Rümlang

«Das Leben ist zu kurz, um alles Schöne der Natur zu entdecken»

In der Nähe des Flughafens gibt es versteckte Naturparadiese, die eine Vielzahl von Vögeln und anderen Tiere beheimaten. Ernst Räth vom Verein Natur und Umwelt Rümlang führt auf einem Spaziergang zum Naturfenster im Gebiet Langensegen. Diese Aussichtsplattform ermöglicht eine Rundumsicht mitten ins Schutzgebiet.

Ernst Räth von Natur und Umwelt Rümlang (NUR) geniesst den Blick aus dem Naturfenster.

Ernst Räth von Natur und Umwelt Rümlang (NUR) geniesst den Blick aus dem Naturfenster. Bild: Sibylle Ratz

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Wir sind im Naturfenster, einer Holzbox mit einer Aussparung für den freien Blick auf die Natur. Ein paar Bäume, hochgewachsenes Gras, Wiese und ein Teich. Alles in sattem Grün. Das Quaken der Frösche und Kröten ist lauter als das Flugzeug, das gerade nebenan startet. Im Wasser plätschert ein Zwergtaucher. Seine Übungen vollführt er etwas entfernt vom Aussichtspunkt, mit Feldstecher und Kamera können wir den zierlichen und scheuen Wasservogel heranzoomen und ihm beim Auf- und Abtauchen zuzusehen.

Langsames Erlebnis

Ich habe mich auf einen Spaziergang mit Ernst Räth (71), Präsident des Vereins Natur und Umwelt Rümlang (NUR), eingelassen, hier am Pistenende des Flughafens, an den Altläufen der Glatt. Weg von den Familiengärten, weg auch von den zahlreichen Freizeitsportlern, die mit Velo, Skates oder rennend über die Wege flitzen. Wir bewegen uns langsam und flüstern nur noch. Zwei, drei Frösche raufen sich unterhalb der Aussichtsplattform. Es müssen aber viel mehr sein, denn es quakt von überall her, bis die Stimmen wieder verstummen und das Zwitschern verschiedener Vogelarten hörbar wird. «Nicht die Farbe der Kleidung ist entscheidend, wenn man in der Natur ist und etwas sehen will. Vielmehr ist es wichtig, sich langsam zu bewegen», sagt Räth.

Ernst Räth weist auf einen schmalen Pfad am Teichrand hin. «Das ist der Spazierweg des Bibers», erklärt er. Allerdings würden sich Biber vorzugsweise im Wasser bewegen. Einmal, so berichtet Räth, habe der Biber den Teich derart aufgestaut, dass er den kleinen Weg nicht mehr zu Fuss bewältigen musste. «Er konnte einfach darüber hinwegschwimmen.» Der Damm wurde später wieder entfernt.

Vogelstimmen erkennen

Auf dem Weg zur Aussichtsplattform haben wir immer wieder angehalten. Räth erkennt die jeweiligen Vogelstimmen und zeigt mir die Vögel in einem Büchlein. Denn sehen können wir die meisten von ihnen nicht. Zu dicht ist das Grün der Bäume schon. Wir hören auf unserem Weg Goldammer, Zilpzalp, Rotkehlchen, Amseln, Teichrohrsänger. Eine Vogelstimme schöner als die andere. Dazwischen mischen sich die leicht krächzenden Töne von Jungvögeln, die ihre Eltern noch auf Trab halten und gefüttert werden wollen. Einen Grünspecht bekommen wir dann aber doch noch zu Gesicht.

Erst nach seiner Pensionierung hat Ernst Räth Zeit gefunden, sich vertieft mit den Vögeln auseinanderzusetzen. In einem Ornithologiekurs hat er gelernt, die Vogelstimmen zu erkennen.

«Natur ist Chaos»

Etwas ist dem Naturliebhaber besonders wichtig: «Ich möchte der Jugend gerne weitergeben, was ich selber entdecke.» Danach lebt er auch. So hilft er wöchentlich in der Schule aus und vor zwei Jahren hat der Verein NUR auch eine Jugendgruppe gegründet. Räth gibt zu, eigentlich ein chaotischer Mensch zu sein, obwohl er früher als Feinmechaniker tätig war. «Natur ist Chaos. Das fasziniert mich. Es gibt zwar Regeln, aber keine Regel ohne Ausnahme. Man muss sich auf die Natur einlassen, um Neues zu entdecken.»

Zum Schluss des Rundgangs kommen wir wieder zur Glatt. Zahlreiche gebänderte Prachtlibellen tanzen im hohen Gras. Auch dort hat es einen kleinen Teich, wo wir noch einen Moment verweilen, weil sich etwas im Schilf bewegt hat. Da, jetzt sehen wir es: Es ist ein Schwarzkehlchen, wie Räth feststellt. «Diesen Vogel habe ich jetzt noch nie hier gesehen», bemerkt er sichtlich erfreut.

Das Leben im Teich kann man im Naturschutzgebiet aus nächster Nähe beobachten (Foto: Sibylle Ratz).

Räth hat seine Gründe dafür, wieso er sich so für die Natur einsetzt und oft hier unterwegs ist: «Ich tanke hier Energie. Und ich glaube, dass Menschen, welche die Ruhe ertragen und ihr Platz geben, auch den Lärm besser ertragen. Zumindest geht es mir so. Und je mehr Schönes ich in der Natur entdecke, desto mehr empfinde ich, dass das Leben eigentlich viel zu kurz ist für all das, was ich noch entdecken möchte.» Die Zeit, scheint mir, ist wie im Flug vergangen.

Erstellt: 15.06.2018, 14:16 Uhr

Infobox

Naturschutzgebiet Altläufe der Glatt: Ab dem Bahnhof Rümlang mit dem Postauto 510 bis zur Haltestelle Riedmatt fahren. Von dort aus führt ein Fussweg um den Kreisel zu einem Feldweg, der über die Äcker zur Glatt führt. Das Teilgebiet Giessen/Solachten liegt glattabwärts auf der linken Flussseite. Überquert man die Brücke, gelangt man direkt zu den Glattläufen.


Mehr Infos finden sich online unter www.aln.zh.ch. Unter «Veröffentlichungen» kann man einen Flyer zu den Altläufen der Glatt herunterladen.

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