Landwirtschaft

Die Klima-Landwirtschaft kommt

Unter dem Namen «Landwirtschaft mit Zukunft» will eine breite Trägerschaft die Agrikultur klimaverträglich gestalten.

Durch landwirtschaftliche Tätigkeiten – insbesondere durch die Tierhaltung – gelangen klimarelevante Mengen an Methan und Lachgas in die Atmosphäre.

Durch landwirtschaftliche Tätigkeiten – insbesondere durch die Tierhaltung – gelangen klimarelevante Mengen an Methan und Lachgas in die Atmosphäre. Bild: Franziska Scheidegger

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Steigende Durchschnittstemperaturen, längere Hitzeperioden, Stürme und Überschwemmungen: Der Klimawandel wird die landwirtschaftliche Arbeit in Zukunft deutlich erschweren. Gleichzeitig trägt die industrialisierte Landwirtschaft aber auch erheblich zur Erderwärmung bei: Global betrachtet liegt der Anteil der Landwirtschaft an der gesamten Lachgasemission bei rund 60 Prozent, jener an den Methanemissionen bei 50 Prozent.

Entsprechend sind Bund, Kantone, Bauernverbände und nicht zuletzt die Bäuerinnen und Bauern selber um eine effiziente und umweltschonende Produktion bemüht. Unter dem Namen «Landwirtschaft mit Zukunft» entsteht nun eine neue Initiative, welche die Produktion ökologisch, regenerativ und klimagerecht gestalten will. Ziel ist es, eine Art Klimastreikbewegung für die Landwirtschaft zu schaffen und dem Thema damit die nötige Relevanz zu verleihen. Als Auftakt dazu kündigt die Initiative auf den 26. September eine Demonstration unter dem Titel «Wir haben es satt!» an. Sie wird anlässlich der Aktionswoche der Klimabewegung in Zürich stattfinden.

Bachsermärt mit dabei

Unter den Trägerinnen und Trägern sind nebst Greenpeace und Uniterre auch zahlreiche Betriebe aus der Region: die Winterthurer Genossenschaft Rägeboge etwa, der Hof Blum aus Richterswil, Brachland Bio Beeren & Obst aus Bubikon, der Hof Narr aus Hinteregg sowie der Bachsermärt, der fünf Geschäfte in Bachs, Eglisau und Zürich betreibt.

Das Bekenntnis zur «Landwirtschaft mit Zukunft» soll bestehende Projekte in Ökologiefragen nicht ersetzen, sondern sie miteinander vernetzen und ergänzen. So hält Thomas Mathis, stellvertretender Geschäftsführer des Bachsermärt, fest: «Wir arbeiten derzeit unter anderem mit Slowgrow zusammen, die in Jona, Gossau und Mönchaltorf Gemüse- und Ackerbau betreibt und die Ziele der regenerativen Landwirtschaft verfolgt.» Ein anderer Partner ist das Gut Rheinau, mit dem der Bachsermärt das Projekt Pot erstellt hat: Dessen Ziel ist es, «eine sozial und ökologisch nachhaltige Lebensmittelversorgung im Quartier zu sichern».

«Auch Teil der Lösung»

Die Idee für die Initiative stammt von Dominik Waser, Mitbegründer des Vereins Grassrooted und Nationalratskandidat für die Juso. «Es ist Fakt, dass die Landwirtschaft, wie wir sie heute haben, einen enormen Einfluss auf das Klima hat», sagt er und nennt mehrere Beispiele: die sinnlose Verschwendung von Lebensmitteln als drittgrösste Quelle an CO2; die Düngung mit Stickstoff, die aufgrund der Freisetzung von Lachgas Einfluss auf die Umwelt hat – oder auch die Pestizide, die das Grundwasser verschmutzen. «Dabei wird aber übersehen, dass die Landwirtschaft nicht einfach nur das Problem, sondern auch Teil der Lösung sein kann. Das ist die Richtung, die wir gehen wollen.»

Waser stört sich an den Schuldzuschiebungen in Klimafragen zwischen Bauernbetrieben, Grossverteilern und Kon­sumentinnen und Konsumenten. «Auf diesem Weg kommen wir nie an den Punkt, Lösungen für das Problem zu finden. Diese Blockade wollen wir brechen, nicht nur indem wir Bäuerinnen und Bauern zur nachhaltigen Produktion motivieren, sondern auch indem wir aktiv Bildungsarbeit leisten.» Somit gehe es auch darum, auf der Konsum­seite mehr Wertschätzung zum Produkt aufzubauen – und letztlich bereit zu sein, mehr für Lebensmittel zu bezahlen.

Die Initiative stellt mehrere Forderungen, wie sich die Landwirtschaft der Zukunft in der Schweiz entwickeln soll. Dazu gehören nebst einer Produktion frei von synthetischen Pestiziden und einer hohen Biodiversität auch faire Preise für Bäuerinnen und Bauern und eine dezen­trale, klein strukturierte Landwirtschaft, die die Ernährungssouveränität gewährleistet. Aktuell seien die meisten Trägerinnen und Träger bereits bestehende Kontakte des Vereins Grass­rooted. Das Vorhaben soll aber die Form einer Bewegung an­nehmen. «Es sollen sich alle hinter der Idee versammeln: Bäuerinnen und Bauern, der Handel, Verbände und Vereine bis hin zu Konsumentinnen und Konsumenten», sagt Waser. Die Initiative will auf diesem Weg nicht nur Vernetzungsarbeit leisten, sondern auch politischen Druck erzeugen.

Initiative noch unbekannt

Indes dürfte es noch einen Moment dauern, bis die Plattform unter den landwirtschaftlichen Betrieben bekannt ist – und zwar nicht nur, weil die Website erst auf Deutsch erschienen ist. Auch Hans Frei, Landwirt in Watt und Präsident des Zürcher Bauernverbands, kennt die neue Initiative noch nicht. «Da ich ihren Inhalt nicht kenne, will ich mich nicht explizit dafür oder dagegen äussern», sagt er auf Anfrage. Tatsache sei aber, dass sich Bäuerinnen und Bauern mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzten, nicht zuletzt aus ihrer direkten Betroffenheit.

Der Schweizer Bauernverband hat ein umfangreiches Fokus­dokument zum Thema erstellt, das in landwirtschaftlichen Kreisen in Umlauf gebracht wird. «Der Bauernverband legt primär Wert darauf, dass man das Thema mit hohem sachlichen Verständnis und in engster Zusammenarbeit mit Forschung und Wissenschaft angeht», so Frei weiter. «Extremforderungen von heute auf morgen umsetzen zu wollen, ist fahrlässig.»

Dass das Thema Landwirtschaft üblicherweise nicht von links beackert wird, ist sich Dominik Waser bewusst. «Ich merke aber auch, dass viele Bäuerinnen und Bauern die SVP in Klimafragen nicht mehr richtig ernst nehmen», sagt er und bezieht sich dabei auf seine zahlreichen Gespräche, die er mit jener Per­sonengruppe sowie auch mit dem Schweizer Bauernverband geführt habe. «Mir ist wichtig, dass es um das Thema selber geht statt um politische Seiten: Wir setzen uns für faire Preise, ein zukunftsfähiges Land­wirtschaftssystem und auch eine höhere Wertschätzung des Berufs ein. Und das dient allen.»

Erstellt: 12.08.2019, 23:50 Uhr

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