Bülach

Der Eisbecher als Eisbrecher

Die Bewohner des Bülacher Hertihus verkaufen seit neustem Glace. Neben dem so entstehenden Kontakt zur Bevölkerung soll mit Einnahmen aus dem fast fertigen Hausladen mit Eigenprodukten eine Erweiterung der Tagesstätte finanziert werden.

Wohltuende Erfrischung an heissen Tagen: Hans Schudel (links) bekommt von Hertihus-Bewohnerin Ruth Haller und Betreuer Benji Leuthold seine Glace.

Wohltuende Erfrischung an heissen Tagen: Hans Schudel (links) bekommt von Hertihus-Bewohnerin Ruth Haller und Betreuer Benji Leuthold seine Glace. Bild: Leo Wyden

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Der Glacewagen vor dem Hertihus der Heilsarmee an der Bahnhofstrasse 31 in Bülach ein Glacewagen bietet regionales Speiseeis nach italienischer Art, produziert in Sünikon. Verkauft werden seit knapp einem Monat die süssen Kugeln von den Bewohnern des Hertihus; für viele eine neue Herausforderung und willkommene Abwechslung und eine zuvor nicht dagewesene Möglichkeit, in lockerer Atmosphäre täglich in den Kontakt mit Menschen ausserhalb ihrer Wohngemeinschaft zu treten.

«Teilhabe an der Gesellschaft» nennt Institutionsleiterin Doris Haab eines der Ziele dieser Aktion. Der andere Grund ist die Notwendigkeit einer neuen Einnahmequelle für das ab September vom Hertihus gemietete Haus beim Hertiweg, das als Erweiterung der Tagesstätte dient. «Wir müssen für einen Teil der Miete selber aufkommen und können es mit dem sozialen Aspekt verbinden: Mehr nach aussen treten zu der Bevölkerung.»

Bessere Zukunft mit kleinen Schritten

Es habe sich als praktisch erwiesen, dass eine Bekannte von Doris Haab eine Bitte hatte. «Eine Freundin, die ihr Glace in Sünikon produziert, fragte mich vor einer Weile, ob ich ihr Glace nicht in Bülach verkaufen könnte.» Die Bewohner haben sichtliche Freude an ihrer neuen Arbeit. Der Eingangsbereich wurde zu einem kleinen einladenden Café umgewandelt, mit Tischen und Blumen, Getränke werden inzwischen auch verkauft. «Wir wollen damit auch zeigen, dass wir auch «cool» sind und positiv auffallen können», sagt Haab erfreut.

Das Hertihus – unter der Trägerschaft der Stiftung Heilsarmee Schweiz – bietet den Menschen unter professioneller Betreuung den Aufbau einer Tagesstruktur, Beschäftigungspro­gramme und Begleitung bei alltäglichen Pflichten. «Unser Motto ist ‹Wir geben Menschen Gründe an die Zukunft zu glauben›», sagt Haab. Das bedeute, das für jeden einzelnen mit einer Begleitperson an persönlich Zielen gearbeitet werde, sei dies eine Anstellung in einer geschützten Werkstatt oder einfach ein besserer Umgang mit Alkohol.

Mehr Eigenständigkeit dank Verantwortung

Die Arbeit am Glacestand läuft inzwischen reibungslos, von Montag bis Freitag, jeweils 10 bis 18 Uhr. «Am Anfang gab es Hemmungen», gibt Haab zu. Diese haben sich mittlerweile aber fast gänzlich gelegt. «Ich finde es eine wirklich tolle Idee, dass sie das ermöglicht hat», sagt Bewohnerin Ruth Haller über ihre Leiterin während ihrer Schicht mit einem Kollegen.

Betreuer Benji Leuthold, der im Hertihus seinen Zivildienst absolviert, erinnert sich: «Wenn man es nur schon mit der Zeit vor zwei Wochen vergleicht – da brauchten sie mehr Unterstützung mit dem Rechnen, wie man die Kugeln macht, den Hygienevorschriften. Inzwischen ist es vielleicht eine Stunde am Tag, die wir hier vorne sind. Wir geben sukzessiv die Verantwortung ab.»

Die erwähnte Coolness beweist das Hertihus auch ab dem 7. September, dann wird nämlich ein Laden im Haus eröffnet, mit selbstgemachten Produkten der Bewohner sowie solchen aus anderen sozialen Organisationen. Nach dem Leitgedanken Wohnen und Arbeiten bietet das Hertihus seit jeher ein Arbeitsatelier, das durch eine Arbeitsagogin geführt wird.

Produkte aus Recylingmaterial entstehen oft nach Interessen der Bewohner; es gibt ein Bienenhotel, ein dreidimensionales Puzzle einer Berglandschaft, Pfannenabsetzer aus Flaschendeckeln. Die Bewohner sind besonders stolz auf ihr Kräutersalz, das sie mit Kräutern aus dem hauseigenen Garten zubereiten. Auch diese Einnahmen sind für die Miete bestimmt. «Das alles unterstützt die Eigenständigkeit, die so wichtig ist und unsere Arbeit so wertvoll macht», sagt Haab. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.08.2018, 16:53 Uhr

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