Buchs

«Ein jüdisches Fest ohne Essen gibts nicht»

In der Vorweihnachtszeit ziehen viele Menschen am Adventsmarkt von Stand zu Stand, suchen in den Geschäften nach Geschenken oder stellen daheim schon den Christbaum auf. Die Juden feiern derweil das achttägige Chanukka-Fest.

Jonathan Kreutner zündet die 
Kerzen der Chanukkia – so wird der achtarmige Leuchter genannt – an. Er feiert mit seiner Frau Nicole  Dreyfus, die Tochter Dana auf dem Arm hat, in der Buchser Wohnung von Cousin Stefan Dreyfus (links). Orli und Muki Samberg sind aus  Israel zu Besuch.

Jonathan Kreutner zündet die Kerzen der Chanukkia – so wird der achtarmige Leuchter genannt – an. Er feiert mit seiner Frau Nicole Dreyfus, die Tochter Dana auf dem Arm hat, in der Buchser Wohnung von Cousin Stefan Dreyfus (links). Orli und Muki Samberg sind aus Israel zu Besuch. Bild: Sibylle Meier

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Stefan Dreyfus wohnt seit wenigen Monaten als Wochenaufenthalter in Buchs. Zugezogen ist er wegen des Jobs bei einer lokalen Firma. Ursprünglich stammt er aus Solothurn. Vergangenen Mittwoch hat er Verwandte eingeladen, um den vierten Abend von Chanukka (siehe Kasten) zu feiern. «Dieses Fest heisst für mich, acht feierliche Abende mit der Familie zu verbringen.» Seine Cousine Nicole Dreyfus ist mit Tochter Dana sowie ihrem Mann Jonathan Kreutner gekommen.

Dieser arbeitet als Generalsekretär beim Schweizerisch Israelitischen Gemeindebund (SIG), dem Dachverband der Schweizer Juden. «Es ist eine politische Organisation, die eine religiöse Gemeinschaft vertritt», erklärt er. Mit von der Partie sind auch die Cousine von Jonathan Kreutner, Orli Samberg, sowie ihr Mann Muki Samberg. Das Ehepaar lebt in Israel und ist in der Schweiz in den Ferien. Dass sich die Familie in einem solchen Rahmen trifft, um gemeinsam den Abend zu verbringen, gehört zu Chanukka – genauso wie die Kerzen.

Ein Lied zum Chanukka-Fest (Quelle: Youtube)

Die Gruppe versammelt sich um den Tisch, auf dem der Leuchter, die Chanukkia, aufgestellt ist. Jonathan Kreutner zündet zuerst die mittlere Kerze (Diener) an, um damit die anderen vier Kerzen – es ist der vierte Tag von Chanukka – anzuzünden. Er hält ein Gebetsbuch in den Händen und spricht die Segenssprüche auf Hebräisch. Dann stimmen alle gemeinsam das Lied «Maos Zur» an. So will es die Tradition.

Traditonell aber nicht religiös

Wer kürzlich im Kino war und «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» geschaut hat, hat wohl ein komplett anderes Bild von den jüdischen Mitmenschen, als das, was sich an diesem Abend in der Unterländer Wohnung abspielt. Der Film handelt von einem jungen Zürcher Juden, der aus einer orthodoxen Familie stammt. «Die Vielfalt der Juden in der Schweiz ist gross. Sie reicht von Ultraorthodoxen bis zu Atheisten», erklärt Jonathan Kreutner, der vor allem auch durch seine Arbeit viele Einblicke in die Bandbreite des jüdischen Lebens in der Schweiz erhält.

Ein atheistischer Jude, wie kann denn das sein? Ein wichtiger Aspekt des Judentums ist eben gerade, dass es sich dabei nicht nur um eine Religion, sondern auch um eine Kultur, eine Gemeinschaft und eine Volkszugehörigkeit handelt. So bezeichnen sich alle Anwesenden als «traditionelle aber nicht religiöse Juden». Will heissen, sie definieren sich zwar stark über die jüdische Kultur, leben aber nicht nach dem orthodoxen Ritus. Bräuche wie Chanukka haben trotzdem einen hohen Stellenwert und werden entsprechend gefeiert.

«Chanukka heisst für mich, acht feierliche Abende mit der Famile zu verbringen.»

Stefan Dreyfus

Diese Sichtweise auf das Judentum zeigt sich an der Feier in Buchs auch im Umgang der Männer mit der Kippa, der typisch jüdischen Kopfbedeckung: Während die Kerzen angezündet und die Lieder gesungen werden, tragen sie diese völlig selbstverständlich – in ihrem Alltag tun sie das aber nie. «Einen Segen sprechen ohne Kippa, geht für mich nicht. Das gehört einfach dazu», sagt Jonathan Kreutner.

Es kommt auch zur Verschmelzung der jüdischen und der schweizerischen Kultur. Schliesslich sind alle – abgesehen von den Gästen aus Israel – hier geboren und sozialisiert. «Vor ein paar Jahren habe ich für meinen Mann einen Chanukka-Kalender gebastelt. Darin waren, anders als im Adventskalender, aber nur acht Geschenke», erzählt Nicole Dreyfus. In den USA kenne man auch den Begriff «Weihnukka» dafür, wenn die beiden Feiertag miteinander kombiniert werden. «In der Schweiz hat sich das aber kaum verbreitet», sagt sie.

«Und jetzt essen wir»

Nach dem offiziellen Teil, dem Anzünden der Chanukkia, wird gegessen. Kartoffeln aus dem Ofen, Maisgratin, Apfelmus, Datteln und Berliner stehen bereit. Neben diesen traditionellen Speisen gibt es auch Mandarinen und Prussiens mit Zimtgeschmack. Die Atmosphäre ist entspannt, man plaudert – wahlweise auf Schweizerdeutsch, Englisch oder Hebräisch.

«Ein jüdisches Fest ohne Essen, das gibt es nicht», sagt Jonathan Kreutner. «Es gibt einen Witz darüber, wie man jüdische Feiertage am einfachsten zusammenfasst: Man hat uns verfolgt, irgendwie sind wir entkommen und jetzt essen wir». Gesagt, getan. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 07.12.2018, 16:45 Uhr

Fettige Speisen wie Berliner erinnern an das Ölwunder, den Ursprung von Chanukka. Während des Segenspruchs tragen die Männer eine Kippa, die typisch jüdische Kopfbedeckung. (Bild: Sibylle Meier)

Infobox

Chanukka ist das achttägige Lichterfest, das am 25. Tag des Monats Kislew (jüdischer Kalender) beginnt. Die Länge des Monats ist schwankend, da es sich um einen Lunisolarkalender handelt. Im gregorianischen Kalender fällt Kislew auf die Zeit zwischen November und Dezember. Heuer begann Chanukka am Sonntag, 2. Dezember und endet acht Tage später am Montag, 10. Dezember.

Das Fest geht zurück auf die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597, also 164 v.Chr. Im Talmund, einer der wichtigsten Schriften des Judentums, wird beschrieben, wie die Griechen in den Tempel der Juden eindrangen und diesen entweihten. Die jüdischen Makkabäer schafften es schliesslich, die Griechen, die gegen den Monotheismus der Juden waren, zu besiegen. Als die Makkabäer danach im Tempel Öl, das zum Entfachen der Menora – der siebenarmige Leuchter, ein wichtiges religöses Symbol im Judentum – benötigt wird, fanden sie lediglich noch einen kleinen Krug voll. Dieser hätte eigentlich nur dafür gereicht, die Menora für einen Tag brennen zu lassen. Doch wie durch ein Wunder brannte sie mit dem wenigen Öl acht Tage lang.

So symbolisieren heute die acht Arme der Chanukkia (siehe Bild oben), die optisch der Menora sehr ähnlich ist, dieses achttägige Wunder. An jedem Tag von Chanukka wird eine Kerze mit dem Diener, so wird die neunte Kerze in der Mitte genannt, angezündet. Die Kerzen dürfen nicht ausgelöscht werden, sondern brennen jeden Abend ganz hinunter, sodass jeden Tag neue Kerzen verwendet werden. Die brennende Chanukkia sollte von draussen sichtbar sein, um das Wunder von Chanukka öffentlich zu präsentieren. Das Anzünden findet direkt nach Einbruch der Dunkelheit statt. Währenddessen oder auch danach werden das «Maos Zur» und andere Chanukka-Lieder gesungen. Anschliessend wird gegessen. Auf dem Menu stehen vor allem fettige Speisen, die an das Ölwunder erinnern, zum Beispiel Kartoffelpuffer (Lattkes) oder Sufganiyah (Berliner).

Chanukka ist ein fröhliches Fest, an dem Familien und Freunde einander am Abend besuchen und die Zeit gemeinsam verbringen. Bei einigen ist es üblich, sich gegenseitig – oder zumindest die Kinder – zu beschenken. Bei vielen gehört auch das Spiel mit dem Dreidel zum Lichterfest. Dieser Kreisel trägt die Inschrift «Ein grosses Wunder geschah dort». krb

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