Porträt

Der Schulpolizist tritt ab

Eine ganze Generation in der Region kennt Walter Meierhofer. Während 20 Jahren war er Kinder- und Jugendinstruktor in den Unterländer Gemeinden. Nun geht der bald 65-Jährige in Pension.

Ein letztes mal Abklatschen mit dem «Schulpolizisten»: Die Kindergartenklasse im Niederglatter Gärtli nimmt Abschied.

Ein letztes mal Abklatschen mit dem «Schulpolizisten»: Die Kindergartenklasse im Niederglatter Gärtli nimmt Abschied. Bild: Sibylle Meier

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Warte, luege, lose, laufe: Die Parole hat sich so tief ins Gedächtnis einer ganzen Generation eingeprägt, dass sie zur Hintergrundmusik einer jeder Strassenüberquerung geworden ist. Gelernt haben wir, die zwischen 1990 und 2006 im Kanton Zürich den Kindergarten besucht haben, den Satz von Batino, einem grünen Drachen mit grosser Nase und gepunkteter Hose. Er beschützte jüngste Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer im Alltag, er konnte fliegen und war ein treuer Begleiter. Nur besuchen kam er uns nicht allzu oft – meistens sahen wir ihn nur einmal im Jahr, und dann in Begleitung eines Polizisten. In der Region war dies Walter Meierhofer, Kinder- und Jugendinstruktor der Kantonspolizei Zürich.

Seit 2002 kümmert er sich um den Nachwuchs, führt ihn in die wichtigsten Verkehrsregeln ein, kontrolliert Velos, trainiert den Umgang mit Fremden. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Fuchs statt Dino

An diesem Morgen sitzt er im Kreis einer Kindergartenklasse im Gärtli in Niederglatt. «Was habt ihr bei mir alles gelernt?», fragt er in die Runde, und die Hände der Buben und Mädchen schiessen nach oben. «Warte, luege, lose, laufe!» Das Credo blieb dasselbe, das Maskottchen nicht: Heute hält der Fuchs Ferox Kinder dazu an, auf der Strasse vorsichtig zu sein. Dann hält Meierhofer einen Lollipop in die Höhe. «Was sagt ihr», beginnt er zu fragen, «wenn jemand Fremdes auf der Strasse euch Süsses anbieten will?» - «Nein!», stimmen die Kinder im Chor ein.

In jeder Gemeinde nimmt Walter Meierhofer persönlich Abschied beim Nachwuchs.

Etwas ist dennoch anders als sonst. Es ist Walter Meierhofers Abschiedstour in den Schulen und Kindergärten der Region; er tritt in den Ruhestand, nachdem er in der Region Tausende Kinder instruiert hat. «Ich habe öfter feuchte Augen als sonst», sagt er, doch er sei auch dankbar. «Ich freue mich besonders, wie nachhaltig ich so vielen jungen Menschen in Erinnerung geblieben bin. Oft werde ich auf der Strasse angesprochen: ‹Grüezi Herr Meierhofer, ich war bei Ihnen im Unterricht.›» Das sei ihm ein Zeichen, dass er es geschafft hat, mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen und Vertrauen zu schaffen.

Auch wenn es in diesem Moment im Kindergarten nicht den Eindruck erweckt: Verändert habe sich schon vieles an seinem Beruf, sagt er. «Bei den Jugendlichen stehen heute andere Fragen im Zentrum als früher. Die meisten haben mit Handys und sozialen Medien zu tun.» Dann reichen Meierhofers Aufgaben auch in das Gebiet der Kriminalprävention. Denn die Gefahr, mit dem Smartphone eine Straftat zu begehen oder Opfer einer solchen zu werden, ist gross. «In der Berufsschule geht es dann vermehrt um Drogen, um Alkohol, ums Rasen mit dem Auto.»

«Kinder sind grundehrlich»

Er könnte Bücher schreiben über das, was er in den letzten 18 Jahren alles mitbekommen hat. «Kinder sind grundehrlich. Sie erzählen mir, wenn der Papi im Auto telefoniert hat oder das Mami eine Busse bekommen hat», schildert er. «Und 95 Prozent der Kinder sagen mir, dass sie später Polizisten werden wollen. Nur einer meinte mal: ‹Nein, ich will lieber arbeiten.›» An solchen Geschichten werde deutlich, mit welcher Vorprägung der Eltern ein Kind auf Amtspersonen zugeht. Oft sei er auch gefragt worden, ob er selber nie etwas Falsches gemacht habe. «Doch!», ruft er dann. Er habe als Bub Kirschen vom Baum eines Bauern gepflückt – und wurde dabei erwischt. Dann habe er eine Woche bei diesem Bauer heuen müssen. «Zu solchen Dingen muss ich stehen», weiss Meierhofer. Sie machen ihn, den Uniformträger, den Vertreter des Gesetzes, zu einem glaubwürdigen Gesprächspartner.

Qu«Schulpolizist sein zu dürfen war das Beste, was mir beruflich passieren konnte.»Walter Meierhofer Kinder- und Jugendinstruktorder Kantonspolizei Zürich

Meierhofer weiss, dass es nicht selbstverständlich ist, dass er seinen Beruf so lange so ausüben konnte. Denn im Jahr 2004 äusserte der damalige Regierungsrat und Polizeidirektor Ruedi Jeker das Vorhaben, die Verkehrsinstruktion zu privatisieren – dadurch wäre sie nicht mehr durch die Kantonspolizei erteilt worden. «Bei diesem Gedanken hatte ich schlaflose Nächte. Wir hätten unsere Stelle verloren – und damit den Bezug zu den Kindern und den Schulen.» Das Begehren scheiterte jedoch zuletzt beim Kantonsrat.

Nun ist es Walter Meierhofer wichtig, abschliessen zu können. In jeder Klasse nimmt er einzeln Abschied, schüttelt Hände und nimmt Geschenke entgegen; in Niederglatt drücken ihm einige Kinder Tischsets mit selbstgemachten Zeichnungen in die Hände. Die Klasse sei ein ganz besonderer Höhepunkt seiner Karriere, erzählt Meierhofer – denn hier hat er Kontakt zu seiner Enkelin Vanessa, die den Kindergarten besucht. Nach der Pensionierung will er erstmal Zeit im Ferienhaus verbringen, sicher bis Ende Jahr, und er will mehr Zeit für seine Familie, für die drei Kinder und deren Enkel haben.

Letzte Übergabe

«Die Schüler und Schülerinnen, die Lehrpersonen und das gesamte Umfeld der vergangenen Zeit werden mir sehr fehlen», sagt er abschliessend. «Sie alle haben mir viel Vertrauen entgegengebracht. Schulpolizist sein zu dürfen war das Beste, was mir beruflich passieren konnte.» Die Aufgabe der Kriminalprävention und des Verkehrsunterrichts übergibt er im neuen Schuljahr an den Kantonspolizisten Diego Riondato. Die Fussgängerausbildung für Kindergärten sowie die ersten Klassen wird in Rümlang, Oberglatt, Niederhasli und Niederglatt von der kommunalen Polizei RONN übernommen.

Erstellt: 11.07.2019, 15:11 Uhr

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