VIDEO-SERIE «CHLINI ISZYT»

«Die Luft wird dünner – aber wir sind gut aufgestellt»

Gérard Bouvard ist sowas wie der Fluglehrer des EHC Kloten. Seit elf Jahren verleiht der Nachwuchschef der Hockeyjugend im Unterland viel Schub. Die «Young Flyers» sollen durchstarten – in Kloten oder anderswo. Das zahlt sich für den Traditionsverein vom Schluefweg so oder so aus.

«Chlini Iszyt» zum Zweiten: Florian Schaer trifft mit Gérard Bouvard den Nachwuchs-Chef des EHC Kloten.
Video: Michael Caplazi

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Die Stimmung war schon besser am Schluefweg. Besonders nach der zweiten Saisonniederlage vom vergangenen Dienstag gegen La Chaux-de-Fonds. Dennoch verströmt Gérard Bouvard Zuversicht und gibt sich positiv wie eh. Mit dem Spielbetrieb der Hockeyprofis hat der 56-Jährige aber nicht viel zu tun. «Bouvi», wie er auch genannt wird, ist selber Profi beim EHC Kloten, allerdings in einem anderen Bereich. Stand er Ende der 70er-Jahre als Spieler der ersten Mannschaft auf dem Eis, so ist er heute für die gesamte Juniorenarbeit des EHC Kloten verantwortlich.

Momentan ist Herbstferienzeit. Das bedeutet für den Nachwuchschef des EHC Kloten nicht etwa weniger, sondern mehr Betrieb auf und neben dem Eis. Derzeit ist für die Eishockeyjunioren ein besonders vielseitiges Programm angesagt. An diesem Tag trifft man sich im nahen Seilpark, wo die Kinder Geschicklichkeit und Mut beweisen müssen sowie ihre Teamfähigkeit stärken sollen.

«Die Nachwuchsarbeit ist etwas Langfristiges. Wenn man eine hohe Qualität erreichen will, braucht es da eine entsprechende Einstellung.»  

Gérard Bouvard, Nachwuchschef EHC-Kloten

«Bouvi», tönts immer wieder von da und dort. Der Nachwuchschef ist gefragt, als ihn die Presse zum Gespräch trifft. Ab und an unterbricht er das Gespräch, wenn ihn jemand via Mobiltelefon um Stulpen oder Einsatzpläne fragt oder ein Betreuer gesucht wird. «Bouvi» weiss fast alles, er ist stets gelassen und nichts scheint ihn so rasch aus der Ruhe zu bringen. Schliesslich hat der Klotener Nachwuchschef schon viel erlebt am Schluefweg.

Der Zürcher mit dem welschen Namen ist schon seit elf Jahren in dieser Funktion in Kloten an der renommierten Ausbildungsadresse des Schweizer Eishockeys tätig. «Einmal Kloten, immer Kloten», sagt einer, der als Spieler einst vom Dolder als GC-Junior nach Kloten an den Schluefweg wechselte. «Das war eine grosse Ehre für mich, denn Kloten war damals das absolut Beste und Grösste.» Hier wurde er prompt zweimal Junioren-Schweizermeister. Etwas, das ihm bei den Grossen verwehrt blieb. Seine Spielerkarriere beendete er 1987 beim damaligen B-Ligisten Dübendorf.

ETH-Dozent und Schweizer Nachwuchstrainer des Jahres

Nach dem Ende seiner Aktivlaufbahn hat Bouvard das Nationalliga-Trainerdiplom gemacht, ist beim Verband Coach der besten Jugendauswahlteams einzelner Jahrgänge geworden und unterrichtete sogar an der ETH angehende Sportlehrer im Fach Eishockey. Bouvard ist gut. So gut, dass er von der Schweizer Sporthilfe ein Jahr nach seiner Rückkehr als Juniorenchef zu Kloten 2008 gar zum Schweizer Nachwuchstrainer des Jahres gekürt wird.

Fünf Präsidenten hat er in dieser Zeit in Kloten erlebt: Peter Bossert, Jürg Bircher, Philippe Gaydoul, Ken Stickney und jetzt Hans-Ulrich Lehmann.

«Es waren unruhige Zeiten mit sehr viel auf und ab», erinnert sich Bouvard. Besonders als man 2012 fast Bankrott ging, sei das «eine schwierige Zeit» gewesen. Jetzt sei alles «top seriös» geführt, lobt Bouvard. Dessen Ausgabenpolitik – nicht mehr ausgeben als einnehmen – sei nichts als vernünftig.

Die genannten Präsidenten waren und sind aber genau genommen gar nicht Bouvards Vorgesetzte, denn der Nachwuchsbereich wird in Kloten in einer separaten Rechtsform als EHC Kloten Verein ausserhalb des Profibetriebs (EHC Kloten Sport AG) geführt. Und im Nachwuchsverein ist seit all den Jahren ein anderer Bekannter aus Bosserts Zeiten Präsident: Matthias Mölleney, der ex-Swissair-Personalchef. «Die Nachwuchsarbeit ist etwas Langfristiges. Wenn man eine hohe Qualität erreichen will, braucht es da eine entsprechende Einstellung.» Und das bringe auch Kontinuität, was einem Klub wiederum helfe erfolgreich zu sein, ist Bouvard überzeugt.

Nebst anderen ist mit Peter Lüthi der frühere EHC-Geschäftsführer und Nationalteamdirektor im Vorstand der Nachwuchsorganisation vertreten. «Er war einst mein Mentor», lobt Bouvard den Ur-Klotener Lüthi. Zusammen hat man nun das Projekt «Young Flyers» auf die Beine gestellt. Es ist dies ein gemeinsamer Nachwuchsverbund der Eishockeyclubs aus Kloten, Bülach, Dielsdorf-Niederhasli und Winterthur. «Wir wollen eine Top-Adresse sein», sagt Bouvard. Es soll Kloten wieder zu alter Stärke in der Nachwuchsausbildung führen, die im Zuge der finanziellen Turbulenzen des Klubs mitgelitten und an Breite und Glanz verloren hat.

Denn die Konkurrenz der Lions-Organisation ist heute ungleich (finanz-)stärker und breiter aufgestellt und in Zug schläft man auch nicht, sondern investiert im Juniorenbereich ebenfalls grosse Summen in die neue Hockey Academy. Bouvard sagt: «Unser Ziel muss es sein, wie früher, möglichst viele gute Juniorenspieler in die erste Mannschaft zu bringen.» Er weiss aber auch, dass es heute schwerer geworden ist an die besten Talente heranzukommen: «Die Luft wird dünner, aber wir sind gut aufgestellt.»

Kloten erhält für Nachwuchs über eine halbe Million

Unter dem Dach der Young Flyers spielen mittlerweile über 750 lizentierte Junioren aller Stufen, nicht eingerechnet sind da die Kleinsten, die in der Hockeyschule ihre ersten Gehversuche auf Eis machen. Das sind nochmals über 100 Kinder, die von den jeweiligen Klubs vor Ort betreut werden. Dass man jetzt volle Kraft voran geht bei der Nachwuchsausbildung, lohnt sich übrigens nicht nur sportlich. Es spült auch einiges Geld in die Kasse der Juniorenabteilung des Vereins.

Momentan sei dies ein höherer sechsstelliger Betrag, den andere Klubs jedes Jahr an Kloten überweisen müssen für deren Spieler, die einst am Schluefweg ausgebildet wurden. «Aber das wird in den nächsten Jahren zurückgehen», warnt Bouvard. Denn noch profitiert Kloten von den zahlreichen Eigengewächsen, die in fremden Diensten stehen. Viele sind aber schon älteren Jahrgangs und sobald sie ihre Karriere beenden, fällt diese Entschädigung weg.

So ist zu hoffen, dass die Talente der Young Flyers bald zahlreich abheben und dem EHC Kloten zu neuen Erfolgen auf dem Eis oder aber wenigstens zu neuen Einnahmen in Form von Nachwuchsentschädigungen bei Transfers verhelfen werden. Die Zeichen dafür stehen gut: Der Verband hat den EHC Kloten im letzten Jahr zum besten Ausbildungsclub der Schweiz gekürt. «Das war kein Mitleids- oder Goodwill-Entscheid, wir mussten in über 50 Kriterien gegen alle Konkurrenten bestehen», sagt Bouvard, «und wir sind vor den Lions, Bern und Zug geblieben.» (Zürcher Unterländer)

(Erstellt: 11.10.2018, 15:16 Uhr)

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Zur Person

Gérard Bouvard (56) kam einst als GC-Junior nach Kloten, wo er dann von 1978 bis 1981 zum erweiterten Kader der NLA-Mannschaft gehörte. Er spielte danach bis 1987 auch für GC, Illnau-Effretikon und Dübendorf. Seither arbeitet er als Trainer und Dozent an der ETH und ist auch für den Verband im Einsatz. Seit 2007 ist er Nachwuchschef des EHC Klotens.

2008 kürte ihn die Schweizer Sporthilfe zum Nachwuchstrainer des Jahres. Aktuell setzt er voll auf den neuen Young-Flyers-Verbund von Kloten, Bülach, Dielsdorf-Niederhasli und Winterthur. Bouvard ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Sohn spielt ebenfalls bei Kloten Eishockey.

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