Wallisellen

Das Experiment Jobtausch ist gelungen

Weder der Pfarrer noch der Baustellenchef hätten je gedacht, den Job des andern auszuführen. Doch genau das haben Adrian Berger und Dimitri Jud ausprobiert. Mit dem Resultat sind beide sehr zufrieden.

Baustellenleiter Dimitri Jud fühlt sich am Pult des Pfarrers wohl, wo er eine Kolumne verfasste.

Baustellenleiter Dimitri Jud fühlt sich am Pult des Pfarrers wohl, wo er eine Kolumne verfasste. Bild: Stefanie Gehrig

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Es war tatsächlich der Pfarrer der reformierten Kirche Wallisellen, der kürzlich in einem Kleinbagger versuchte, vor dem Pfarrhaus einen Graben auszuheben. Mit der Arbeitsjacke in leuchtendem Orange und dem angestrengten Gesichtsausdruck war Adrian Berger in der Kabine der 3,5 Tonnen schweren Baumaschine kaum wiederzuerkennen. Per Zufall ist ein Bubentraum des 51-Jährigen doch noch in Erfüllung gegangen. «Als ich eines Morgens vom Hundespaziergang zurückkam, war der Zugang zum Pfarrhaus mit einem Baustellengitter versperrt», erzählt er.

Der Rückbau des Kirchgemeindehauses hatte begonnen. Berger wollte den Chef sprechen. Der sei erst morgen wieder hier, beschied ihm ein Bauarbeiter.Am nächsten Tag war Baustellenchef Dimitri Jud pünktlich um 7 Uhr vor Ort und entschuldigte sich beim Pfarrer dafür, dass er ihn nicht informiert hatte. Berger empfand sofort grosse Sympathie für den jungen Mann, der ihm versicherte, rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn der Graben für die Gasleitung im Garten des Pfarrhauses ausgehoben werde.

Jud legt nämlich grossen Wert auf einen einvernehmlichen Umgang mit den Baustellenanstössern. «Wir wollen niemanden verärgern. Arbeiten, die Lärm verursachen, lassen sich nicht vermeiden, aber wir halten uns strikt an die Anfangs- und Schlusszeiten», erklärt er. Der Pfarrer erinnerte sich wieder an seinen Traum aus Kindertagen, einen Bagger zu fahren. Er schlägt dem 25-Jährigen deshalb spontan vor, die Arbeitsplätze zu tauschen.

Schreiben war gar nicht so schwierig

Dimitri Jud musste nicht lange überlegen, um einmal in Hemd und Jackett am Pult im Arbeitszimmer des Pfarrers zu sitzen. «Ich kleide mich zwar lieber sportlich, aber für einmal passte das formelle Outfit ganz gut», sagt er. Bevor er jedoch definitiv zusagte, wollte er wissen, ob es eine Rolle spiele, dass er katholisch ist. Für den reformierten Pfarrer war das kein Problem. «Wichtig ist doch das Interesse für kirchliche Themen und das Engagement, sich für etwas einzusetzen.»

«Ich kleide mich zwar lieber sportlich, aber für einmal passte das formelle Outfit ganz gut.»Dimitri Jud

Die Aufgabe von Dimitri Jud bestand darin, eine Kolumne zu schreiben für die Walliseller Gemeindeseite von «reformiert.lokal». Berger gab ihm einen seiner früheren Texte als Beispiel zum Lesen und erklärte, worauf es beim Schreiben einer Kolumne ankommt. «Die Erklärung, wie ein Computer zu bedienen ist, erübrigte sich», sagt Berger. «Das ist für die Generation von Dimitri Jud eine Selbstverständlichkeit.» Als Thema für seinen Text wählte der Baustellenchef «Liebe». Es sei ein oft missbräuchlich verwendetes Wort, und er überlegte sich, dass man vielleicht erst dann spürt, was wahre Liebe ist, wenn ein Mensch nicht mehr da ist.

Das Schreiben sei ihm erstaunlich leicht gefallen. «Ich bin auch stolz, musste der Pfarrer nur kleine Korrekturen vornehmen wie Kommas einsetzen und ab und zu einen Rechtschreibefehler verbessern.» Am Inhalt wurde nichts verändert. Der Text erscheint in einer der nächsten Ausgaben von «reformiert.lokal».

Baggerfahren brauchte grosse Konzentration

Etwas aufwendiger gestaltete sich das Training von Adrian Berger auf dem Bagger. «Die Bedienung der beiden Joysticks ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht», gibt er zu. Schon die erste Übung, die Schaufel in einer geraden Linie über die Wiese zu führen, ohne Erde aufzuwühlen, war eine Herausforderung. «Es war für mich jedenfalls viel komplizierter, als ich gedacht hatte», sagt er. «Besonders die Koordination der verschiedenen Handgriffe war schwierig.»

«Die Bedienung der beiden Joysticks ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht.»Adrian Berger, Pfarrer

Er habe immer sehr viel überlegen müssen, bevor er die nächste Bewegung mit dem Bagger ausführen konnte. Beruhigend war auch zu wissen, dass Dimitri Jud die Maschine auf Knopfdruck jederzeit hätte abstellen können. «Das war jedoch nicht nötig», sagt dieser. Nach ein paar Übungsstunden wagte sich Adrian Berger an die eigentliche Aufgabe, einen gerade verlaufenden Graben im Garten des Pfarrhauses mit dem Kleinbagger auszuheben. Das Resultat kann sich sehen lassen.

Die beiden Männer sind sich durch den kurzzeitigen Jobtausch auch menschlich näher gekommen. «Wir haben sehr gute Gespräche geführt und offen kommuniziert», sagt der Pfarrer. «Ich hatte mir zuerst Gedanken gemacht, was ich mit einem Pfarrer reden soll», sagt der Baustellenchef. Aber alles habe sich wie von selbst ergeben. Nächste Woche geht Adrian Berger noch einen Schritt weiter und versucht, den grossen Bagger zu fahren, der 26 Tonnen wiegt. Auch Dimitri Jud erweitert das Experiment. Am Sonntag, 28. Januar, um 10 Uhr hält er in der reformierten Kirche Wallisellen eine Gastpredigt zum Thema «Job-Seitenwechsel: rückbauen, aufbauen, umbauen». Adrian Berger ist für die Lithurgie zuständig.

Erstellt: 16.01.2018, 17:04 Uhr

Baustelle

Die Arbeiten, die Baustellenchef Dimitri Jud zusammen mit seinem Team der Firma Toggenburger AG ausführt, stehen im Zusammenhang mit dem Ersatzbau für das Kirchgemeindehaus in Wallisellen. Verschwunden ist das Kirchgemeindehaus, und auch das Sigristenhäuschen steht nicht mehr. Bäume und Sträucher wurden weggeschafft, um Platz für Neues zu schaffen. Als erstes haben die Bauarbeiter das 1956 erstellte Gebäude abgerissen. Das Material wurde direkt vor Ort sortiert, um es dem Recycling zuzuführen. Diese anspruchsvolle Arbeit muss sorgfältig ausgeführt werden. Der Rückbau dauert noch bis Mitte Februar.
Im November 2016 hatte das reformierte Stimmvolk einen Investitionskredit von 20,63 Millionen Franken bewilligt. Geplant ist ein Neubau mit Räumlichkeiten für die reformierte Kirchgemeinde, zwei Pfarrwohnungen und eine Sigristenwohnung sowie Büro- und Gewerberäume und eine Kindertagesstätte . Zudem entstehen 31 altersgerechte Wohnungen, deren Betrieb die Genossenschaft Wohnraum Wallisellen (GWW) übernimmt.

Pfarrer Adrian Berger konnte sich mit dem Baggerfahren auf der Baustelle vor seinem Haus einen Bubentraum erfüllen. (Bild: Stefanie Gehrig)

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