Zürich/Bülach

«Die Schweiz ist KMU»

Der Bülacher Alt Stadtrat und Alt Kantonsrat Werner Scherrer wurde am Donnerstag zum Präsidenten des Kantonalen Gewerbeverbands (KGV) gewählt. Die 163-jährige Institution sieht er als wichtigen aber nicht eben wendigen Ozeandampfer. Investieren will er in die Kommunikation.

Seit 1995 sitzt Werner Scherrer aus Bülach im Vorstand des kantonalen Gewerbeverbands. Seit Donnerstag ist er dessen Präsident.

Seit 1995 sitzt Werner Scherrer aus Bülach im Vorstand des kantonalen Gewerbeverbands. Seit Donnerstag ist er dessen Präsident. Bild: Francisco Carrascosa

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Herr Scherrer, KGV war für mich immer ein Kürzel im Matheunterricht. Das hiess Kleinstes Gemeinsames Vielfaches. Was ist das KGV der 18 000 Betriebe, die dem Zürcher Gewerbeverband angeschlossen sind?
Werner Scherrer: Wir sind der einzige Allbranchenverband. Von der Philsophie her ist das Gemeinsame aber einfach zu definieren: Es sind alles Menschen, die ihren Job machen wollen – und die in ihrer Arbeit möglichst nicht behindert werden wollen.

Und dafür sorgt der Verband?
Nun, zumindest brauchen die Unternehmungen jemanden, der in der Politik ein Gewicht darstellt, um die Rahmenbedinungen für die wirtschaftliche Produktivität zu schaffen. Mit 18 000 Mitgliedern und einem grossen Netzwerk aus Unternehmern, Politikern und anderen Entscheidungsträgern sind wir das. Es wird zugehört, wenn der KGV etwas sagt – und diesen Einfluss wollen wir dafür einsezten, dass die Leute wissen, wo die Betriebe in der täglichen Arbeit auf Hindernisse treffen.

Aber wie konkret kann man da auf kantonaler Ebene überhaupt werden? Bei so unterschiedlichen Branchen und Betrieben?
Die Probleme sind sicher verschieden, aber gewisse Rahmen stellen alle KMUs gleichermassen vor Herausforderungen. Ob die Umweltauflagen für einen Malerbetrieb oder die Hygienevorschriften bei einem Restaurant – das sind alles Vorschriften, die mit viel Staatspersonal durchgesetzt und kontrolliert werden. Nur ist weder beim Wirten noch beim Malermeister die Kernaufgabe die Administration. Kontrollen sind sicher gut – aber wir müssen zusehen, dass der Aufwand, den die Unternehmer damit haben, nicht überbordet. Wir müssen uns stärker auf diejenigen Aspekte konzentrieren, die alle gleichermassen betreffen. Für das andere haben wir zwölf Bezirksgewerbeverbände und dann die 108 Ortvereine – abgesehen von den 68 Berufsverbänden.

Gut, das ist also die politische Aufgabe des KVG. In den Statuten ist aber auch die Rede von einem gesellschaftlichem Zweck. Worin besteht der?
Hier kommt der berühmte Spruch, dass die KMUs das Rückgrat der Gesellschaft darstellen. Nehmen Sie die Geisterdorf-Kampagne in Bassersdorf/Nürensdorf, im letzten Herbst, wo das Gewerbe die Fenster der Betriebe zugeklebt hatte, um zu zeigen was passiert, wenn das Gewerbe nicht mehr da wäre. Für mich ist ganz klar: Die Schweiz ist KMU, wir sind das Geflecht, ohne das es gar nicht geht – und damit die Leute ihren Job gut machen können, braucht es den Verband.

Stichwort Zukunft. Sie haben in den letzten Jahren in vielen öffentlichen Auftritten, auch als Vorsitzender des Bezirksgewerbeverbands, die Bedeutung der Lehrstellen herhorgehoben. Macht das Gewerbe da genug?
Absolut. Wir haben heute ein Überangebot. Vor 15 Jahren gab es die Situation, dass wir zu viele Jugendliche und zu wenige Lehrstellen hatten. Dann schickten wir Lehrstellenförderer los, schauten bei den Betrieben, dass sie mehr Lehrstellen anbieten. Übrigens auch das ein gesellschaftlicher Auftrag, dass unsere Jugend eine Chance hat, sich auszubilden. Man reagierte gut und innert drei-vier Jahren sind über 1000 Lehrstellen dazugekommen. Heute haben wir eher weniger Schulabgänger und entsprechend viele Lehrstellen, die man nicht besetzen kann. Damit ist unsere Aufgabe eher, genug Leute für Berufe zu gewinnen, die auf die Jugend nicht so sexy wirken.

Also quasi andere Branchen andere Sitten?
Klar, da bestehen riesige Unterschiede. Und hier ist ein wichtiger Punkt: Da ist auf der einen Seite das Image eines 163-jährigen Gewerbeverbands, der als traditionelle Institution grossen Einfluss hat. Auf der anderen Seite müssen wir aufpassen, dass uns nicht bei den neuen Berufsgruppen die Fälle davonschwimmen; wir brauchen diese Leute bei uns – und sie brauchen uns, denn wir haben das Neztwerk.

Welche neuen Berufsgruppen sind das?
Ich bin derzeit zum Beispiel in Kontakt mit der Kreativwirtschaft (im weiten Sinne Berufe und Tätigeiten in Kunst und Kultur, Anm. d. Red). Das sind Leute, die eigentlich nicht freiwillig von sich sagen: «Wir sind Gewerbler». Trotzdem müssen wir uns bemühen, sie ins Boot zu holen.

Und wohin steuert der neue Chef-Navigator des Bootes?
Konkretes Ziel ist, mit den Leuten aus denjenigen Branchen aktiv das Gespräch suchen, die wissen, wohin sie wollen und die von sich aus vorderhand kein grosses Interesse zeigen, von uns unterstützt zu werden.

Also die Kreativwirtschaft?
Auch, aber nicht nur. Wir wissen zum Beispiel, dass im kaufmännischen Bereich (KV) in den nächsten Jahren grosse Veränderungen auf uns zukommen werden. Und wir wissen bei der ICT, bei der Mediamatik, dass wir viele Leute brauchen, die wir nicht liefern können, weil wir in dieser Branche Abwanderung haben. Also werden Diskussionen zwischen diesen betroffenen Verbänden nötig sein, um Lösungen zu finden.

Der KGV will Leute zwischen den Branchen umverteilen?
Nein. Prinzipiell schauen da die Branchenverbände für sich. Als branchenübergreifender Verband ist es unsere Aufgabe, das Verbindende in die Dikussion einzubringen. Das geht nicht mit Befehlen, sondern mit einer Intensivierung der Gespräche.

Hat man in der Hektik der Wirtschaft überhaupt die Zeit für derlei Gespräche?
Wir müssen sie uns nehmen. In vielen Branchen lagern Betriebe Jobs aus; jede Auslagerung tut weh, weil die Wertschöpfung nicht hier bleibt. Ein weiterer Gesprächsbedarf ergibt sich bei den Schulen: Sie kommen immer wieder aufs Gewerbe zu mit der Forderung nach guten Lehrstellen für ihre Absolventen. Und aus denselben Schulgemeinden kommen dann Arbeitsvergaben, bei denen keine Sekunde lang überlegt worden ist, ob der Betrieb, der den Auftrag erhalten hat, auch Lehrlinge ausbildet. Wir haben so viele Ansprüche in unserer Gesellschaft, alle haben irgendeinen Wunsch. Jemand muss versuchen, das alles wenn schon nicht im Griff dann einigermassen im Auge zu behalten. Und hier möchte ich mich als Kommunikator in den Dienst der Sache stellen.

Werner Scherrer, auf der politischen Seite waren Sie im Gemeinderat und im Stadtrat und bis 2015 im Kantonsrat. Jetzt sind Sie KVG-Chef. Was ist das nächste politische Ziel?
Hier kann ich als Commitment abgeben: Ich habe keine politische Karriere mehr vor mir. Das können andere, die machen das gut. Mein Job als Präsident ist es, dass die Leute, die sich für uns engagieren wollen, Unterstützung bekommen – ich sehe das als eine strategische Aufgabe, ohne eigene Interessen. Und ich überzeugt, dass ich heute mehr zur Verbesserung der KMU-Rahmenbedingungen beitragen kann, als vorher vom Kantonsrat aus. Im Parlament ist man Partei, ist an eine Fraktion gebunden; als Gewerbler ist man primär Gewerbler

Erstellt: 12.05.2017, 17:00 Uhr

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