Bülach

91-Jährige muss Boutique schliessen

Für Rina Macciò naht ein trauriger Moment. Ende September wird sie ihre Boutique an der Bülacher Bahnhofstrasse aufgeben. Wäre es nach der 91-Jährigen gegangen, hätte sie ihre Kundinnen noch lange bedient.

Nur noch diesen Monat kann Rina Macciò ihre Modeboutique führen. Zurücklehnen will sich die 91-Jährige aber noch lange nicht.

Nur noch diesen Monat kann Rina Macciò ihre Modeboutique führen. Zurücklehnen will sich die 91-Jährige aber noch lange nicht. Bild: Sibylle Meier

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So gerne hätte sie noch weitergearbeitet. «Es tut mir in der Seele weh, dass ich nun aufhören muss.» Die Frau, die das sagt, steht nicht etwa kurz vor dem AHV-Alter. Rina Macciò hat im Mai ihren 91. Geburtstag gefeiert. Bis heute arbeitet sie in ihrer eigenen Kleiderboutique in Bülach – und das an fünf Tagen in der Woche. Jeden Mittag verpflegt sie sich mit etwas Selbstgekochtem an einem Tischchen zwischen Nähecke und Verkaufsraum. Die Ladentür bleibt auch dann meist offen: «Wer will, soll reinkommen dürfen.»

Hauptmieterin kündigt

Doch Ende September wird die Tür zur Boutique Molinea an der Bahnhofstrasse 15 für immer geschlossen bleiben. Die Hauptmieterin der Liegenschaft hat gekündigt, als Untermieterin muss Rina Macciò ebenfalls gehen. Immer wieder hat sie nach einem neuen Ladenlokal in Bülach gesucht. «Doch entweder war die Miete unerschwinglich, oder es zog am Ende ein Nagelstudio oder ein Kosmetiksalon ein», sagt sie.

Weg von Bülach und weg von der Mode: Irgendwie kann sich die Geschäftsfrau das überhaupt noch nicht vorstellen. Zu eng ist beides mit ihrem Leben verbunden. Die Mode hat sie bereits als kleines Kind kennen gelernt. Das Schneideratelier ihrer Eltern in Oerlikon war so etwas wie ihr Kinderzimmer.

Da war es fast schon selbstverständlich, dass sie selbst eine dreijährige Lehre zur Damenschneiderin für Kostüme und Mäntel machte. Bis zur Heirat und zum Umzug nach Niederglatt wirkte Rina Macciò im elterlichen Atelier. Auch während sie ihre fünf Kinder grosszog, blieb sie der Modebranche mit Teilzeitpensen verbunden.

Sie erledigt alles selbst

Vor 37 Jahren eröffnete eine ihrer Töchter dann ein Modegeschäft in der Bülacher Altstadt. Die Mutter engagierte sich von Beginn an in diesem Unternehmen. «Als meine Tochter aufhören wollte, habe ich das Geschäft übernommen.» Vor vier Jahren, Macciò war damals 87, zog sie mit ihrem Geschäft an die Bahnhofstrasse 15. «Dieser Laden ist mein Leben», sagt sie.

«Es tut mir in der Seele weh, dass ich viele meiner Kundinnen bald nicht mehr sehen werde.»Rina Macciò

Bis heute erledigt sie alles selbst: Einkauf, Dekoration, Beratung und Änderungsarbeiten. Bei den beiden zweimal im Jahr stattfindenden Modeapéros und in Ausnahmesituationen kann sie auf die Hilfe zweier Freundinnen zählen. Bei Problemen mit dem Computer unterstützt sie einer ihrer Enkel.

Wie sie das in ihrem Alter alles schafft? Da muss sie schmunzeln: «Wissen Sie, das hat mich ein Arzt auch schon mal gefragt.» Ihre Antwort für den Mediziner lautet: «Einfach immer machen.» Für die 91-Jährige ist es unvorstellbar, wenn «Junge zwischen 60 und 70» nichts mehr machen wollen.

Mit Qualität gepunktet

Es ist in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden, die Boutique gewinnbringend zu betreiben. Der Internethandel und die Billiganbieter sind eine dauernde Konkurrenz. «Ich habe mich auf grosse Grössen spezialisiert», sagt Rina Macciò. Gerade in diesem Segment würden manche Kundinnen es vermutlich vorziehen, die Kleider online zu bestellen und zu Hause anzuprobieren.

Zum Glück kann die Boutiquebetreiberin auf ihre grosse Stammkundschaft zählen: «Ich weiss, was diesen Frauen gefällt.» Billige Ware hat man bei ihr immer vergeblich gesucht: «Ich habe stets auf hohe Qualität im mittleren Preissegment gesetzt.» Doch viele ihrer Kundinnen seien nicht mehr berufstätig, da bräuchten sie auch nicht mehr so viele Kleider.

«Ach, die Kundschaft», sagt sie, «sie bedeutet mir viel.» Immer wieder erhält sie in jüngster Zeit Blumen und Konfekt geschenkt. «Es tut mir in der Seele weh, dass ich viele dieser Menschen bald nicht mehr sehen werde.» Bis zur Geschäftsaufgabe Ende Monat will die Boutiquebesitzerin noch möglichst viele Kleider verkaufen, was übrig bleibt, verschenkt sie dann an die Schweizer Berghilfe.

Auf Mode will Macciò aber auf keinen Fall verzichten. In ihrem Zuhause wird sie Nähkurse anbieten: «Ich habe ja ein grosses Haus, und der Kontakt mit Menschen ist für mich einfach sehr wichtig.»

Erstellt: 04.09.2019, 15:19 Uhr

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