Otelfingen

Die Problempflanzen an der Wurzel packen

Invasive Neophyten sind sowohl in privaten Gärten wie auch in der Natur anzutreffen. Allein kann der Otelfinger Werkmeister Ruedi Berger diese Pflanzen in seiner Gemeinde nicht bekämpfen. Er ist auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen.

Die Goldrute ist zwar schön anzusehen, aber für Werkmeister Ruedi Berger stellt sie als invasiver Neophyt ein grosses Problem dar.

Die Goldrute ist zwar schön anzusehen, aber für Werkmeister Ruedi Berger stellt sie als invasiver Neophyt ein grosses Problem dar. Bild: Sibylle Meier

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Herrlich duftet der Strauch hinter dem Gemeindehaus, und auf seinen violetten Dolden tummeln sich unzählige Schmetterlinge und Bienen. Und doch ist dieser Sommerflieder ein Problemfall. Er gehört nämlich zu den invasiven Neophyten, also zu denjenigen gebietsfremden Pflanzen, die sich hier­zulande stark ausbreiten und Schäden anrichten.

Solche Pflanzen verdrängen einheimische Arten, reduzieren die Artenvielfalt und können Schäden an Bauten sowie Probleme in der Land- und Forstwirtschaft verursachen. Einige sind sogar für die Gesundheit von Mensch und Tier problematisch.Ganz so schlimm ist der Sommerflieder zwar nicht, die Gefahr besteht hier vor allem durch die massive Verbreitung.

Die bis zudrei Millionen Samen pro Pflanze werden mit dem Wind über weite Distanzen verteilt. Das Ergebnis: Die einheimische Vegetation wird zurück­gedrängt. «Es ist paradox, ich finde diese Pflanze selber wunderschön», sagt der Otelfinger Werkmeister Ruedi Berger. Als Neophyten-Beauftragter der Gemeinde ist er darum besorgt, die Problempflanzen zu bekämpfen – oder zumindest in Schach zu halten.

Keine Vorwürfe an Pflanzenbesitzer

Sommerflieder ist eine beliebte Zierpflanze und oft in privaten Gärten anzutreffen. Und genau hier stösst Berger an seine Grenzen. «Wir müssten definitiv mehr machen im Kampf gegen die invasiven Neophyten, doch uns fehlt der Manpower», sagt er. Die Pflanzen in der freien Natur seien das eine, diejenigen in privaten Gärten das andere. Er möchte deshalb die Leute dafür sensibilisieren, ihren Teil zur Neophyten-Bekämpfung beizutragen.

«Wenn die verblühten Rispen des Sommerflieders vor der Samenreife abgeschnitten und in die Kehrichtverbrennung gegeben werden, ist schon viel geholfen», sagt er. Wichtig ist ihm, dass die Leute nicht denken, er mache ihnen Vorwürfe, wenn er sie auf ihre Pflanzen im Garten anspreche. «Es geht überhaupt nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen», betont er. Vielmehr sei die Sensibilisierung für dieses Problem das Ziel.

Eine weitere invasive Art, die oft in Gärten zu sehen ist, ist der Kirschlorbeer. «Eine wirklich schöne und vor allem blickdichte Hecke», sagt Berger. «Ich kann die Leute schlecht zwingen, ihre ganze Hecke zu vernichten.» Doch er könne immerhin darauf aufmerksam machen, dass Kirschlorbeer nicht neu angepflanzt und Jungpflanzen ausgerissen werden. Als Alternative für eine immergrüne ­Hecke nennt er Liguster oder Thuja.

Rund 550 Neophyten in der Schweiz

Mit den Neophyten sei es so eine Sache, erzählt Berger. Die Schweizer Flora zähle ungefähr 550 Neophyten, wovon viele gut in die Umwelt integriert seien und die heimische Flora bereichern. Nur rund 45 seien invasiv. «Einige wenige machen Probleme, die anderen sind sehr erwünscht. Man denke nur an die Kartoffel oder den Mais. Auch sie wurden ein­geführt und sind heute nicht mehr von unserem Speiseplan wegzudenken», führt Berger aus.

Das Drüsige Springkraut behindert im Wald die natürliche Verjüngung. Entlang von Gewässern verdrängt es andere Pflanzen und begünstigt somit Erosionen.

Eine wirkliche Gefahr dagegen stellen zum Beispiel der Riesenbärenklau und die Ambrosia dar. Ersterer verursacht bei Berührung unter Sonneneinstrahlung Blasen und Verbrennungssymptome auf der Haut. Die Ambrosia dagegen kann heftige Allergien auslösen. Beide Pflanzen hält man in Otelfingen in Schach. Während Berger gar keine Am­brosia auf Gemeindegebiet bekannt ist, weiss er, dass es den Riesenbärenklau am Dorfbach gab. Dort kontrolliert er regelmässig, ob die Pflanze nicht wieder nachwächst. Denn nur weil sie ein Jahr weg ist, heisst es nicht, dass sie nicht wieder zurückkommt.

Alles andere als erwünscht ist auch der ­Japanische Staudenknöterich – auf dem Rundgang findet sich eine einzelne ein­same Pflanze am Waldrand. Durch seine unterirdischen Ausläufer kann er grossen Schaden an Bauten anrichten. Weil die oberirdischen Triebe im Winter absterben, wird vor allem entlang von Fliess­gewässern die Erosion an den kahlen Böschungen gefördert. Selbst mehrmaliges Mähen bekämpft das Gewächs nicht langfristig. Dass man diese Pflanzenart hier mehr oder weniger im Griff hat, liegt an der konsequenten Bekämpfung seit nunmehr zehn Jahren. Ruedi Berger und sein Team spritzen in jedes einzelne Exem­plar, das sie finden, Gift. Eine Heidenarbeit.

Die Goldruten vermehren sich äusserst effizient. Die dichten und zähen Bestände verdrängen schützenswerte Arten vor allem in Naturschutzgebieten.

Eine scheinbar nie endende Arbeit ist auch die Bekämpfung der Goldrute. Ähnlich wie der Sommerflieder erscheint sie dem Laien als schöne Zierpflanze. Doch auch diese dichten Monokulturen verdrängen die einheimischen Pflanzen. Eine oberflächliche Entfernung bringt nichts – dieses Problem muss wortwörtlich an der Wurzel angepackt werden. Dass Ruedi Berger das mit seinem kleinen Team nicht schaffen kann, erklärt sich von selber – er ist auf Unterstützung angewiesen. «Wir könnten mit den Asylanten eine Arbeitsgruppe bilden, aber sie müssten die ganze Zeit begleitet werden», sagt er. Oder auch ein Verein, der sich der Bekämpfung der Neophyten annehmen würde, wäre sehr willkommen. «Wenn alle etwas dazu beitragen, können wir das Problem massiv eindämmen», ist Berger überzeugt.

Das Springkraut und die Kantonsgrenze

Ein Beispiel für eine solche erfolgreiche Bekämpfung zeigt sich im Wald oberhalb Otelfingens. Auf der einen Seite des Wegs wuchert das Drüsige Springkraut, auf der anderen Seite ist so gut wie nichts von der lila blühenden Pflanze zu sehen. Wie kann das sein? Die Antwort ist einfach. Der Weg bildet die Kantonsgrenze. Während der private Waldbesitzer auf Zürcher Seite konsequent mäht und das Springkraut somit massiv zurückdrängen kann, wird auf Aargauer Seite zumindest an dieser Stelle nichts unternommen. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 09.08.2018, 15:49 Uhr

Wissen für Kinder

Im Mai ist das neuste «Globi Wissen»-Buch «Globi und die neuen Arten – Wenn Pflanzen und Tiere auf Weltreise gehen» erschienen. Darin erfahren Kinder, was invasive Tiere und Pflanzen sind, was ein Ökosystem ist und was geschehen kann, wenn es durcheinandergerät. Das 120-seitige Buch ist im Handel oder online erhältlich. Ausserdem kann man es in der Bibliothek Otelfingen ausleihen.red

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