Dielsdorf

Ein Fusskick mit schweren Folgen

Ein 20-Jähriger muss sich für eine folgenschwere Kickbox-Einlage am Bahnhof Dielsdorf verantworten. Auf dem Perron hatte er einen 50-Jährigen halb totgeschlagen.

Auf dem Perron in Dielsdorf kam es im Mai 2016 zum Streit, der für einen 50-Jährigen im Spital und einen 20-Jährigen in Haft endete.  Foto: Francisco Carrascosa

Auf dem Perron in Dielsdorf kam es im Mai 2016 zum Streit, der für einen 50-Jährigen im Spital und einen 20-Jährigen in Haft endete. Foto: Francisco Carrascosa

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Er ist gross und von sportlicher Statur, aber er macht einen gebrochenen Eindruck. Die Haft setzt dem Beschuldigten offensichtlich arg zu, psychisch wie auch körperlich. Im Gefängnis von Pfäffikon hatte der junge Türke, der im nächsten Monat 22 Jahre alt wird, einen Polizisten geschlagen. Nun muss der gelegentlich als Sicherheitsmann jobbende Lehrabbrecher in der Regensdorfer Pöschwies dafür in Einzelhaft schmoren. Es gehe ihm nicht gut, er sei Veganer und bekomme kein entsprechendes Essen, nicht einmal Brot.

Gestern Mittwochmorgen stand er zur Hauptverhandlung seiner eigentlichen Tat vor dem Bezirksgericht in Dielsdorf. Zwei Anträge zur Begutachtung des angeblich verwirrten Beschuldigten, wie die Verteidigerin meinte, sowie um Verschiebung der Verhandlung wurden vom Gericht abgeleht. «Ich bin voll da», meinte der Angesprochene selber und offenbarte, dass er seine Pflichtverteidigerin ablehne. «Es ist kein Vertrauensverhältnis da. Sie will auf Freispruch plädieren. Aber da habe ich ja eh keine Chance.» Er könne ja selber Anträge stellen und sagen, was er meine, befand das Gericht. Und so wurde weiterverhandelt.

Nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Gericht entfernt, hatte der Beschuldigte im Mai 2016 zum folgenschweren Fusskick gegen den Kopf eines vor ihm stehenden Mannes ausgeholt. «Ich wollte ihn garantiert nicht umbringen», versicherte der Türke der Richterin, welche die Verhandlung führte und schob nach, «ich war nicht bei mir». Das Problem ist nur, dass er das schon öfters nicht war. Denn da sass ein Wiederholungstäter, zweimal Vorbestraft wegen Raub, Drogen, Gewaltdelikten.

Sturz vom Spitalschragen als zusätzliche Belastung

Dem geständigen Angreifer wird vorgeworfen auf dem Perron des Bahnhofs Dielsdorf einen 50-jährigen Schweizer mit ausländischen Wurzeln halb tot geschlagen zu haben. Dieser trug einen Schädelbruch, Unterblutungen von harter und weicher Hirnhaut sowie eine Fraktur des Schildknorpels am Kehlkopf davon. Etwa drei Minuten lag das Opfer bewusslos am Boden, überlebte aber schwer verletzt. Während der Vorbereitungen für einen Untersuch im Spital Bülach stürzte der Schwerverletzte wegen eines epileptischen Anfalls dann auch noch aus etwa einem Meter Höhe vom Schragen. Es habe Lebensgefahr bestanden, war vor Gericht zu hören. Zum Streit war es gekommen als sich an jenem Maiabend 2016 beim Aussteigen aus der S-Bahn in Dielsdorf die Tasche des späteren Opfers im Handlauf der Treppe verhedderte. «Ich bin dann in ihn hineingelaufen», erzählte der junge Türke, der direkt hinter dem Fluchenden ausstieg. Auf dem Perron draussen eskalierte der Streit und man schubste sich herum. Der Beschuldigte sei wiederholt lautstark beschimpft worden.

Dennoch wollte der Jüngere der beiden die Hand zum Frieden reichen, sei aber nachgewiesenermassen rüde zurückgewiesen worden, was Frust in ihm auslöste. Zudem habe das spätere Opfer seinem Kontrahenden – je nach Quelle – gedroht, er bringe ihn um. Überhaupt hatten mehrere Zeugen der Polizei den älteren Mann als deutlich aggressiver beschrieben, während der vorbestrafte, jüngere Beteiligte vergleichsweise ruhig geblieben sei.

«Brauche therapeutische Arbeit an mir»

Er habe damals eine gebrochene Hand gehabt und habe keinen Streit gesucht, sagte der Beschuldigte vor Gericht. Dass er sich dennoch zu einem Fusskick gegen den Kopf hinreissen liess, sei «Scheisse gelaufen». Er habe sich bedrängt gefühlt, der «Alte» wie er ihn zwischendurch auch nannte, habe ihn nicht vorbeigelassen und gegen die Gleiskante gedrängt. «Ich hatte Angst.» Dann habe der andere Mann seinen Sohn anrufen wollen, der offenbar herbeikommen und ihn beseitigen sollte. Ob der 50-jährige wirklich von «umbringen» sprach, war an der Verhandlung gestern umstritten. Jedenfalls klaubte der Ältere gerade sein Telefon hervor, als der 20-Jährige zuschlug und voll traf.

Die Staatsanwältin plädierte auf «versuchte vorsätzliche Tötung». Sie fordert nun eine Gefängnisstrafe von 6 Jahren und eine unbedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 30 Franken. Zudem eine ambulante therapeutische Massnahme. Ganz anders die verschmähte Verteidigerin; sie plädierte auf Freispruch. Es sei gar nicht erwiesen, dass all die Verletzungen von jenem Kick herrührten. Zudem gebe es zu viele «Widersprüche und Unmöglichkeiten» in der Anklage.

Das Urteil wird heute eröffnet. Der Beschuldigte wünschte sich gestern zum Schluss nichts sehnlicher, als nach Rheinau in die dortige Anstalt verlegt zu werden. «Auch wenn Sie mich freisprechen, würde ich freiwillig dort hingehen. Ich brauche therapeutische Arbeit an mir.»

Erstellt: 17.01.2018, 19:27 Uhr

NOCH KEIN URTEIL ERÖFFNET

Der 22-jährige Schläger, der sich am Mittwoch vor Bezirksgericht Dielsdorf wegen versuchter vorsätzlicher Tötung verantworten musste, ist am Donnerstag nicht zur Urteilseröffnung erschienen. Das Gericht stellt ihm das Verdikt nun schriftlich zu, bevor das Urteil veröffentlicht wird.

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