtwertung liegen Sie als Vizeweltmeister des Vorjahres nicht etwa vorne, sondern 50 Punkte hinter dem Letten Pauls Jonass auf dem 2. Platz.
Ja, und das ist teilweise schon frustrierend: Ich habe mich weiter verbessert und liege trotzdem weit hinter ihm zurück. Das geht so weit, dass ich mich dieses Jahr über einen 2. Platz an einem Grand Prix gar nicht mehr freuen kann, während ich letztes Jahr mit demselben Resultat der glücklichste Mensch war. Aber heuer möchte ich woanders hin.

Vor dieser Saison hatten Sie ja den Titelgewinn als Ziel ange­ge­ben und Pauls Jonass als einen der grössten Konkurrentenauf dem Weg dorthin genannt. Überrascht es Sie dennoch, dass er so extrem stark fährt?
Ich habe eigentlich schon gewusst, dass er mein Hauptgegner sein würde. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen das auch: Alle anderen sind weit abgeschlagen. Dass er aber konstant so gut fährt, kommt für mich überraschend. Bis jetzt hatte er jedes Jahr mindestens einmal einen gröberen Fehler gemacht.

Was macht denn die Qualität Ihres Konkurrenten aus?
Sein Motorrad funktioniert sehr gut, ausserdem hat er den Vorteil, dass sein KTM-Teamkollege ­Jorge Prado auch oft vorne mitfährt und ihm Schützenhilfe leistet. Aber auch Pauls Jonass selbst fährt dieses Jahr praktisch fehler­frei, und er zeigt keine Emotionen: Ein Sieg ist für ihn nichts Aussergewöhnliches. Und was auch ganz wichtig ist: Seine Starts sind sehr, sehr gut.

«»Die Startprobleme sind inzwischen schon so weit behoben, dass ich sie nicht mehr als Ausrede benutzen kann.»

Zu Beginn der Saison hatten Sie damit ja noch einige Mühe. Haben Sie den Rückstand am Start mittlerweile aufholen können?
Nicht ganz. Aber unser Motor hat in anderen Bereichen sehr grosse Qualitäten. Und die Startprobleme sind inzwischen schon so weit behoben, dass ich sie nicht mehr als Ausrede benutzen kann. Immerhin sind mir in dieser Saison schon zwei Hole­shots (als Leader in die erste Kurve nach dem Start ins Rennen gefahren, die Red. ) gelungen.

Wie erleben Sie Ihr Verhältnis zum grossen Rivalen,dem WM-Leader Pauls Jonass?
Es ist noch immer sportlich-fair. Wir respektieren und grüssen ­ei­n­ander, wenn wir uns sehen. Aber damit hat es sich dieses Jahr auch schon. Früher haben wir schon einmal zwei, drei Worte mehr gewechselt. Das hat sich nun durch die Rivalität im Kampf um den WM-Titel abgekühlt. Das ist aber völlig normal. Und wie gesagt, fährt er wirklich stets fair. Ich würde sogar sagen: Wenn einer fair ist, dann Pauls Jonass. Sollte er am Ende den Titel gewinnen, würde ich ihm sofort gratulieren.

Wie gross stehen Ihre Chancen, um das zu verhindern?
Die sind relativ klein, aber immer noch da. Noch sind fünf GPs mit insgesamt zehn Rennen zu fahren, sind maximal 250 Punkte zu holen. Da kann noch vieles passieren.

«Wie viel Energie so ein Heimpublikum geben kann, habe ich letztes Jahr schon erleben dürfen.»

Vor allem ein Ausfall von Pauls Jonass würde Ihnen helfen.
Ich schaue vor allem auf mich. Solange er nicht uneinholbar vorne liegt, werde ich nicht aufgeben und muss versuchen, alles aus mir herauszuholen. Alles andere kann ich nicht beeinflussen. Auf einen groben Fahrfehler eines Konkurrenten hoffe ich nie, denn damit steigt auch immer das Risiko zu stürzen und sich zu verletzen. Und das wünsche ich niemandem.

Sie selbst könnten in dieser Situation auch verleitet sein, das Risiko zu erhöhen.
Ja, aber unser Sport ist sehr risikoreich, und irgendwann ist das Limit erreicht. Ich gehe schon jetzt 100 Prozent Risiko ein, 101 Prozent wären eines zu viel.

Die beste Gelegenheit, um die Aufholjagd zu lancieren, die Sie jetzt für den Titelgewinn brauchen, wäre natürlich der Heim-GP in Frauenfeld, oder?
Ja, absolut. Das wäre natürlich sehr schön. Wie viel Energie so ein Heimpublikum geben kann mit 30 000 Fans, die Schweizer Fahnen schwenken und zum Grossteil wegen mir gekommen sind, habe ich ja letztes Jahr schon erleben dürfen.

Heuer scheint der Rummel um Ihre Person im Vorfeld des Heimrennens noch grösser zu sein. Wie gehen Sie damit um – und mit dem Druck, dass alle Sie siegen sehen wollen?
Der Druck ist immer da, aber ich probiere, einfach alles zu geniessen, die Atmosphäre aufzusaugen. Als Motocross-Fahrer erlebt man so etwas ja nicht alle Tage. Und das Interesse ist tatsächlich eine Stufe höher als letztes Jahr. Aber ich freue mich sehr darüber – und am Rennwochenende selbst plane ich genügend ­Ruhezeit ein, damit die nötige Konzentration nicht zu kurz kommt.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 10.08.2017, 23:49 Uhr

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