Rafz

Der Bürdelimacher ohne Nachfolger

Gottlieb «Godi» Lüthi macht Bürdeli. Für den Rafzer ist das Knochenarbeit und viele Kunden hat er auch nicht mehr. Aber solange er die Axt noch schwingen und den wider­spenstigen Wellenbock bändigen kann, macht er weiter.

Wenn es die Gesundheit zulässt, will Godi Lüthi auch im nächsten Jahr noch Bürdeli machen.

Wenn es die Gesundheit zulässt, will Godi Lüthi auch im nächsten Jahr noch Bürdeli machen. Bild: Francisco Carrascosa

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Im grenznahen Rafzer Wald ist es klirrend kalt, doch Godi Lüthi hält an seinem Wellenbock die Stellung. An ihm produziert er Bürdeli. Diese sicher 20 Kilo schweren Bündel aus Buchenholz verschiedener Stärke werden im Kachelofen für Wärme sorgen. Als junger Mann war er mit dem Lastwagen unterwegs, später arbeitete er bis zu seiner Pensionierung als Wagenführer im Postautodienst. Seine einstige Uniformjacke trägt er heute unter der Schutzkleidung. «Die gibt warm», sagt er. Im Feuerchen, das auf dem Waldboden qualmt, wird er seine Wurst braten, heissen Kaffee hat er auch dabei. «Es kommt vor, dass ein Grenzwächter mit mir eine Tasse trinkt», erzählt er.

Die Mischung macht es aus

Der heute 77-jährige Rafzer wuchs auf einem Bauernhof in Oberembrach auf. Schon als Bub hat er seinen Grossvater beim Bürdelimachen begleitet. Beinahe hätte er später diese Kunst vergessen. «Erst als wir vor 40 Jahren ein Bauernhaus mit Holzofen gekauft haben, fing ich wieder mit dem Bürdelen an. Zuerst für den Eigengebrauch», erzählt er, während er sich bückt, um Material vom Boden aufzulesen. Die armdicken Äste zweiteilt er mit einer Axt, die dünneren Zweige stückt er mit dem Gertel. Die Zweiglein legt er einfach so dazwischen. Dabei macht er ein Gesicht wie ein Schachspieler, der sich den nächsten Zug wohl überlegt. «Nur die richtige Mischung brennt gut im Ofen.»

«Es kommt halt darauf an, was man will», sagt er und erklärt, dass es beispielsweise zum Brotbacken mehr festes Holz und weniger dünnes braucht. Lebenslange Erfahrungswerte stehen hier offenbar mit am Bock. Gut brennen müsse es. Ansonsten würde seine Frau Vreni schon reklamieren «und mit ihr die fünf Kunden, die ich beliefere», fasst er zusammen.

Eine sechste treue Kundin ist kürzlich verstorben. «Für sie stellte ich immer ein Spezialmass her, weil sie nur 70 Zentimeter lange Äste in ihren Ofen brachte. Üblicherweise sind sie 10 Zentimeter länger», erklärt er. Und dann berichtet Godi Lüthi, dass die Kundin zwar über eine Zentralheizung verfügte, aber trotzdem die wohlige Wärme eines Ofens bevorzugte. «Auch meine Frau würde den Ofen nie hergeben. Unsere vier Kinder und wir waren nie krank. Es könnte ja an der gesunden Wärmequelle liegen», mutmasst er.

Keine neuen Kunden

Immer im Herbst macht das Brummen der Motorsägen im Gemeindewald den Bürdeler unruhig. Er sucht die Stelle und bittet den Gemeindearbeiter, die Abfalläste nicht mit schwerem Gerät zu zerdrücken. «Ein Bürdeli mit zerquetschten Ästen. Das geht nicht», sagt er. Lüthi arbeitet immer alleine. Bei Winterarbeit im Wald macht keiner gerne mit. Selbst sein Hündchen Fritz bleibt lieber zu Hause hinter dem Ofen. An einem guten Tag produziert der kälteresistente Mann bis zu zehn Bürdeli.

Früher waren es pro Saison 300 Stück, diesen Winter waren es nur 130. «Meine Kunden werden halt weniger. Neue kommen nicht nach», sagt er. Für zehn Franken liefert er die Bürdeli mit seinem alten Bührer- Traktor frei Haus. «Den Stundenlohn darf ich gar nicht rechnen. Aber die Arbeit im Wald macht mir Freude. Ich höre die Vögel zwitschern und habe meine Ruhe. Einfach nur herumsitzen – da wäre mir stinklangweilig», erklärt er, packt die Motorsäge und kappt die überstehenden Hölzer.

Harter Job

«Hallo! Hallo!», tönt es jetzt vom Fussweg her. Der Rafzer hält inne. «Es sind die Reiterinnen auf ihren Rappen, die hier immer vorbeikommen. Sie warnen mich mit Rufen, damit ich mit der Motorsäge ihre Rössli nicht erschrecke», sagt er. Liegt das Material auf dem Bock, presst er es mit einer mit Ketten versehenen Hebelvorrichtung fest zusammen. Und das braucht Kraft. Godi Lüthi legt sich mit seinem ganzen Gewicht ins Zeug. Dann fesselt er das Bündel mit Strohballenschnüren und hievt es auf einen Stapel. «Rücken, Arme und Beine spüre ich schon. Aber das muss so sein», sagt er und reckt und streckt sich.

Nach einem Jahr Lagerzeit ist das Bürdeli gebrauchsfertig und man sollte es nicht mehr als drei Jahre lagern. Er sagt: « Wenn sie älter sind, macht es Wuff im Ofen, und sie sind weg.» Weg könnte auch dieses alte Handwerk bald sein, wenn Godi Lüthi eines Tages nicht mehr mag. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Er zuckt mit den Schultern, schmunzelt und erklärt: «Na ja, nächsten Winter wird es wohl noch gehen.»

Erstellt: 01.03.2018, 17:29 Uhr

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