Höri

Die Scham als ständiger Begleiter

Sergio Devecchi lebte bis zu seinem 17. Lebensjahr in einem Heim. Er wurde Sozialpädagoge und Heimleiter. Lange wusste niemand aus seinem Umfeld über seine Kindheit Bescheid. Zu gross waren die Angst und die Scham.Seinen Werdegang hat er jetzt in einem Buch verarbeitet.

Sergio Devecchi las in Höri aus seinem Buch vor und erzählte seine Lebensgeschichte vom Heimkind zum  Heimleiter.

Sergio Devecchi las in Höri aus seinem Buch vor und erzählte seine Lebensgeschichte vom Heimkind zum Heimleiter. Bild: Francisco Carrascosa

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In der Bibliothek Höri las Sergio Devecchi, 1947 in Lugano geboten, aus seinem Buch «Heimweh – Vom Heimkind zum Heimleiter». Zur Lesung eingeladen hatte der Verein Pro Höri, die Schul- und Gemeindebibliothek Höri sowie die Reformierte Kirche Bülach. Pfarrerin Béatrice Heller-Wessa hatte Devecchi angefragt, ohne sicher zu sein, wie er reagieren würde. Denn es war eine reformierte Kircheninstitution, die seine schwere Kindheit prägte. Umso erfreuter war sie, als der Buchautor zusagte. «Er hat im Buch nicht mit der Kirche abgerechnet», meinte sie. Dafür hat Devecchi seine Kinder-und seine Jugendzeit aufgearbeitet. «Es hat gut getan, das Buch zu schreiben. Es war ein therapeutischer Prozess», erklärte er.

Er kam als Säugling in ein streng fundamental-religiöses reformiertes Heim in Pura (TI). Als uneheliches Kind wurde er der Mutter weggenommen. Bis heute wisse er nicht, wieso er im Heim gelandet sei. Seine Mutter kam Devecchi höchst selten besuchen. Seine Suche nach seinem Vater blieb erfolglos. Also schuf er sich in seiner Fantasie selber einen. Mal hiess er Giovanni, mal Alberto aber die Heimleitung schimpfte, es wurde zum Tabuthema und bei dem Jungen entstand der Eindruck, dass ein Makel, etwas Schmutziges und Böses an ihm haften müsse.

Im Namen der Bibel bestraft

Diesen Makel bekamen die Heimkinder immer wieder zu spüren. Sie seien Früchte der Sünde und sie müssten lernen, in Armut zu leben. Die Heimleitung arbeitete nach dem Bibelspruch «Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn.»

Der Schlag auf den Kopf gehörte zum Alltag. Erst mit der Zeit realisierte Devecchi, dass das nicht stimmen kann. «Wie kann man Gott preisen und dann so handeln.» Die Sehnsucht der Heimbuben nach intakter Familie war übergross. «Durch das Schlüsselloch haben wir versucht, das Familienleben der Heimleiterfamilie zu erhaschen.» Dort sahen sie, wie die Heimleiterkinder von den Eltern in den Arm genommen wurden.

Das traumatisierendste Erlebnis aber hatte Devecchi mit elf. Er wurde in ein anderes Heim gebracht nach Zizers (GR), ohne Vorwarnung und ohne den Grund zu kennen. Dieses Verlassen werden von seinen Heimeltern hat tiefste Spuren hinterlassen. «Man vermisste, was man kannte, auch wenn es noch so schlecht war.»

Die rund 30 Besucher der Lesung waren tief beeindruckt und fast etwas erschlagen von den Erzählungen, wie eine Zuhörerin meinte. Man müsse das zuerst verdauen. Vielleicht kamen deshalb wenige Fragen.

Urvertrauen half

«Wie kann ein Kind trotzdem Lebensmut bekommen und nicht daran zerbrechen», fragte eine Besucherin. «Mich hat eine herzensgute Frau, die in Pura arbeitete, grossgezogen. Diese Tante Anneli hat mir offenbar als Säugling ein Urvertrauen vermittelt. Ich vermute, dass hat mir geholfen», war die Antwort von Devecchi. Ausserdem habe er immer versucht, das Negative von sich zu weisen. Bei einer weiteren Frage nach seinem Verhältnis zur Kirche meinte Devecchi: «Ich habe nie Hass oder Ablehnung gegenüber der Kirche empfunden. Ich bin immer nur Menschen begegnet.» Aber zur Frömmigkeit habe er ein gebrochenes Verhältnis.

Kurz vor seiner Pensionierung als Heimleiter outete sich Devecchi. Würden die Leute plötzlich seine Arbeit als Sozialpädagoge oder Heimleiter hinterfragen? Dies geschah nicht. Vielmehr begegneten ihm am nächsten Tag die Jugendlichen aus seinem Heim mit den Worten: «Huere krass, Herr Devecchi, sie sind ja eine vo ois.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 26.01.2018, 17:19 Uhr

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