Embrach

Ein Leben geprägt vom Flamenco

Leonor und Marcos López unterrichten im Industrieviertel von Embrach Flamenco und spanische Volkstänze. Die ehemaligen Kinderstars bilden Tänzerinnen von internationalem Format aus.

Die Geschwister López tanzen seit über dreissig Jahren zusammen Flamenco.

Die Geschwister López tanzen seit über dreissig Jahren zusammen Flamenco. Bild: Sibylle Meier

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Es gibt Menschen, die sind nicht einfach nur gut in dem, was sie tun, oder leidenschaftlich. Sie sind nicht einfach nur talentiert, sondern sie sind auch in der Lage, ihre Fähigkeiten an andere weiterzugeben. Leonor und Marcos López aus Bülach sind solche Berufene. Die Geschwister haben sich durch und durch dem Tanz verschrieben, seit ihrer Kindheit leben sie den Flamenco und die Danzas Españolas, die spanischen Volkstänze.

Ihre Tanzschule ist die einzige in der Schweiz, die es ermöglicht, eine Ausbildung zum Profi in diesen Tanzstilen zu absolvieren. Dafür fliegen sie jeweils Expertinnen und Experten aus Madrid ein, die das Beherrschen der Tänze streng prüfen und eine abgeschlossene Ausbildung auf spanischem Niveau bezeugen.

Die Schwester wollte, der Bruder musste mit

In knapp zwei Wochen feiern Leonor und Marcos López das zwanzigjährige Bestehen ihres Tanzcenters in Embrach. «Begonnen hat eigentlich alles mit den spanischen Vereinen», erzählt Leonor López. In diesen Vereinen trafen sich aus Spanien Ausgewanderte, um nicht nur die Beziehungen untereinander zu pflegen, sondern auch um einen Ort und eine Gesellschaft zu haben, um die spanische Kultur leben zu können.

«Eines Tages – ich war etwa vier Jahre alt – trat während eines solchen Treffens eine Flamencotänzerin auf. Ich war begeistert», führt sie weiter aus. Sie war so fasziniert davon, dass sie sich auch so bewegen können wollte wie diese stolze Tänzerin. «Meine Eltern hatten beide mit Tanzen nichts am Hut, aber sie merkten, dass es mir ernst war.»

Die Eltern handelten pragmatisch. Am einfachsten wäre es doch, so die Überlegung, wenn die kleine Leonor mit ihrem vier Jahre älteren Bruder in den Flamencounterricht gehen könnte. «Also wurde ich kurzerhand dazu verdonnert», erinnert sich Marcos López mit einem Grinsen daran zurück. «Die ersten drei bis vier Jahre bin ich einfach mitgegangen. Aber danach hat es mich richtig gepackt. Tanzen ist Emotion, die man sehr direkt und auf vielfältige Weise ausdrücken kann. Und der Flamenco ist ein sehr leidenschaftlicher, persönlicher Tanz, bei dem man sich verlieren und alles um sich herum vergessen kann.»

Frühe Erfolge und grosse Auftritte

Die Eltern merkten schnell, dass das Hobby ihrer Kinder mit grossem Aufwand verbunden war. Denn viele Möglichkeiten, um Flamenco zu erlernen, gab es nicht. So fuhren sie die Geschwister jeweils fast 90 Kilometer nach Arbon ins Training und wieder zurück. Zuerst einmal pro Woche, später zweimal, dann sogar drei- bis viermal. Dafür feierten die «Hermanos López» – die Geschwister López – früh Erfolge.

1985 traten sie fünf- und neunjährig im Schweizer Fernsehen auf und wurden schnell bekannt. Sie standen mit internationalen Grössen wie Bonnie Tyler, Richard Clayderman oder auch Pepe Lienhard auf der Bühne. An der Mustermesse Basel (Muba) vertraten sie 1988 mit ihren Tänzen Spanien. Und nur wenige Jahre später holten sie beim internationalen Tanzwettbewerb des Nachwuchses in Deutschland den ersten Platz, sowohl bei der Jury- als auch bei der Publikumsbewertung.

Schon als Kinder standen die Geschwister in der Öffentlichkeit, hier 1987 an der Mustermesse in Basel.

«Das alles hat uns viele Fertigkeiten gelernt», sagt Marcos López. Es habe aber natürlich auch massgeblich ihre Kindheit und Jugend geprägt. «Weil man in der Schweiz keine richtige Flamenco-Ausbildung absolvieren konnte, verbrachten wir jeden Monat viel Zeit in Spanien, um dort ausgebildet zu werden. Dafür ging eigentlich unser ganzer Lohn während der Lehre drauf. Und falls wir mal nicht nach Spanien reisen konnten, mussten wir wir eine Lehrerin einfliegen lassen, die uns hier unterrichtet hat.» Obwohl sie früh Erfolge gefeiert hätten, sei es wichtig gewesen, eine Lehre zu machen, betonen die beiden. Sie machte das KV, er wurde Audio-Video-Elektroniker. «Wir arbeiten mit unseren Körpern. Man weiss nie, was passiert und wie viel Erfolg man wirklich hat. Es ist immer gut, ein zweites Standbein zu haben.»

Start der Schule war turbulent

Im September 1999 – die Schwester war 19, der Bruder 23 Jahre alt – gründen die beiden schliesslich ihr Tanzcenter Hermanos López in Embrach. «Die Anfangszeit war sehr turbulent», sagt die Bülacherin. Kurz vor der Eröffnung teilte ihnen der damalige Vermieter mit, dass er das Stockwerk, auf dem sich die Tanzschule befinden sollte, neu vermieten werde. Bevor nur ein einziger Schritt getanzt wurde, mussten die Geschwister schon schnellstens neue Räumlichkeiten für ihr Projekt finden.

So wurde die Schule schliesslich im Embracher Industriegebiet eröffnet. «Am Anfang hatten wir 13 Schülerinnen und Schüler», erinnert sich die Tänzerin. Inzwischen sind es über 100. Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis sowohl Leonor als auch Marcos López den Schritt wagten und sich auch beruflich nur auf die Tanzschule konzentrierten.

Obwohl die beiden inzwischen seit über drei Jahrzehnten zusammen tanzen, gingen sie sich noch nicht auf die Nerven. «Wir verbringen sechs Tage pro Woche zusammen, natürlich gibt es da auch mal Reibereien. Aber wir haben es immer noch sehr gut zusammen», sagt die Schwester. Beide sind in einer Beziehung, haben aber keine Kinder. «Einen Ausgleich zu unserem Beruf brauchen wir eigentlich nicht», sagt der Bruder. «Die Arbeit und die Tanzschule sind eine Oase für uns.» Aber ja, manchmal – er traut es sich kaum zu sagen – spiele er ganz gerne an der Spielkonsole. Abgesehen davon teilen die Geschwister aber auch viele ihrer Hobbies, gehen etwa zusammen ins Theater oder besuchen Konzerte.

«Freude kommt auf, wenn man sich verbessert»

Die Hermanos López geben zwar auch Tanzkurse für Amateure und für Menschen, die einfach Spass am Tanzen haben. Sie bilden aber auch Profis aus. Die Klasse, die dieses Jahr abgeschlossen hat, war elf Jahre in der Ausbildung. Die Zöglinge der Hermanos López können mit den internationalen Tanzschulen mithalten. Dieses Jahr nahmen gleich drei verschiedene Formationen am internationalen Flamenco-Tanzwettbewerb im andalusischen Jerez de la Frontera teil – und holten dabei zwei erste und einen dritten Platz.

Inzwischen arbeiten die Geschwister auch mit der Sports Academy Zürich zusammen. Das Ziel ist, dass diejenigen, die eine professionelle Tanzausbildung machen, daneben auch noch das KV absolvieren können. «Wir wollten eine solche Ausbildung in der Schweiz möglich machen, weil es so etwas zu unserer Zeit nicht gab», erklärt Marcos López.

Gefragt nach ihrem Erfolg, sind beide überzeugt, dass sie eigentlich nicht wirklich das Rad neu erfunden haben. «Wir sind nicht innovativ. Aber wir setzen den Massstab so an, wie wir es im Tanzkonservatorium selbst erlebt haben. Tanzen soll Freude machen, aber Freude kommt auch auf, wenn man sich verbessert.»

Getanzt wird im Stadtheater Schaffhausen

Am 28. September haben die Geschwister für ihr 20-jähriges Bestehen eine besondere Aufführung geplant: Im Stadttheater Schaffhausen werden sie zweimal eine grosse Tanzshow zeigen, an welcher über 100 Tänzerinnen und Tänzer teilnehmen werden. Durch die Show führen wird Moderatorin Jeannette Eggenschwiler. «Wir freuen uns darauf, dass an der Show alle unsere Schülerinnen und Schüler und auch Ehemalige gemeinsam auf der Bühne stehen werden. Die Anfänger werden gemeinsam mit den Profis tanzen, die Jungen mit den Älteren», sagt Leonor López. Und natürlich werden auch die eigentlichen Hermanos López ein kleines Stück tanzen.

Die Tanzshow zum 20-jährigen Bestehen findet im Stadttheater Schaffhausen statt. Die erste Aufführung beginnt um 15.30 Uhr, die zweite um 19 Uhr. Tickets unter www.stadttheater-sh.ch.

Erstellt: 17.09.2019, 13:15 Uhr

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