Bülach

«Dann ist alles offen und liegt alles drin»

Jeremy Seewer hat mit dem 3. Platz am Grand Prix von China seine erst zweite Saison in der höchsten Motocross-WM-Kategorie MX-GP beendet – als Vizeweltmeister.

Von einem Stein, der im ersten Lauf das Visier seines Helms zersplittert hatte, etwas lädiert, aber glücklich: Der Bülacher Jeremy Seewer präsentiert nach dem letzten GP der Saison seine WM-Silbermedaille.

Von einem Stein, der im ersten Lauf das Visier seines Helms zersplittert hatte, etwas lädiert, aber glücklich: Der Bülacher Jeremy Seewer präsentiert nach dem letzten GP der Saison seine WM-Silbermedaille. Bild: Yamaha-Racing

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Jeremy Seewer, Gratulation zu Ihrem bisher grössten Erfolg. Wie nervös waren Sie vor dem Start zum letzten Grand Prix der Saison in Shanghai?

Jeremy Seewer: Eigentlich überhaupt nicht. Ich hatte so einen grossen Vorsprung, dass ich komplett relaxed in den letzten GP gegangen bin. Ich wusste auch, dass der Drittplatzierte nicht topfit war und nicht genügend Punkte würde holen können, um mich einzuholen. Darum habe ich noch einmal voll angegriffen und bin überhaupt nicht auf Sicherheit gefahren.

War das nicht riskant? Schliesslich hätten Sie ja nur noch acht Punkte herausfahren müssen, um alles klar zu machen.

Meiner Meinung nach ist es eben mit weniger Risiko verbunden, wenn man einfach so fährt und attackiert wie immer. Wenn man dagegen zu sehr auf Sicherheit geht, wird man zu verkrampft oder macht eher mehr Fehler, als wenn man einfach entspannt und locker und an die Sache herangeht und nicht zu viel studiert. Ausserdem hätte Gautier Paulin, der vor Shanghai auf Platz 3 war, ja mindestens in beiden Läufen Zweiter werden müssen, um mich einzuholen, wenn ich gleichzeitig keinen Punkt hole. Davon war er am Ende sehr weit entfernt. Nach dem Training und dem Qualifying wusste ich schon, dass er nicht fit genug ist, um ganz vorne reinzufahren.

Wie gross war Ihre Freude, als Ihr 2. Platz in der WM-Gesamtwertung endgültig festgestanden hat?

Nach dem ersten Lauf, als schon alles sicher war, habe ich mich nicht gross darüber gefreut. Vielmehr haben wir im Team noch einmal voll auf den zweiten Lauf fokussiert, um es aufs Tagespodium zu schaffen. Nach dem Rennen haben wir uns über WM-Silber schon sehr gefreut und gefeiert. Das war davor ja nicht möglich, obwohl seit ein, zwei Rennen alles recht klar war. So ist die Freude eher langsam gekommen, nicht auf einmal.

Wie ordnen Sie Ihre WM-Silbermedaille nun, mit ein paar Tagen Abstand, ein?

Rein resultatmässig ist es der grösste Erfolg meiner Karriere, Vizeweltmeister in der MX-GP-Kategorie zu werden. Das ist etwas Unglaubliches. Vor allem, weil Anfang des Jahres nicht alles perfekt gelaufen ist und ich wegen der Lungenentzündung mitten in der Vorbereitungszeit schlechter als erwartet in die Saison gestartet bin. Ich muss aber auch sagen: Mit dem siebenfachen Weltmeister Antonio Cairoli und dem Titelverteidiger Jeffrey Herlings sind heuer zwei Topfavoriten über lange Zeit verletzt ausgefallen. Rechnet man sie dazu, wäre ich wahrscheinlich Vierter, Fünfter geworden, was meinem Saisonziel genau entsprochen hätte. Aber hätte, wäre, wenn – Verletzungen gehören im Motocross-Sport leider dazu. Und natürlich wollen alle die Plätze der Ausgefallenen übernehmen. Darum stufe ich meinen Erfolg hoch ein, bleibe aber auch am Boden und sehe die Realität. Ich schaue schon wieder in die Zukunft – und auf die nächsten Ziele.

Da kann es ja jetzt als nächsten Schritt nur noch eines geben: den WM-Titel.

Das ist jetzt die grosse Frage. Jetzt bin ich Vizeweltmeister, natürlich ist es mein nächstes Ziel, die WM-Wertung zu gewinnen. Aber ich setze mich damit nicht zu fest unter Druck, weil ich ja genau weiss, dass in der MX-GP-Klasse drei, vier richtig starke Fahrer dabei sind. Auf jeden Fall werde ich diesen Winter in der Vorbereitung alles geben, damit ich nächstes Jahr von Anfang an so mitfahren kann wie heuer ab der Saisonmitte. Dann ist alles offen und liegt alles drin. Ich sage jetzt aber nicht, dass ich 2020 unbedingt Weltmeister werden muss. Zum Glück bin ich einer der Jüngeren im Feld und habe noch ein paar Jahre Zeit.

Jeremy Seewer während des letzten Rennens der WM-Saison in Schanghai. Foto: Yamaha-Racing

Nach dem Blick in die Zukunft noch zwei Rückblenden. Was war entscheidend für Ihre Steigerung in diesem Jahr?

Der Rennkalender ist mir sehr entgegengekommen. Die ersten vier Rennen waren okay, aber ich war einfach noch nicht ganz fit. Danach hatten wir noch eine fünfwöchige Rennpause, bevor es so richtig losgegangen ist. In dieser Zeit konnten wir noch einmal richtig viel testen, und ich konnte fit werden, den Trainingsrückstand aufholen. Daneben sind das Team und ganz speziell mein Mechaniker Schlüsselpunkte zum Erfolg. Sie haben so viel Erfahrung und wissen ganz genau, was es wann braucht.

Vor bald zwei Jahren sind Sie nach dem Rückzug Ihres damaligen Teams Suzuki zu einem ungünstigen Zeitpunkt plötzlich ohne Vertrag dagestanden. Ist aus dem Schock von damals im Nachhinein der Vorteil von heute geworden, weil Sie als Yamaha-Werksfahrer auf ein noch besseres Team bauen und sich auf eine noch bessere Maschine setzen können?

Eine schwierige Frage. 2018 war es eher ein kleiner Nachteil, 2019 hat sich der Wechsel eher zu meinem Vorteil entwickelt. Aber Suzuki hatte in der MX-GP-Kategorie auch einen sehr guten Töff, und das Team war auch auf einem sehr hohen Niveau.

2019 steht als krönender Abschluss noch das Motocross of Nations am letzten September-Wochenende in Assen (NED) noch. Im Verbund mit dem Genfer WM-Fünftplatzierten Arnaud Tonus hätten Sie ausgezeichnete Chancen auf ein Topergebnis. Wird seine Handverletzung, die er sich in Shanghai zugezogen hat, rechtzeitig heilen – und wie stünden die Aussichten mit einem allfälligen Ersatzmann?

Ich habe noch keine Neuigkeiten von Arnaud, aber ich fürchte, es sieht nicht gut aus. Das sind leider schlechte Nachrichten für die Schweiz. Mit ihm wären wir Podestkandidaten. Jetzt sieht das ein bisschen anders aus.

Erstellt: 19.09.2019, 16:40 Uhr

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