Sozialdienste

«Die Bevölkerung ist bereit zu investieren, wenn ein Problem augenfällig wird»

Er hat 33 Jahre lang die Sozialgeschichte des Bezirks Dielsdorf begleitet und mitgeprägt. Nun trittPhilippe Bollmann in den Ruhestand.

Nach 33 Jahren bei den Sozialdiensten Bezirk Dielsdorf geht Philippe Bollmann in den Ruhestand. Die freie Zeit will er nicht nur auf seiner Dachterrasse in Dielsdorf nutzen – in Holland wartet ein Schiff darauf, von ihm regelmässiger benutzt zu werden.

Nach 33 Jahren bei den Sozialdiensten Bezirk Dielsdorf geht Philippe Bollmann in den Ruhestand. Die freie Zeit will er nicht nur auf seiner Dachterrasse in Dielsdorf nutzen – in Holland wartet ein Schiff darauf, von ihm regelmässiger benutzt zu werden. Bild: Leo Wyden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Bollmann, Sie traten 1985 als «Fürsorger» in die Sozialdienste des Bezirks Dielsdorf ein – ein Jahr, bevor das Drogendrama am Platzspitz und später auf dem Letten seinen Lauf zu nehmen begann. Das muss ein happiger Start gewesen sein.
Philippe Bollmann: Ja, wir haben diese Entwicklung stark gespürt. Die offene Drogenszene in Zürich läutete eine Zeit des Umdenkens in der Beratung und Behandlung von Drogenproblemen ein. Die «Beratungs- und Fürsorgestelle für Alkoholprobleme», wie der Trägerverein damals noch hiess, wurde als Reaktion darauf 1987 auf «Beratungsstelle für Suchtprobleme» umbenannt und der Fokus auf andere Drogen erweitert. Ich habe ab diesem Zeitpunkt die Leitung übernommen.

Der Kanton reagierte mit dem Vier-Säulen-Prinzip auf die offene Drogenszene: Prävention, Repression, Schadenminderung und Therapie. Rückblickend: Hat das funktioniert?
Repression war im Moment der Räumung nötig. Rückblickend war es ein Segen, dass in dieser Zeit diverse niederschwellige Substitionsangebote (Methadonabgabe) aufgebaut wurden. Ab 1993, nach der Schliessung des Letten, wurde die Beratungsstelle im Rahmen der dezentralen Drogenhilfe mit dem betreuten Wohnen und Arbeiten erweitert. Das hat die Wiedereingliederung betroffener Menschen massiv erleichtert – respektive ihren sozialen Ausschluss verhindert. Diese Zeit hat mir auch gezeigt, dass Bevölkerung und Politik bereit sind, zu investieren, wenn ein Problem augenfällig ist. Unter diesem Stern konnten wir 1995 sehr unkompliziert zusammen mit der damaligen Klinik Hard ein psychiatrisches Ambulatorium bei uns integrieren.

Was waren die Vorteile dieser Zusammenarbeit?
Zunächst einmal hat es Hausärztinnen und -ärzte von den Substitutionsaufgaben entlastet. Für uns hiess es, ein interdisziplinäres Team unter einem Dach zu haben, das sich in ärztlichen, psychologischen, sozialarbeiterischen, pflegerischen un d sozialpädagogischen Fragen gegenseitig unterstützte. Für die Menschen in der Beratung bedeutete es vor allem, dass sie nicht an verschiedensten Anlaufstellen «zwanzig Mal» dieselbe Geschichte erzählen mussten. Derartige Schwellen abzubauen ist extrem wichtig, einerseits damit es den Betroffenen nicht «ablöscht», andererseits damit wir ihren Prozess möglichst früh begleiten können. Denn in einer frühen Phase der Sucht erinnert man sich noch an alternative Verhaltensweisen auf belastende Situationen – das sind Ressourcen, die man wieder aktivieren muss.

Wie sieht eine solche Begleitung aus?
Das hängt stark von der Situation des betroffenen Menschen ab, der zu uns kommt. Zunächst schaut man gemeinsam, welche Lebensfelder – Wohnen, Arbeit, Gesundheit, Finanzen, Beziehungen, Freizeit – die Sucht belastet und wo sie unterstützend wirkt. Dann geht es vor allem darum, die Eigenmotivation aufzubauen und zu stärken und Rückschläge als Lernerfahrung zu verstehen. Dass wir von «Begleitung» sprechen, ist übrigens ganz wichtig, weil immer die betroffenen Menschen die Leistung erbringen und nicht wir. Sie schaffen es, auszusteigen oder einen Umgang mit der Sucht zu finden.

Gab es Fälle, die Ihnen besonders nahe gingen?
Selbstverständlich habe ich Menschen kennengelernt, deren Schicksale mich sehr bewegt haben. Für mich wurde in den Gesprächen auch oft Geschichte an sich konkret nachvollziehbar – einige, die ich kennengelernt habe, waren beispielsweise Verdingkinder. Es macht einen Unterschied, wenn man jemanden vor sich hat, der das persönlich erlebt hat und darüber spricht. Am meisten geblieben ist mir aber der Kampfwille der einzelnen betroffenen Menschen. Immer wieder aufzustehen, die Kraft aufzubringen, um den nächsten Anlauf zu nehmen – das war hochbeeindruckend.

Wie viele Menschen schaffen den Ausstieg aus der Sucht?
Wir haben das nie genau erhoben. Viele Beratungsabschlüsse waren erfolgreich. Es stellt sich aber die Frage, woran man das genau messen soll. Nicht jeder muss abstinent sein, um ein einigermassen unbelastetes Leben führen zu können. Wir hatten immer wieder Menschen in der Beratung, die den Prozess abgebrochen haben – und nach einem halben Jahr den Kontakt wieder aufnahmen, weil sie realisiert haben, dass sie den nächsten Schritt machen wollen. Dies werte ich als Erfolg. So haben sehr viele Menschen einen Weg aus der belastenden Suchtsituation gefunden.

Die Statistik der Neumeldungen im letzten Jahresbericht zeigt unter anderem, dass Alkohol nach wie vor die meistkonsumierte Substanz ist. Dann folgen Cannabis und Kokain. Heroin ist – wenigstens im Bezirk Dielsdorf – fast aus der Statistik verschwunden.
Ja, Alkohol machte meistens etwa zwei Drittel der Fälle aus. Nach der Räumung des Letten und der Einführung der dezentralen Drogenhilfe nahm der Anteil der Heroinabhängigen, die bei uns Unterstützung suchten, sicher zu. Der Ruf von Heroin als Verliererdroge hat aber dazu beigetragen, dass es in der Statistik kaum mehr auftaucht. Drogen, die Menschen leistungsfähiger machen – wie Kokain oder Amphetamine – sind heute gesellschaftlich eher akzeptiert.

Dieselbe Statistik zeigt, dass auf jede Frau in der Beratung ungefähr drei Männer kommen. Ist Sucht ein Männerproblem?
Männer sind sicher öfter von Sucht betroffen, weil Frauen grösserem gesellschaftlichem Widerstand ausgesetzt sind, zu Suchtmitteln zu greifen. Ich sehe das als Folge einer geschichtlichen Entwicklung: Es galt lange nicht als chic, als Frau zu trinken. Historisch gesehen haben Frauen auch viel mehr gegen die Alkoholproblematik gekämpft: Es waren Frauenvereine, die alkoholfreie Wirtschaften geführt haben, und das zu einer Zeit, in der viele Männer ihren Lohn in der Beiz in Schnaps umgewandelt haben. Das hat sich allmählich geändert – und die Frauen holen jetzt massiv auf – aber unsere Zahlen bilden diese Entwicklung noch nicht ab. Interessant finde ich in diesem Kontext aber auch, dass von den Angehörigen bis heute viel mehr Frauen sind.

Unter dem Dach des Zweckverbandes liegt auch der Erwachsenenschutz. Wie passt das zum Thema Drogenberatung?
In beiden Bereichen geht es zunächst einmal um die Bedürfnisse von Menschen, die Unterstützung brauchen, und um den Versuch, optimale Bedingungen für sie zu schaffen. Personen, die erwachsenenschutzrechtliche Massnahmen haben, können genauso wie Menschen mit Drogenproblemen unter psychischen Erkrankungen oder an sozialen Problemen leiden. Ansonsten sind die Aufgaben der Berufsbeistandschaft und der KESB gegenüber der persönlichen Beratung und der Beratung für Drogenprobleme sehr unterschiedlich. Dies nicht zuletzt, weil es sich im Erwachsenenschutz nicht um freiwillige Massnahmen handelt und Dritte für sie Entscheidungen zu ihrem Wohl treffen.

Wie haben Sie die Umstrukturierung der Vormundschaftsbehörden zur KESB in den letzten Jahren erlebt?
Äusserst turbulent. Angefangen hat es damit, dass die Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten massiven Widerstand gegen den ersten Vorschlag zeigten, dass der Kanton die KESB aufbaut und führt. Als diese Verantwortung dann den Gemeinden übertragen wurde, gingen sie davon aus, dass sie ihre Vormundschaftsbehörden mehr oder weniger wie bisher weiterführen können, und haben erst später realisiert, dass sie eine eigene Institution aufbauen und selber berappen müssen. Das hat in der Deutschschweiz zu viel Unmut auf Gemeindeebene geführt.

Auch medial wurde die KESB innert kürzester Zeit zur meistgehassten Behörde.
Ja, aber vor allem in der Deutschschweiz. Hier haben immer noch viele Gemeinden das Gefühl, dass man ihnen die KESB aufgedrängt hat. In der Welschschweiz wird der Diskurs ganz anders geführt – wohl weil es dort selbstverständlicher ist, Aufgaben dem Staat zu übergeben. Einige Gemeinden hier haben Mühe damit, gewisse Entscheidungen der KESB zu akzeptieren und für die Finanzierung aufkommen zu müssen. Inzwischen ist die Debatte aber etwas ruhiger und sachlicher geworden. Nach dem Fall Flaach haben zum Glück viele realisiert, dass eine Skandalisierung der Sache nicht gerecht wird und niemandem etwas bringt.

Wie hat sich das in der Arbeit im Bezirk Dielsdorf niedergeschlagen?
Der grosse Wechsel war vor allem personeller Art: Das Team des Zweckverbandes hat sich mit dem Aufbau der KESB mehr als verdoppelt. Das war eine hochspannende Zeit. Im Sommer 2011 hatten wir den Auftrag zum Aufbau, im Herbst 2012 stand bereits alles, und seither wird die KESB Bezirk Dielsdorf als fachlich unabhängige Stelle mit gesetzlichem Auftrag unter dem Dach des Zweckverbands geführt. Die negativen Schlagzeilen merken wir vor allem daran, dass es unwahrscheinlich viel Zeit braucht, um bei Betroffenen Vorurteile abzubauen und ihnen zu erklären, worum es überhaupt geht. Die Mitarbeitenden der KESB stehen von allen Seiten immer wieder massiv unter Druck. Dies ist für sie sehr belastend und erschwert ihre Arbeit. Das KESB-Team hat aber auch von Beginn an den Kontakt mit den politischen Behörden im Rahmen ihrer gesetzlichen Möglichkeiten gesucht.

Weshalb?
Der Zweckverband arbeitet immer im Auftrag der 22 Trägergemeinden, das heisst: Ohne ihre Unterstützung läuft bei uns gar nichts. Das bedeutet auch, das Anliegen der Gemeinden zu berücksichtigen, finanziell nicht zu überborden. Die Gespräche mit politischen Behörden habe ich aber immer als sehr sachlich und ehrlich wahrgenommen. Die Parteipolitik stand klar hinter den Sachfragen zurück – wohl auch, weil manche Politikerin, mancher Politiker in der eigenen Familie Erfahrungen mit dem Thema Sucht oder Erwachsenenschutz gemacht hat. In irgendeiner Form berühren diese Themen sehr viele Familien.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger Daniel Frei auf den Weg, der per 1. April Ihr Amt übernommen hat?
Die Vernetzung mit den Gemeinden und den Partnerinstitutionen zu pflegen sehe ich nachwievor als sehr wichtig an. Dazu darf er keine Scheu davor haben, neu zu denken und Angebote immer wieder zu überprüfen, immer im Hinblick darauf, ob sie gesellschaftlichen Entwicklungen sowie den Ansprüchen von Betroffenen, Angehörigen, Arbeitgebern und Gemeinden noch gerecht werden. Das kann niemand im Alleingang – alles, was die Sozialdienste erreicht haben, ist das Verdienst aller, die mitgearbeitet haben.

(zuonline.ch)

Erstellt: 14.06.2018, 14:48 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!