Flughafen

«Die Fluglotsen berichten zurückhaltender über ihre Fehler»

Fluglotsen im Gerichtssaal: Was früher eine Seltenheit war, kommt heute immer häufiger vor. Die Staatsanwaltschaft fordert, dass die Flugverkehrsleiter keine rechtliche Sonderstellung mehr erhalten sollen. Laut Urs Lauener, Chief Operating Officer (COO) von Skyguide, wirken sich die Strafprozesse negativ auf die Fehlerkultur des Unternehmens aus.

Skyguide-COO Urs Lauener rechnet mit Konsequenzen, falls weitere Fluglotsen verurteilt werden sollten.

Skyguide-COO Urs Lauener rechnet mit Konsequenzen, falls weitere Fluglotsen verurteilt werden sollten. Bild: Balz Murer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Begeht ein Fluglotse einen Fehler, stehen Menschenleben auf dem Spiel. Gibt es in solchen Fällen tatsächlich Verletzte oder gar Tote, hat das für die fehlbaren Flugverkehrsleiter unweigerlich ein juristisches Nachspiel. Neuerdings werden aber auch Lotsen strafrechtlich verfolgt, die Fehler begehen, welche keine Folgen für die Passagiere haben. Meist lautet der Straftatbestand auf fahrlässige Störung des öffentlichen Verkehrs. In den Medien ist dann jeweils die Rede von «Beinahe Crashs» oder «gefährlichen Annäherungen zweier Flugzeuge». Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Die Flugverkehrsleiter dürfen keine rechtliche Sonderstellung mehr geniessen. Schliesslich würden SBB-Mitarbeiter auch belangt, wenn sie eine Weiche falsch stellen und ein Zug entgleise, so unter anderem die Argumentation.

Herr Lauener, aktuell gibt es in den Medien wenig Positives über Fluglotsen zu lesen. Nervt Sie das?
Ja und nein. Das ist Teil von unserem Business. Die Leute gehen in erster Linie davon aus, dass wir Sicherheit produzieren. Wenn wir das machen, gibt es nichts zu berichten. Passiert aber etwas Ausserordentliches, dann schreiben die Medien über uns. Das ist im Moment der Fall.

Oft kommt in diesen Berichten das Wort «Beinahe-Crash» vor. Was verstehen Sie darunter?
Ich würde ein anderes Wort wählen. «Beinahe-Crash» ist eine zu plakative Aussage. Es handelt sich dabei um eine Separationsunterschreitung. Die Separation ist bei uns aber so definiert, dass es eine Unterschreitung leiden mag, ohne dass etwas passiert. Wir sprechen hier von Entfernungen von 10 Kilometern horizontal und 300 Metern vertikal. Da ist noch viel Luft dazwischen. Unser Anspruch ist aber ganz klar, diese Separation nicht zu unterschreiten.

Der Flugsicherung stehen immer bessere technische Hilfsmittel zur Verfügung. Wird der Job eines Fluglotsen bald von Computern ausgeführt?
Ich bin mir sicher, dass die Technik in Zukunft eine wesentlich wichtigere Rolle spielen wird. Wie weit das gehen wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Bei den Einschränkungen, die wir im europäischen Luftraum bereits heute haben, werden wir das zukünftige Wachstum mit dem heutigen Handwerk nicht abfedern können. Da muss uns die Technik unterstützen.

Steigt mit der fortschrittlichen Technologie auch die Sicherheit im Flugverkehr?
Der Anspruch ist mindestens, das heutige Sicherheitsniveau beizubehalten. Wenn der Verkehr wächst, muss die Sicherheit überproportional ansteigen, damit sie auf dem gleichen Level bleibt.

Eine Staatsanwältin sagte im September vor dem Bezirksgericht Bülach: «Es gibt keinen Raum für eine Sonderbehandlung für Skyguide-Mitarbeiter.» Schliesslich würden SBB-Mitarbeiter auch belangt, wenn sie eine Weiche falsch stellen und ein Zug entgleise. Was sagen Sie dazu?
Wir verlangen keine Sonderstellung für die Fluglotsen von Skyguide. Wenn ein SBB-Mitarbeiter eine Weiche falsch stellt und deshalb ein Zug entgleist, ist etwas passiert. Dann muss man darüber sprechen und das ahnden. Das ist bei uns nicht anders. Wenn aber ein Fehler passiert, der keine Folgen hat, müssen wir intern darüber reden können, um daraus zu lernen. Das darf nicht zu einer Belangung im juristischen Sinne führen.

Ist es nicht möglich, die Fehler trotz Strafprozessen intern zu besprechen?
Das werden wir jetzt herausfinden. Zurzeit geht die Anzahl Meldungen nicht zurück. Ich stelle aber fest, dass die Qualität der Informationen sinkt. Ein Beispiel: Im Report steht lediglich etwas von zwei Fliegern und einer Separationsunterschreitung. Dann weiss ich zwar, dass etwas passiert ist, kenne aber die Ursache dafür nicht. Ich möchte aber genau ergründen können, was zum Fehler geführt hat, um daraus lernen zu können.

Also sind die Fluglotsen zurückhaltender, weil sie Angst vor einem Strafprozess haben?
Ja. Sie wollen nicht zu viel preis geben, da sie nicht wissen, ob die Informationen gegen sie verwendet werden könnten.

Wieso geht die Staatsanwaltschaft so rigoros gegen fehlbare Fluglotsen vor?
Ich bin wahrscheinlich der Falsche, um hier eine Antwort zu geben. Ich weiss nicht warum solche Fälle von der Staatsanwaltschaft nun intensiver behandelt werden, als das früher der Fall war. Ich kritisiere das aber nicht. Der Staatsanwalt macht seine Arbeit, wie wir unsere machen.

Das Zürcher Obergericht hat im Dezember einen Fluglotsen von Skyguide wegen fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs schuldig gesprochen. Was war ihr erster Gedanke, als sie von diesem Urteil gehört haben?
Ich sass damals auch im Saal. Das Urteil machte mich betroffen. Denn ich weiss, dass das Auswirkungen für uns haben wird. Für mich ist fraglich, ob wir so noch in der Lage sind, aus unseren Fehlern zu lernen und dadurch das System weiterzuentwickeln. Zudem tut es mir leid für den betroffenen Mitarbeiter. Für ihn ist das ganz schwierig zu verdauen.

Arbeitet der Verurteilte noch bei Skyguide?
Ja, der arbeitet weiterhin bei uns. Die Verurteilung lässt nicht darauf schliessen, dass er ein schlechter Fluglotse ist. Unsere Mitarbeiter müssen wiederkehrende Ausbildungskurse besuchen und regelmässig Checks absolvieren. Der verurteilte Kollege hat diese Tests stets bestanden. Daher bestehen auch keine Zweifel, dass er weiterhin bei uns arbeiten kann.

Das dürfte trotzdem eine schwierige Entscheidung sein. Man stelle sich vor, ein vorbestrafter Fluglotse begeht einen folgenschweren Fehler. Skyguide würde schwer in der Kritik stehen.
Natürlich machen wir uns solche Gedanken. Damit ist auch ein gewisses Reputationsrisiko für die Firma verbunden. Aber nochmals, ich stütze mich auf unsere Prozeduren und Checks ab. Wenn der Fluglotse körperlich und medizinisch fit ist und die erforderliche Kompetenz mitbringt gibt es für mich keinen Grund, ihn nicht einzusetzen.

Gegen das Urteil des Obergerichts wird der Fluglotsen Beschwerde erheben. Was passiert, wenn das Bundesgericht das Urteil des Obergerichts bestätigt?
Wir wissen nicht, welche Auswirkungen das auf uns hätte. Es würde aber defintiv welche geben. Wir müssten einen Schritt zurück machen und andere Massnahmen ergreifen. Der Betrieb ist heute sicher. Dazu braucht es aber täglich einen grossen Einsatz jedes Fluglotsen. Wenn man ihnen jetzt plötzlich andere Vorgaben erteilt, müssen wir über die Bücher gehen.

Am Tag nach dem Urteil meldeten sich einige Fluglotsen krank, was zu Verspätungen am Flughafen führte. War diese Reaktion richtig?
Es geht hier nicht um richtig oder falsch. Ich habe Verständnis für die Reaktion. So viele haben sich übrigens gar nicht krank gemeldet. Aufgrund der speziellen Umstände, habe ich von mir aus entschieden, Druck aus dem System zu nehmen und die Kapazität um zehn Prozent zu reduzieren. Das ist zwar nicht das, was wir uns für den fliegenden Kunden wünschen aber ich handelte im Sinne der Sicherheit. Nach drei Tagen hatten wir wieder Vollbestand und die Kapazität wieder hochgefahren.

Wird bei den Fluglotsen nun immer eine gewisse Unsicherheit herrschen oder hat sich die Situation wieder normalisiert?
Unsere Leute arbeiten professionell und können solche Dinge ausblenden, wenn sie im Einsatz stehen. Das ist wichtig für uns. Denn wenn jemand das Gefühl hat, er ist nicht in der Lage zu arbeiten, dann meldet er sich ab. Dennoch bleibt das Thema in den Köpfen. In den Pausen wird auch weiterhin darüber diskutiert.

Die Gerichtsverhandlungen sind meist sehr emotional, da sich viele Arbeitskollegen im Saal versammeln und die Beschuldigten unterstützen. Wird dieses Vorgehen von der Geschäftsleitung angeordnet?
Nein, das wird überhaupt nicht orchestriert von uns. Sie machen das freiwillig. Dieses Verhalten reflektiert den Spirit unserer Mitarbeiter. Es ist ganz normal, dass sich ein Fluglotse mit seinen Kollegen solidarisiert. Teamwork ist wichtig für diesen Job.

Die Anwälte der Fluglotsen benutzen in ihren Plädoyers viele Fachausdrücke. Glauben Sie, die Richter sind genug kompetent, um in solchen Fällen gerecht zu urteilen?
Ich habe Vertrauen in das Rechtssystem der Schweiz und zweifle nicht an der Kompetenz der Richter, stelle mir ihren Job aber sehr schwierig vor. Hätte ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas mit dem Thema Flugsicherung zu tun, dann wäre es sicher schwierig, die Zusammenhänge zu erkennen.

Skyguide sucht mit vielen Inseraten nach neuen Leuten. Herrscht ein Nachwuchsproblem?
Nein, wir haben kein Nachwuchsproblem. Die Nachfrage ist sehr gross. Vor allem für die erste Selektionsphase bewerben sich viele Leute. Es wurde aber schwieriger, in einem weiteren Schritt die qualitativ richtigen Leute an Bord zu haben, welche die Ausbildung dann auch beginnen. Zurzeit befürchten wir auch nicht, dass die Strafprozesse Einfluss auf unseren Nachwuchs haben werden. Das könnte sich aber ändern, wenn weitere Verurteilungen folgen sollten.

Wieso sollte man sich in der jetzigen Lage für diesen Beruf entscheiden?
Weil es nach wie vor ein faszinierender Job in einem unheimlich spannenden Umfeld ist. Ich hatte das Glück, dass ich meine ganze Karriere in der Aviatik machen durfte. Wer fasziniert ist von der Fliegerei, ist bei uns sehr gut aufgehoben. Dazu kommt, dass wir sehr gute Anstellungsbedingungen haben.

Erstellt: 25.02.2019, 16:15 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles