Regierungsratswahlen

Der bodenständige Kassenwart

Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) kommt mit seiner ungekünstelten Art bei den Leuten gut an. Er hat sich als geschickter Verhandler für die Zürcher Anliegen in Bern erwiesen.

Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) mit dem Zürcher Wappentier aus blauem Glas. Er sorgt sich, dass der Kanton im Steuerwettbewerb ins Hintertreffen geraten könnte.

Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) mit dem Zürcher Wappentier aus blauem Glas. Er sorgt sich, dass der Kanton im Steuerwettbewerb ins Hintertreffen geraten könnte. Bild: Madeleine Schoder

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Kühe sind sein Markenzeichen. Als Meisterlandwirt Ernst Stocker 2009 für den Regierungsrat kandidierte, posierte er im Über-gwändli und mit Kühen neben dem Rathaus. Er hatte die Tiere von seinem Hof in Wädenswil in die Stadt karren lassen. Heute ist Stocker Finanzdirektor. Sein Büro ziert unter anderem ein Kuhbild von Rudolf Koller, dem Maler der Gotthardpost. Kühe gehören auch zu Stockers Rhetorik. Er vergleicht gute Steuerzahler mit Milchkühen, denen man Sorge tragen müsse. Zur Sammlung von Geschenken, die der Finanzdirektor erhalten hat, gehören Melkstühle. Fotografieren lässt er sich aber lieber mit einem anderen Geschenk – einem eleganten blauen Glaslöwen.

Stocker startete 2010 als Volkswirtschaftsdirektor und wechselte 2015 in die Finanzdirektion, wo er dem zweitgrössten Haushalt der Schweiz vorsteht. Hat ihn nie das Gefühl beschlichen, den falschen Beruf dafür gelernt zu haben? Nein, sagt Stocker. Er habe ein Flair für Zahlen und habe schon als Bauer auf seinem Hof aufs Geld schauen müssen. Die Grössenordnungen sind natürlich komplett anders: «Als ich als Finanzdirektor erstmals einen Check über 250 Millionen für den nationalen Finanzausgleich unterschreiben musste, hatte ich ein komisches Gefühl.» Das habe sich unterdessen gelegt. Stocker kniete sich in seine Dossiers hinein, bis er den Durchblick hatte. Wenn er nicht drauskam, fragte er. Und er stellte auch unangenehme Fragen: Keiner habe das so oft getan wie Stocker,sagt sein früherer Finanzchef.

Zerzaustes Sparprogramm

Der Kantonshaushalt ist gesund. Die Konjunktur lief gut und füllte die Staatskasse. Der Finanzdirektor hatte Glück. Gleichwohl gibt er sich überzeugt, dass das Sparprogramm Lü 16 nötig war. Er lancierte es zu Beginn seiner Amtszeit, weil der gesetzlich erforderliche mittelfristige Ausgleich nicht stimmte. Die bürgerlichen Parteien applaudierten, die Linken protestierten. Das Programm ist nun Geschichte. Ein voller Erfolg war es nicht, sagen auch Sparpolitiker. Stocker hatte kein Gesamtpaket vorgelegt. So konnte das Parlament missliebige Elemente entfernen.

Derzeit hat für Stocker die kantonale Umsetzung des AHV-Steuer-Deals Priorität. Er sorgt sich, dass der Kanton Zürich ins Hintertreffen geraten könnte, wenn andere Kantone ihre Gewinnsteuern massiv senken. Stockers Credo heisst deshalb: Auch Zürich muss sich bewegen.

Er hat die Lehren gezogen aus dem Scheitern der USR-III-Vorlage. Mit Städten, Gemeinden und Kirchen fand er einen Kompromiss, der tragfähig scheint. Zur neuen Vorlage gehört der Eigenkapitalabzug, für den Stocker in Bern erfolgreich lobbyierte. Nur die Linke im Kanton Zürich hat er noch nicht im Boot. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie mit Zugeständnissen zu den Kinderzulagen geködert.

Treibende Kraft ist Stocker auch bei der Revision des nationalen Finanzausgleichs, bei der es darum geht, die Geberkantone zu entlasten. 22 Kantone haben schon zugestimmt, also auch die Mehrheit der Nehmerkantone sowie Bundes- und Ständerat. «Wenn nun auch noch der Nationalrat Ja sagt, haben wir etwas erreicht.» Der Kanton Zürich würde um rund 100 Millionen Franken entlastet, was etwa einem Fünftel entspricht. Stocker befürwortet den Finanzausgleich ebenso wie den Steuerwettbewerb. «Aber man muss dabei Mass halten.» Unfair findet er es, wenn Nehmerkantone mit den Finanzausgleichsmillionen ihre Steuern senken.

Beliebt beim Personal

Der Finanzdirektor ist auch oberster Personalchef – und bei seinen Leuten beliebt. Er bringe ihnen Wertschätzung und Respekt entgegen, heisst es. Gute Noten erhält er von den Vereinigten Personalverbänden. «Er nimmt die Sozialpartner ernst und hört zu», sagt Präsident Peter Reinhard, ehemaliger EVP-Kantonsrat. «Steckte er nicht im Korsett der bürgerlichen Finanzpolitik, wäre er wohl grosszügiger gegenüber dem Personal.» Allerdings kürzte Stocker beim Sparprogramm Lü 16 auch beim Personal, wobei die bürgerliche Mehrheit des Parlaments jeweils noch einen draufsetzte. Knausrig war Stocker bei seinem Vorschlag für eine zusätzlichen Ferienwoche fürs Personal. Sie hätte vorgeholt werden müssen. Das stiess auf Widerstand und scheiterte.

Trotz Fehlschlägen: Der 63-jährige Finanzdirektor kommt mit seiner geerdeten Art bei den Parteien von links bis rechts gut an. Der frühere Stadtrat und Stadtpräsident von Wädenswil verkörpert den pragmatischen SVP-Exekutivpolitiker alter Schule ohne ideologische Scheuklappen.

Respekt hat auch die eigene Partei vor Stocker, obwohl er für ihre Forderung nach einer fünfprozentigen Steuersenkung nur ein Schulterzucken übrig hat. Mehr als zwei Prozent lägen nicht drin, findet er. Um so viel will auch er die Steuern senken. «Es geht um ein Zeichen des guten Willens.» Er wisse, fügt er hinzu, dass die Krankenkassenprämien und die Mieten das Budget der normalen Leute weit mehr belasten als die Steuern.

Erstellt: 08.03.2019, 19:10 Uhr

Lob und Kritik

«Ich schätze Ernst Stockers klare, verlässliche und pragmatische Art. Er ist lösungsorientiert, aber auch ein gewiefter Taktiker, der weiss, wie man unangenehme Aufgaben delegiert. Die Rolle der Sparhexe überlässt er gerne mir.»
Beatrix Frey-Eigenmann
Kantonsrätin FDP


«Die SVP verfolgt als Partei eine Politik der leeren Kassen und verhöhnt oft die Angestellten im öffentlichen Dienst. Man merkt es Ernst Stocker an, dass er als Kassenwart und oberster Personalchef dabei nicht mitmachen will.»
Ruedi Lais
Kantonsrat SP

Strikte Ausländerpolitik: Der Spider zeigt Ernst Stockers Prioritäten. (Bild: vimentis.ch)

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