Bachenbülach

Ein Deal und drei schnelle Trinker

Zwölf Wochen erst sind vergangen, seit die Bachenbülacher Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig zum dritten Mal Mutter geworden ist. Nun bestreitet sie wieder ihren ersten Wettkampf.

Zurück im Trainings- und Wettkampfbetrieb: Nicola Spirig (37) zwischen Schwimm- und Veloeinsatz im Engadin. Am kommenden Samstag tritt sie in der Triathlon-WM-Serie in Hamburg im Einzelrennen an, tags darauf am selben Ort zum Mixed-Staffel-Rennen.

Zurück im Trainings- und Wettkampfbetrieb: Nicola Spirig (37) zwischen Schwimm- und Veloeinsatz im Engadin. Am kommenden Samstag tritt sie in der Triathlon-WM-Serie in Hamburg im Einzelrennen an, tags darauf am selben Ort zum Mixed-Staffel-Rennen. Bild: Daniel Martinek

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Nicola Spirig hat eine Abmachung mit ihrem Trainer. Der Deal ist, dass Brett Sutton der Olympiasiegerin von 2012 und Silbergewinnerin von 2016 sagt, wenn sie nicht mehr schneller werden kann. Ehrlich und schonungslos, so, wie er eben auch sonst ist. Dass er ihr sagt, wenn sie das beste Rennen hinter sich hat. Die Konsequenz wäre einfach: Sie würde wohl zurücktreten. Weil Sutton bisher aber nichts in diese Richtung gesagt hat, steht die 37-Jährige einmal mehr vor einem Comeback: Am Wochenende versucht Spirig, in Hamburg mit dem Schweizer Team zu weiteren Punkten zu kommen, die auf dem Weg an die Olympischen Spiele in Tokio im nächsten Jahr entscheidend sein könnten. Es wären ihre fünften Spiele. Und weil sie gerade in der Stadt ist, bestreitet sie am Samstag auch das Einzelrennen.

Drei Monate ist es erst her, seit Spirig zum dritten Mal Mutter geworden ist, und noch ein bisschen weniger, seit sie zusammen mit ihrem Ehemann Reto Hug entschieden hat, dass sich auch diese neue Situation mit ihrer Sportkarriere und dem wohl letzten grossen Ziel vereinbaren lässt. Am Wochenende ist sie aus dem Engadin zurückgekehrt, erstmals absolvierte sie in St. Moritz ein Höhentrainingslager ohne ihre ganze Familie. Mit dabei war in den knapp vier Wochen einzig das Neugeborene, das sie stillt und das deshalb auch den Tagesrhythmus vorgegeben hat. Die anderen beiden Kinder und der Vater sind im Zürcher Unterland geblieben, da der Ältere dort in den Kindergarten geht.

Eine Nanny betreut das Kind

«Für mich war klar, dass ich beim Neuanfang unbedingt mit der Gruppe in der Höhe trainieren muss», sagt sie, deshalb hätten sie sich für diese Lösung entschieden. Eine Nanny hat sich während ihrer Trainings um das Kleinkind gekümmert, an den Wochenenden hat sich die ganze Familie entweder da oder dort getroffen. Nach dieser ersten Phase, in der sie sich bereits wieder auf drei Einheiten pro Tag steigerte, sagt sie: «Ich habe schnell festgestellt, dass der Körper gut auf das Training reagiert, und bin froh, dass er wieder mir gehört.» Das sei während der Schwangerschaft nicht so gewesen. «Da war ich für jemanden verantwortlich, dessen Bedürfnisse immer Vorrang hatten. Da blieb ich im Training immer zwei, drei Stufen unterhalb dessen, was ein Risiko bedeutet hätte.» Wenn sie jetzt zu intensiv trainiere, trage sie nur Verantwortung für sich selber.

Und mehr denn je staunt sie. Über ihren Körper, über dessen Wandlungsfähigkeit, über dessen Funktionstüchtigkeit, sie sagt: «Ich habe höchsten Respekt davor, denn er erfüllt derzeit ja zwei Aufgaben, die beide sehr energieintensiv sind.» Sie spricht vom Morgentraining und dass sie Alexis zehn Minuten danach stillt. Sie spricht vom Hunger des Babys im Drei-Stunden-Rhythmus und den Trainings dazwischen. «Dass dies alles funktioniert, erstaunt mich schon.» Das habe aber wohl auch mit Glück zu tun, sagt sie und lacht. «Unsere Kinder waren alle schnelle Trinker, sodass noch Zeit fürs Training bleibt. Nicht alle Frauen könnten das.» Noch ist Spirig nicht beim Wettkampfgewicht angelangt, das strebt sie vorerst auch nicht an. Die Erfahrung hat ihr gezeigt, dass ein wenig Reserve in einer solch Zeit guttut.

Nicht alles ist planbar

Nicola Spirig trainiert stundenmässig längst nicht mehr so viel wie beispielsweise noch vor den Olympischen Spielen in London. Sie profitiere von der Basis, die sie in vielen Jahren aufgebaut habe. «Dafür bin ich älter und muss nun mehr tun für die Schnelligkeit und die Kraft», sagt sie. Das Zeitmanagement sei schwieriger geworden, «ich muss Prioritäten setzen und sehr flexibel sein, aber manchmal ist auch dann nicht alles planbar». Im Laufe der Jahre und mit der Geburt des ersten Kindes hat sich ihre Einstellung gegenüber dem Training jedoch markant verändert. «Seither studiere ich nicht mehr an schlechten Einheiten herum, da bin ich viel lockerer geworden.» Am Wochenende bestreitet Spirig zwei Wettkämpfe auf WM-Serie-Stufe, vor kurzem erst hat sie ihr Comeback lanciert: mit Spaziergängen. Sie hat gegen die Müdigkeit gekämpft, aber dank ausgeprägtem Körpergefühl, wie es sich wohl nur Spitzenathleten aneignen können, hat sie sich behutsam von Tag zu Tag gesteigert. Das Schwimmen war nach der Pause nie ein Problem, mit dem Velo war sie bald wieder unterwegs, nur der «extreme Muskelkater» nach den ersten Läufen verlangte Rücksicht. «Aber der Körper passt sich sehr schnell wieder an», sagt Spirig.

Sie hat ihre Vorbereitung nicht nur wegen der Höhe, sondern vor allem wegen der internationalen Trainingsgruppe ins Engadin verlegt. Mit der Chilenin Barbara Riveros, der Weltmeisterin von 2011 und Vierten von Rio, sowie der Australierin Kelly Ann Perkins hat sie zwei alte Weggefährtinnen um sich. Versammelten sich die Triathleten jeweils morgens um sieben zum Schwimmtraining, war das ein bisschen wie bei den kenianischen Läufern. «Insgesamt sind es jeweils etwa 35 Leute, davon 25 Profi-Athleten», sagt Spirig und gerät ins Schwärmen. Ein solches Umfeld finde man sonst nur im Ausland. Zudem: Mit der 23-jährigen Zürcherin Julie Derron gehört auch die U-23-Europameisterin zur Gruppe. Mit ihr bestreitet Spirig am Sonntag den Team-Event.

Die Philosophie des Trainers

Trainiert wird nach individualisierten Plänen von Trainer Sutton, die Gruppen wechseln ständig. So kann es auch sein, dass Spirig einigen Männern zugeteilt wird, die sie bis zur Höchstleistung fordern. Die Philosophie Suttons ist einfach: Seine Athletinnen und Athleten sollen sich in den Trainings pushen und unterstützen, und für die Wettkämpfe – da erteile er Ratschläge, sagt Spirig und lacht. «Er erklärt dann jedem, wie er die anderen schlagen kann.»

Zehn Monate nach ihrem letzten Wettkampf zieht Spirig wieder eine Startnummer an. Kein regionaler Lauf vorher, kein lokales Radrennen, nichts. «Das ist tatsächlich suboptimal», findet sie, zumal sie sich möglichst schnell im Einzel für Olympia qualifizieren möchte – am besten schon im August in Lausanne. «Ich habe immer noch Erwartungen an mich, obwohl ja alles Zugabe ist», sagt sie und tönt ein wenig, als ob sie sich selber wundert. Sie müsse nichts mehr, sie dürfe einfach noch. Alle ihre Wünsche seien in Erfüllung gegangen, «wir haben drei Kinder, was das Wichtigste ist, ich habe zwei Olympiamedaillen und sechs EM-Titel, es ist eine Wahnsinnskarriere». Aber da ist ja noch der Deal mit dem Trainer. Noch hat er nicht abgewinkt.

Erstellt: 02.07.2019, 21:40 Uhr

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