EHC Kloten

Das Undenkbare denken

Nach 56 Jahren höchste Liga muss derEHC Kloten Abstiegsszenarien planen. Kein Bereich bliebe unberührt.

Noch haben die Spieler viel Diskussionsstoff, bald werden andere reden müssen: Tim Ramholt und Goalie Luca Boltshauser in Rapperswil.

Noch haben die Spieler viel Diskussionsstoff, bald werden andere reden müssen: Tim Ramholt und Goalie Luca Boltshauser in Rapperswil. Bild: Keystone

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Zwei Niederlagen bis zum Abgrund. «Mit dem Abstieg mussten wir rechnen, auch wenn wir bis zum Schluss hofften», sagt einer aus bitterer Erfahrung. Peter Jakob war Präsident, als die SCL Tigers vor fünf Jahren die Ligaqualifikation verloren. «Der Abstieg hat sich ja nicht erst 24 Stunden vorher abgezeichnet», erinnert er sich, «wenn man einmal in dieser ­Spirale drin ist, geht fast nichts mehr.»

Die Klotener haben bei 0:2 gegen die Lakers noch immer die Chance, es 2018 besser zu machen. Doch falls das misslingt, taugen die Langnauer umso besser als Vorbild. Sie kommunizierten am nächsten Tag ihr neues Ziel: den Wiederaufstieg. Sie nahmen umgehend Kontakt mit Spielern und Sponsoren auf. Und sie nutzten die Relegation zum umfassenden Neustart. Der stünde auch Kloten bevor: Im Unterland wäre jeder Bereich betroffen, angefangen beim mächtigsten Mann im Club.

Der Präsident: Bekenntnis ist fällig

Mit Hans-Ulrich Lehmann steht und fällt alles. 2016 rettete der Unternehmer den EHC, im zweiten Jahr erwies er ihm mit Eingriffen in den Sportbereich einen ­Bärendienst. Was tut Lehmann in Jahr drei? Wäre er auch in der Swiss League Präsident? Fände sich überhaupt ein Abnehmer für sein Aktienpaket von 99 Prozent? Gerüchteweise gibt es Interessenten, doch schwarze Zahlen sind utopisch, und entscheiden tut sowieso nur Lehmann. «Es gibt keinen Plan B», hat er schon ­gesagt.

Doch es muss einen geben: Entweder präsentiert der Chef am Tag nach der Entscheidung seinen Nachfolger. Oder er sagt, dass der EHC den Wiederaufstieg anstrebt. So wie die SCL Tigers 2013. «Dass wir uns am nächsten Tag äusserten, war keine strategische Über­legung», erinnert sich deren Präsident Peter Jakob, «es war eine Selbstverständlichkeit. Da war Enttäuschung, war Leere. Dann will der Fan etwas hören. Will wissen, wie es weitergeht.»

Die Spieler: Mannschaft dringend gesucht

Viel drängender als die Fans sind aber die Spieler. All ihre Verträge gelten nur für die National League, und die ­wachsende Zahl Spieleragenten an den Klotener Matches ist ein Hinweis darauf, dass die Besten davon beim Absturz in die Zweitklassigkeit nicht zu halten wären. In diesem Fall müsste am Tag nach dem letzten Match gegen die Lakers das Gespräch mit allen Spielern gesucht werden – wer will grundsätzlich bleiben und zu welchen Konditionen? Mit einer Lohnreduktion um die 30 Prozent müssten die Bleibewilligen rechnen. Bisher stehen sieben Abgänge fest, bei den anderen bräuchte es rasch Klarheit. Die Frage ist allerdings, wer diese Gespräche überhaupt führen würde.

Der Sportchef: Hoffen auf Hollenstein

Weil sie seit einem halben Jahr keinen Sportchef mehr haben, kommt für diese eminent wichtigen Gespräche eigentlich nur einer in Frage: Felix Hollenstein. Die Clublegende hat seit Monaten ein Angebot als Sportchef vorliegen, ist eine unbestrittene Autoritätsperson und wohl als Einziger imstande, die Zukunft des EHC glaubwürdig zu verkörpern. Präsident Lehmann hat auch in Mannschaftskreisen viel Kredit verloren, und der neue CEO Pascal Signer ist erst ein paar Wochen im Club, ohne Erfahrung im Eishockey und mit 29 Jahren jünger als so mancher Spieler. Ob Hollenstein unter solchen Umständen überhaupt Sportchef sein will? In Kloten hoffen sie, dass diese Frage hypothetisch bleibt.

Budget und Partner: Sponsoring völlig neu denken

In Langnau lief es einst gut. 2013 blieben praktisch alle Sponsoren an Bord – auch weil am Tag nach dem Abstieg das Gespräch gesucht und das Ziel Wiederaufstieg postuliert wurde. Das Budget war schnell gemacht, um nur ein Drittel musste man es herunterfahren. In Kloten ist die Lage delikater. Einerseits dürfte bei geschätzten 19,5 Millionen Franken Budget eine Kürzung um ganze zwei Drittel realistisch sein.

Andererseits haben die Geldgeber im Zürcher Unterland im Vergleich zum Emmental zahlreiche Alternativen – der eine oder andere könnte den Abstieg nutzen, um seine Sponsoringstrategie zu überdenken. Und auch die Mitarbeiter gehören ins Budget: Ein Abstieg dürte auch für den technischen Staff und auf der Geschäftsstelle personelle Folgen haben.

Publikum: Wer will Biasca und GC sehen?

Wenn ein Club seit über einem halben Jahrhundert in der höchsten Liga spielt, ist schwer vorhersehbar, wie das verwöhnte Publikum auf Zweitklassigkeit reagiert. In Kloten, wo der Erfolg stets mehr Einfluss auf die Zuschauerzahlen hatte als der Ticketpreis, erscheint aber besonders bei den Saisonkarten ein ­Einbruch absehbar. Denn Gegner wie Biasca, die GCK Lions oder EVZ Academy mobilisieren niemanden, Derbycharakter hätten nur die Spiele gegen Winterthur. Während es die SCL Tigers nach dem Abstieg schafften, den Zuschauerschnitt in der Qualifikation – auch dank vieler Derbys – noch zu erhöhen, sind die Lakers die bessere Parallele: Trotz tieferer Preise kam nach dem Abstieg 2015 über ein Drittel weniger Publikum.

Der Trainer: Keine Priorität

Der Trainer ist zwar der wichtigste Angestellte, im Moment aber keine Klotener Priorität. Der Vertrag von Kevin Schläpfer würde mit einem ­Abstieg hinfällig, und nichts deutet darauf hin, dass André Rötheli als Coach der Profis mehr ist als ein Intermezzo – er fühlt sich bei den Elite-Junioren am rechten Ort. Die Zukunft von Assistenztrainier Nik Gällstedt ist ebenfalls offen. Der künftige ­Sportchef muss sich bei der Besetzung des Trainerposten an den Zielen der Clubführung orientieren – wie auch immer die lauten.

Die Junioren: Die Lakers als Fluchtpunkt?

Der Abstieg würde den EHC um sein Flaggschiff bringen und die besten ­Jungen um die Perspektive Profisport. Dabei hatte sich die einst führende Nachwuchsbewegung des Landes zuletzt wieder erholt. Sowohl bei der Elite wie bei den Novizen erreichte Kloten die Halbfinals, und dank dem «Young Flyers»-Verbund mit Winterthur, Bülach und Dielsdorf-Niederhasli ist es gut aufgestellt wie nie. Ein, zwei Jahre Swiss League liessen sich überbrücken, ohne dass ein grosser Exodus einsetzt. Aber die Perspektive sofortiger oder baldiger Wiederaufstieg muss vorhanden sein.

Immerhin elf Junioren sammelten diese Saison Erfahrung in der National League. Fällt diese Möglichkeit weg, droht ein Aderlass auf allen Stufen, besonders bei den Besten. Abgesehen vom raschen Wiederaufstieg wäre die Partnerschaft mit einem NL-Club wenigstens eine Übergangslösung. In Frage kämen fast nur die Lakers, die auf oberster Juniorenstufe nicht vertreten sind.

Erstellt: 17.04.2018, 11:15 Uhr

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Der Weg von anderen Absteigern

Seit die Ligaqualifikation zwischen je einem Team aus der höchsten und der zweithöchsten Liga gespielt wird, seit 1999, produzierte sie sechs Absteiger. Drei erholten sich, einer blieb eine etablierte Kraft in der Swiss League, zwei verschwanden in der Versenkung.

Den Anfang machte der HC La Chaux-de-Fonds. Der sechsfache Schweizer Meister unterlag 2001 dem hochgerüsteten Lausanne und hielt danach seinen Platz in der NLB, ohne je wieder in die Nähe eines Aufstiegs zu kommen.

Für Lausanne dagegen folgten weitere Ligawechsel. 2005 lernten die Waadtländer die unangenehme Seite der Ligaqualifikation kennen und unterlagen dem EHC Basel, 2013 konnten sie dann wieder jubeln, als sie die SCL Tigers 4:2 besiegten in einer Serie, «in der wir nicht den Hauch einer Chance hatten», so Tigers-Präsident Thomas Jakob.

Für Basel dauerte der Traum NLA nur kurz: Nach drei Saisons ging der Club 2008 in der Ligaqualifikation gegen Biel 0:4 unter, ein paar Jahre später folgten Insolvenz, Konkurs, Neustart bei den Amateuren. In der Mysports League wurde der EHC Basel-Kleinhüningen diese Saison 10. von 12 Teams, einen Rang vor dem EHC Chur, der sich in der Ligaqualifikation 2002 aus der höchsten Liga verabschiedet hatte (0:4 gegen Servette). Bei den Bündnern handelte die Geschichte, die folgte, von Geldsorgen, Lizenzentzug, Zwangsabstieg.

Die jüngsten Absteiger aber sind Erfolgsgeschichten. Die SCL Tigers nutzten die zwei Jahre NLB zur wirtschaftlichen Sanierung und kehrten 2015 mit einem triumphalen 4:0 gegen die Lakers in die oberste Liga zurück. Und auch die Lakers erfanden sich danach neu. Sie liegen 2018 gegen Kloten mit 8:1 Toren, 6:0 Dritteln und 2:0 Siegen vorn.phm

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