Niederhasli

«Heimweh kenne ich nicht»

Die 16-jährige Lilly Chambers aus dem Waadtland unterstützt Familie Meier-Kistler auf ihrem Bauernhof. Der Aufenthalt kam über die Vermittlungsstelle Agriviva zustande.

Lilly Chambers versteht sich bestens mit ihren Gasteltern Rudolf und Vreni Meier-Kistler.

Lilly Chambers versteht sich bestens mit ihren Gasteltern Rudolf und Vreni Meier-Kistler. Bild: Paco Carrascosa

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Gemeinsam am Tisch sitzen und essen ist auf dem Bauernhof der Familie Meier-Kistler im Niederhasler Ortsteil Nassenwil eine Selbstverständlichkeit. «Wir kennen nichts anderes», sagt Rudolf Meier. Auch Lilly Chambers ist sich gewohnt, mit der Familie zu essen. Die 16-Jährige wohnt in der Nähe von Vevey und hat einen jüngeren Bruder. Kürzlich gab es bei ihrer Gastfamilie selber gemachte Spätzli, Fleisch von eigenen Hasen und gedörrte Bohnen aus dem Gemüsegarten. «Wir sind Selbstversorger», erklärt Vreni Meier. Das Essen schmeckt der jungen Frau, und es gefällt ihr, beim Kochen zu helfen. «Die Zubereitung der Salatsauce hat mich erstaunt», sagt sie. Von zu Hause kennt sie die Art mit Balsamico Essig und Öl. Vreni Meier hat ihr gezeigt, dass sie auch mit Joghurt gemacht werden kann.

Kochen gehört zu den Aufgaben von Lilly, die während zehn Tagen das landwirtschaftliche Leben kennen lernt. Dabei hat sie wichtige Erfahrungen gesammelt. «Wir wollten eine Schwarzwäldertorte backen», sagt die Gastmutter. Lilly hat den Rahm so lange geschwungen, bis nur noch Klumpen übrig waren. «So haben wir ihn gleich zu Butter verarbeitet.»

Gegenseitig Verständnis fördern

Agriviva mit Sitz in Winterthur vermittelt kurzzeitige Landdienststellen für Jugendliche. Der Bauernhof der Familie Meier ist auf der Website der Organisation aufgeführt. Lilly hat gefallen, was sie dort gesehen hat, und sich gemeldet.

Meiers nehmen seit 2003 junge Frauen bei sich auf. Manchmal kommen auch welche von der Fachmittelschule in Basel. «Am Anfang haben die Mädchen auch auf unsere drei Söhne aufgepasst», erzählt Vreni Meier. Mittlerweile ist der Jüngste 18 Jahre alt, babysitten gehört nicht mehr zu den Aufgaben der Landdienst-Frauen. Aber sie sollen ein Gespür dafür bekommen, was es heisst, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen und mit den Aufgaben im Haus und auf dem Hof vertraut zu werden. Umgekehrt erfahren die Bauern etwas über die Denkweise junger Leute, die aus der Stadt kommen. «Ich mag diesen Austausch», sagt Rudolf Meier, der einen Hof für Viehwirtschaft und Ackerbau betreibt. «Es nimmt mich Wunder, was die jungen Leute denken.»

Lilly gefällt der Umgang mit den Tieren. «Ich kenne zwar Hunde und Katzen», sagt sie, «aber mit Kühen, Hasen und Hühnern hatte ich noch nie zu tun gehabt.» Jetzt ist das erste, das sie am Morgen nach dem Aufstehen um 6.50 Uhr tut, die Hasen zu füttern und das Wasser aufzufüllen. Das frühe Aufstehen während den Schulferien sei schon etwas ungewohnt. Andererseits könne sie sich auch gleich wieder auf den Schulanfang am 19. August vorbereiten. Dann beginnt für Lilly mit dem Eintritt ins Gymnasium ein neuer Ausbildungsabschnitt. Beruflich hat sie sich noch nicht festgelegt, möchte aber beim Militär weitermachen, wo sie kürzlich einen einwöchigen Sanitätskurs absolviert hat. «Das hat mir sehr gefallen, ich habe gute Vorbilder gefunden.»

Mit wenig Gepäck ins Zürcher Unterland gereist

Lilly war schon im alter von 12 Jahren einen Monat lang ohne Eltern in Amsterdam. «Ich bin es gewohnt, bei fremden Leuten zu wohnen», erklärt sie. «Heimweh kenne ich nicht.» Für den Aufenthalt in Niederhasli hat sie sich auf das Notwendigste beschränkt. «Ich habe ein paar Kleider eingepackt, Gummistiefel, Toilettensachen und Stifte.» Die angehende Gymischülerin schreibt Tagebuch und hält ihre Eindrücke auch in gemalten Bildern fest.

Natürlich hat sie auch Handy samt Ladekabel mitgenommen. «Ich kommuniziere nach Feierabend häufig mit meinen Freundinnen.» Ein bisschen vermisst sie diese schon. Aber schon bald reist die junge Frau wieder zurück in ihre Heimat. Als Erinnerung an ihre Zeit auf dem Bauernhof bei der Familie Meier, nimmt sie selber gemachten Himbeeressig mit. «Wir achten darauf, dass es immer etwas gibt, das wir gemeinsam selber hergestellt haben», sagt Vreni Meier.

Erstellt: 07.08.2019, 15:25 Uhr

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