Bülach

Deutsch ist ein nachgefragtes Gut

In Bülach besuchen 100 Asylsuchende Deutschkurse – in neun Klassen auf sechs unterschiedlichen Niveaus. Hinter dem Betreuungsprogramm stehen die beiden Kirchgemeinden; die Stadt zahlte für das erste Jahr 30 000 Franken. Jetzt steht eine erste Kosten-Nutzen-Rechnung an – und ein Entscheid für die Zukunft.

Gefragt: Deutschkurse für Asylsuchende (Symbolbild).

Gefragt: Deutschkurse für Asylsuchende (Symbolbild). Bild: Manuela Matt

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Die meisten Gemeinden der Region lagern die Betreuung ihrer Asylsuchenden an die ORS Service AG oder an die stadtzürcherische AOZ aus. Bülach hingegen bewältigt die gesetzlichen Aufgaben mit der eigenen Verwaltung, und vertraut Betreuung und Begleitung der Asylsuchenden den beiden Landeskirchen an; und diese wiederum stützen sich auf ein Netz von Freiwilligen.

Vor einem Jahr haben Bülachs Kirchen die Initiative ergriffen und zunächst für die in der Zivilschutzanlage untergebrachten 40 Asylsuchenden Angebote bereitgestellt; Sprachunterricht, aber auch Angebote für die Freizeitgestaltung. Nach einem Pilotsemester und nach Absprache mit der Stadtregierung ist das Projekt dann im September definitiv gestartet, ausgeweitet auf alle Asylsuchenden der Gemeinde.

In der Folge sprach der Stadtrat 30 000 Franken, die unter anderem für die Finanzierung einer Koordinationsstelle verwendet wurden. Diese Funktion nimmt Line Kacprzak in einer 25-Prozent-Stelle wahr, angestellt von der katholischen Kirchgemeinde. Der städtische Beitrag deckt darüber hinaus auch den Aufwand für die Organisation von Einsatzplänen, was weiteren rund 10 Stellenprozenten einer Assistenz entspricht.

Das finanzielle Engagment der Stadt ist allerdings vorerst befristet: Die Kirchgemeinden und der Stadtrat wollen vor den Sommerferien zusammenkommen, den bisherigen Verlauf des Projekts auswerten und danach entscheiden, ob und wie man dieses Modell der Betreuungsleistungen weiterführen möchte.

100 Deutschschüler

Was die Sicht der Stadtregierung angeht, so habe man den Eindruck gewonnen, dass das Ganze gut angelaufen sei, sagt der zuständige Stadtrat Ruedi Menzi. «Offensichtlich hat man genügend Freiwillige gefunden, und die Kurse werden von den Aslysuchenden auch besucht.» Die genaue Evaluation des Projekts stehe freilich noch aus, sie werde voraussichtlich schon im März in Angriff genommen.

Die aktuellen Zahlen von Koordinatorin Kacprzak sprechen für die Sache: «Wir bieten heute 18 Lektionen Deutschunterricht pro Woche an; und etwa 100 Personen machen davon Gebrauch.» Das sind etwa 90 Prozent aller Asylsuchenden der Stadt – wobei sogar 7 Schüler aus Hochfelden dabei sind. Insgesamt werden neun fixe Deutschklassen geführt, die je zweimal wöchentlich unterrichtet werden. Die Lernenden sind dabei auf sechs unterschiedliche Niveaustufen verteilt, die von der Alphabetisierungsklasse bis zur Klasse 5 reichen, wo es vermehrt um Grammatik geht.

Zwar werden daneben auch sportliche Freizeitprogramme wie Fussball oder Sportlektionen bei einem Judo-Trainer angeboten, der Fokus liege aber vermehrt auf der Vermittlung der Sprache. «Wir orientieren uns hier in erster Linie an der Nachfrage, und fast alle Asylsuchenden wollen Deutsch lernen.» So habe sich etwa auch aus dem einstigen Begegnungstreffen mit Kaffee und Gesellschaftsspielen eine zweistündige Deutsch-Konversationsrunde entwickelt, die viermal wöch-entlich stattfindet und die Klas-senlektionen ergänzt.

60 Freiwillige im Einsatz

Für jede Deutschstlektion ( 75 Minuten) stehen eine Lehrperson und eine bis zwei Assistenten im Einsatz – alles Leute, die sich freiwillig engagieren. «Wir bieten ihnen jeweils ein Einführungscoaching und auch Weiterbildungen», sagt Line Kacprzak. So seien bereits Kurse zur Rolle als Freiwillige, zu «transkulturellen Kompetenzen» oder zum Thema «Nähe und Distanz» abgehalten worden.

Aktuell bestehe das Netzwerk aus 60 Freiwilligen, wovon 50 regelmässig im Einsatz stünden; die meisten wohnen in Bülach, ein kleinerer Teil kommt aus den Kreisgemeinden, vier Personen gar aus Zürich. Es ist ein Netzwerk, das für Kacprzak mehr als genug Koordinationsaufgaben bereithält; mal abgesehen von den Erstgesprächen mit den Freiwilligen und den sonstigen, unregelmässigen Aktivitäten wie grösseren Fussballturnieren, Ausflügen oder Kinobesuchen.

Drei Vollzeitstellen

So sehr Line Kacprzak selber eingebunden ist, so deutlich unterstreicht sie die Leistung der Freiwilligen. «Das ist nicht nur einfach ein wertvoller Beitrag; das ganze Modell, das wir hier in Bülach aufgebaut haben, würde ohne dieses Engagement dieser Leute erst gar nicht funktionieren.»

Erst kürzlich hat sie ein Factsheet über das erste Halbjahr zusammengestellt, auf dem sie die geleisteten Personalstunden zusammengetragen hat: «Allein für die Deutschkurse sind das 62 Stunden pro Woche, die Konversationstreffen bringen es auf über 25 Stunden, beim Sport sind es knapp 6 Stunden.» Zusammen mit Administration, zusätzlichen punktuellen Angeboten und der Koordination stehen am Ende 130 Stunden pro Woche in den Büchern – mehr als drei Vollzeitstellen; «und ich habe ziemlich konservativ gerechnet».

Deutschkurse oder Fussballtraining für Asylsuchende zu organisieren, das gehört nicht zu den gesetzlichen Pflichten einer Gemeinde; käme die Stadtregierung von Bülach also zum Schluss, dass man die 30 000 Franken nicht mehr weiter zahlen will, gäbe es theoretisch auch die Alternative, überhaupt nichts anzubieten und sich als Stadt auf die reine Unterbringung, sprich auf den geplanten Bau des Flüchtlings- und Asylzentrums Müliweg zu beschränken.

Eine Auslagerung der Betreuungsarbeiten an die ORS Service AG oder die AOZ komme für den Stadtrat weiterhin nicht in Frage, sagt Menzi. Gemessen am Angebot, das derzeit für Betroffenen in Bülach besteht, hat die Stadt mit den Kirchen und den Freiwilligen eine verhältnismässig steuerzahlerfreundliche Lösung gefunden. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 21.02.2017, 17:55 Uhr

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