Integration

Das Projekt Linus

Linus Lohse ist acht Jahre alt und hat Trisomie 21. Seinen Eltern ist es ein grosses Anliegen, dass er in die normale Primarschule geht - eine Herausforderung für alle.

Katja Lohse freut sich, dass ihr Sohn Linus in der Schule schnell Anschluss gefunden hat. Foto: Nathalie Guinand

Katja Lohse freut sich, dass ihr Sohn Linus in der Schule schnell Anschluss gefunden hat. Foto: Nathalie Guinand

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Linus Lohse steht auf dem Sofa und macht Faxen für die Fotografin. Er schneidet Grimassen, streckt die Zunge durch die Lücke, wo ihm gerade die Schneidezähne fehlen, und legt den Kopf schrägt. Dann setzt er sich ganz nah zu seiner Mutter an den Tisch und fragt, ob er eine Banane haben kann. «Linus kuschelt gern», sagt Katja Lohse. «Er ist sensible und merkt schnell, wie es seinem Gegenüber geht.» Das ist in der Schule ein Vorteil. Linus hat schnell Freunde gefunden.

Der Achtjährige geht in Uster in die 1. Klasse. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Linus hat Trisomie 21, was auch Down-Syndrom genannt wird. Damit er in der Regelschule gehen kann, braucht es Offenheit, Absprachen und Organisation.

Eins zu eins betreut

Für Katja Lohse und ihren Mann war klar, dass Linus nicht in eine Sonderschule, sondern «so normal wie möglich» zur Schule gehen soll. Da beide Eltern berufstätig sind, sollte es die Tagesschule sein, ein Pilotprojekt, mit dem Uster den Tagesschulbetrieb bis 2021 erprobt. Unter den 66 Schülern sind noch zwei weitere integrierte Sonderschüler, doch Linus ist der einzige mit Trisomie 21. Er wird seit dem ersten Kindergartentag eins zu eins betreut während des Unterrichts, aber auch beim Mittagessen und am Nachmittag.

«Beim Schulstart gab es fehlende Kenntnisse und Berührungsängste.»Katja Lohse, Mutter

«Wir wurden mit offenen Armen empfangen», sagt Katja Lohse. Die Kindergärtnerinnen hätten sich auf des «Projekt Linus» eingelassen und die Herausforderung gut gemeistert. Die fachliche Betreuung habe zwar gefehlt, da damals keine Heilpädagogin an der Tagesschule beschäftigt war, sagt Katja Lohse, die selber in einer Institution für Körperbehinderte arbeitet. Aber eine der beiden Kindergärtnerinnen bildete sich entsprechend weiter.

Übergänge sind schwierig

Trotz anfänglicher Unsicherheiten, habe man bald einen Weg gefunden zum regelmässigen Austausch mit den Kindergärtnerinnen, sagt die Mutter. Harziger sei der Übertritt in die erste Klasse gewesen. Die Lehrer hätten keine Zeit gehabt, sich mit den Eltern vor dem Schulstart zu treffen: «So gab es fehlende Kenntnisse und Berührungsängste.» Weil Linus zuhause nichts von der Schule erzählt, ist der Austausch mit dem Schulteam für die Eltern sehr wichtig: «Wir haben zwar keine Fachausbildung als Lehrer, aber acht Jahr Erfahrung mit Linus.»

Linus ist langsamer, auf seine Bedürfnisse fokussiert und hat Mühe mit Übergängen. Er hat sein eigenes Lernprogramm und bleibt etwa in der ersten Pause im Schulzimmer. In kurzer Zeit die Jacke anziehen, auf den Pausenplatz gehen, essen, die Jacke wieder ausziehen und ins Zimmer zu kommen, ist zu viel für ihn. Will er etwas nicht, kann er bockig werden. Manchmal kommt er auch zu kurz. Etwa wenn auf dem Ausflug keine Zeit mehr bleibt, damit er seinen Znüni essen kann. «Ich habe Verständnis, aber mir ist es wichtig, dass er isst und gestärkt ist, für alles was kommt», sagt Katja Lohse.

Es habe ein halbes Jahr gedauert, bis sich die Eltern mit dem Schulteam und der neuen Heilpädagogin gefunden haben. Viel muss geklärt werden, etwa wie Linus bei einem Projekttag in den Wald kommt. Zu Fuss ist es für ihn zu weit. Die Lösung war ein Veloanhänger. So darf auch immer mal ein anderes Kind mitfahren.

«Irgendwann stellt sich die Frage, ob sich der hohe finanzielle Aufwand lohnt, spätestens beim Übertritt in die Oberstufe.»Ursina Hilty, Schulleiterin

Seine Mitschüler stellten anfangs Fragen zu Linus und seinem Anderssein. Die Kindergärtnerinnen thematisierten das Down-Syndrom und erklärten den Kindern, dass sie mit Linus nicht wie mit einem Kleinkind sprechen müssen. «Die Kids haben keine Berührungsängste», sagt Katja Lohse. Auch die anderen Eltern seien offen, man kenne sich in der kleinen Schule. Vor dem ersten Kindergeburtstag, zu dem Linus eingeladen war, rief sie dennoch den Vater an, um Logistisches zu klären. Dieser habe das geschätzt, aber es stellte sich heraus, dass das Geburtstagskind an alles gedacht hatte. Ihm war klar, dass Linus langsam ist. Deshalb spazierte er mit ihm zusammen vom Bahnhof zur Turnhalle.

Lohnt sich der Aufwand?

Es gehe gut mit Linus in der Tagesschule, sagt auch Schulleiterin Ursina Hilty. «Er ist sozial integriert, obwohl er kognitiv weit von den anderen weg ist.» Für die Klassenlehrer sei die Herausforderung aber nicht zu unterschätzen. Auch weil sie wegen des Projektcharakters der Tagesschule noch weitere Vorgaben zu erfüllen hätten, sagt Hilty. Die Schulleiterin sieht aber auch die Grenzen der Integration: «Irgendwann stellt sich die Frage, ob sich der hohe finanzielle Aufwand lohnt, spätestens beim Übertritt in die Oberstufe.»

Katja Lohse würde sich wünschen, dass Linus auch in der Oberstufe noch integriert werden kann. Aber das lässt sie auf sich zukommen. Erstmal freut sie sich über jeden Buchstaben, den Linus schreibt. Linus zeige auch, dass es ihm in der Schule gefällt. «Würde sich das ändern, hinterfragen wir wieder, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben.»

Am Dienstag, 26. März findet um 19.30 Uhr im Stadthofsaal Uster ein Podium von Pro Infirmis Zürich zur Integration in der Schule statt. Katja Lohse, Ursina Hilty und Peter Lienhard werden auch teilnehmen.

Erstellt: 22.03.2019, 19:43 Uhr

Peter Lienhard ist Dozent an der Hochschule für Heilpädagogik und berät Schulen bei Integrationskonzepten. (Bild: PD)

«Integrative Klassen sind oft sozial kompetenter»

Herr Lienhard, was sind die Zutaten einer erfolgreichen Integration?

Ein allgemeingültiges Rezept gibt es nicht. Im Idealfall ist es eine offene Klasse und eine Lehrperson, die nicht denkt, dass alle Schüler zur gleichen Zeit dasselbe brauchen. Ideal ist, wenn ein Kind im Kindergarten integriert wird. Wenn es in einer Gemeinschaft aufwächst, ist das ein Netz, das trägt. Es lernt, mit der Realität umzugehen. Macht es etwa störende Geräusche, sagen ihm das die anderen. Aber auch die anderen wachsen, wenn sie lernen, mit Kindern umzugehen, die deutlich anders sind. Integrative Klassen sind oft sozial kompetenter.

Oft hört man von Lehrern, dass sie nicht allen Kindern gerecht werden. Was läuft dann falsch?

Die Heterogenität in den Klassen ist gross. Wenn man die Komplexität mit zu wenig Unterstützung ständig erhöht, verstehe ich, dass das Lehrpersonen nicht mehr leisten können. Dann versuchen sie diejenigen Kinder loszuwerden, die die grösste Belastung sind. Man sollte aber die Belastung ausgleichen oder verteilen, etwa ein Kind mit störendem Verhalten in die Parallelklasse versetzen. Das darf ein Lehrer nicht als Scheitern sehen. Im Team sollte man offen kommunizieren, wenn es nicht mehr geht. Integration darf nie dogmatisch sein.

Die Lehrer sollen Hilfe holen?

Am Anfang war die Integration von Kindern mit Downsyndrom ein Einzelprojekt von besonders engagierten Lehrpersonen und Heilpädagoginnen. Sie sollte aber als Verantwortung der ganzen Schule gesehen werden. Eine reife Schule unter einer guten Schulleitung schaut, in welcher Klasse mit welcher Zusammensetzung es wann was braucht.

Denken nicht auch Eltern anderer Schüler, ihre Kinder werden benachteiligt?

Da haben die Schulen eine Informationsschuld. Sie können etwa zeigen, dass die Heilpädagogin nun öfter in der Klasse ist und auch ihrem Kind hilft. Es gibt auch genügend Studien, die zeigen, dass Kinder mit einer Behinderung das Niveau in der Klasse nicht nach unten drücken.

Sonderschüler zu integrieren, ist teuer. Wie soll das finanziert werden?

Im Kanton Zürich gibt es 77 Sonderschulen. Wenn man Ernst machen will mit der Integration, müsste man ein Drittel im Sonderschulwesen einsparen, um die Regelschulen finanziell zu stärken. Bei der Abklärung müsste künftig ein Drittel der Kinder, die heute in Sonderschulen geschickt werden, integriert werden.

Sonderschulen müssten schliessen?

Das ist ein delikates Problem, weil die Sonderschulen glauben könnten, dass sie keinen guten Job machen. Das stimmt nicht. Es ist vielmehr die Frage, was wir als Gesellschaft wollen. Wenn wir mehr Integration wollen, müssen diese Geld- und fachlichen Ressourcen umgelagert werden.

Wie ist es nach der Primarschule? Gibt es Kinder mit Downsyndrom in der Sek?

Wenn man nur das Schulniveau anschaut, wäre klar, so ein Kind muss in die Sonderschule. Ich kenne aber einen Fall, da wurde ein Mädchen in eine Sek-A-Klasse integriert, denn dort herrschten stabilere Klassenverhältnisse. Es muss passen. Die Frage ist, müssten nicht auch Gymnasien dasselbe leisten? Bei Schülern mit Körperbehinderung tun sie dies bereits. Ob angesichts der Themen eine Integration bei geistiger Behinderung Sinn macht, ist für mich aber fraglich. (kme)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.