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«Der Schaden wäre immens, wenn alles auf null heruntergefahren würde»

Der Bülacher Werner Scherrer steht als Präsident des KMU- und Gewerbeverbands des Kantons Zürich wegen der Corona-Krise im Dauereinsatz. Auch er musste vergangene Woche seine Messerschmiede in der Altstadt schliessen.

Werner Scherrer ist 59-jährig und Inhaber der Messerschmiede Scherrerscharf in Bülach.
Werner Scherrer ist 59-jährig und Inhaber der Messerschmiede Scherrerscharf in Bülach.
Paco Carrascosa

Welches sind die Herausforderung, mit denen sich KMU und [Geschützt] Gewerbebetriebe zurzeit konfrontiert sehen?Werner Scherrer: Im Mittelpunkt steht die grosse Unsicherheit, in der man nicht weiss, was mit einem passiert und was in den nächsten Wochen passieren wird. Die Situation löst Respekt und Ängste aus. Viele Gewerbetreibende fragen sich, wie es weiter möglich ist, Löhne auszubezahlen, Mieten zu bezahlen und an Geld zu kommen.

Welche Fragen werden Ihnen am häufigsten gestellt? Viele Fragen drehen sich um Existenzängste. Unternehmer und Gewerbetreibende haben ihr Geld in ihre Firma investiert und haben keine grossen, frei verfügbaren Reserven. Jetzt haben sie von einem Tag auf den anderen kein Einkommen mehr. Viele möchten wissen, wo sie sich melden können und wo sie Hilfe erhalten. Wir sind zurzeit daran, einen Leitfaden zu erarbeiten und stellen diesen so rasch wie möglich zur Verfügung.

Gibt es Branchen, die besonders stark betroffen sind, und solche, die etwas weniger unten durch müssen? Ich denke, es gibt drei Ebenen: Lieferdienste, Online-Spielwarengeschäfte und ähnliche Anbieter machen zurzeit deutlich höhere Umsätze. Aber ein Grossteil der Betriebe funktioniert gar nicht mehr. Auch ich selber musste am letzten Dienstag von einer Minute auf die andere mein Geschäft schliessen. Dann gibt es noch diejenigen ohne direkten Publikumskontakt, beispielsweise Mechaniker in einer Werkstatt oder Bauarbeiter. Es ist ganz wichtig, dass die Leute, die ihre Arbeit trotz Einschränkungen weiter ausführen können, dies auch weiterhin tun können. Der Schaden wäre immens, wenn – wie von den Gewerkschaften verlangt – alles auf null heruntergefahren würde. Denn auch Überbrückungskredite und gestundete Zahlungen müssen [Bedingter Trennstrich] später einmal zurückbezahlt und beglichen werden.

Sind Sie als Präsident des kantonalen KMU- und Gewerbeverbands zufrieden mit den von Bund und Kanton beschlossenen Unterstützungs-Massnahmen? Ich bin eigentlich zufrieden, das Tempo war sehr hoch. Wir wissen aber noch nicht, was die beschlossenen Massnahmen von Bund und Kanton ganz genau bedeuten für diejenigen an der Front. Ich gehe davon aus, dass damit bereits ein Grossteil der Fälle gelöst werden kann. Es gibt aber auch ganz viele individuelle Situationen, die damit vermutlich noch nicht abgedeckt sind. Es ist nun unsere Aufgabe, auch dafür nach Lösungen zu suchen.

Welches ist eine wichtige Botschaft, die Sie an die Betroffenen richten möchten? Zuallererst ist jeder für sich selber verantwortlich, den persönlichen Schaden in dieser extremen Ausnahmesituation zu minimieren. Zweitens haben wir eine Krise, die uns noch einige Wochen beschäftigen wird – kein komplett neues Leben. Diese Wochen werden zwar hart sein, aber wir müssen sie durchstehen, um danach wieder bereit zu sein. Geduld ist nötig, und es braucht auch Zeit, um Lösungen zu entwickeln.

Was können die Konsumentinnen und Konsumenten tun, um die Gewerbetreibenden zu unterstützen? Was kann auf Gemeindeebene getan werden (z.B. Bülach ruft die Bevölkerung auf, nur noch lokal einzukaufen…) Das Beispiel von Bülach ist grundsätzlich richtig. Auch wenn jemand geschlossen hat, kann man ihn trotzdem anrufen und fragen, ob ein bestimmtes Produkt erhältlich ist und geliefert werden kann. Ich empfehle auch, nicht dringende Anschaffungen aufzuschieben und sie nach Ende der Krise bei lokalen Unternehmen und Betrieben zu tätigen.

Können Sie der aktuellen Situation auch etwas Positives abgewinnen? Ich denke, das hohe Tempo der Politik ist etwas sehr Positives, da haben alle zusammengespannt und das Problem angepackt.

Wie geht es Ihnen selber als Troubleshooter und Seelentröster? Für mich ist es im Moment viel strenger als vorher. Es ist emotional sehr belastend, mit Menschen zu tun zu haben, die wirklich um ihre Existenz bangen. Das kostet mich viel Energie. Aber ein Kapitän ist nicht nur für schöne Stunden da, er gehört vor allem bei Sturm auf Deck.

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