Regensdorf

«Ein leeres Bett im Pflegeheim verursacht Kosten von 9000 Franken pro Monat»

Im Kanton Zürich sind seit 2011 die Gemeinden für die Pflegeversorgung ihrer Einwohnerinnen und Einwohner zuständig. Das verschlingt immer mehr Steuergelder. 61 Zürcher Gemeinden haben nun eine Gesundheitskonferenz gegründet. Initiant ist der Regensdorfer Gemeindepräsident Max Walter.

Max Walter, Gemeindepräsident von Regensdorf, will die ambulante Betreuung von pflegebedürftigen Personen konsequent fördern und so die steigenden Kosten in der Langzeitpflege dämpfen.

Max Walter, Gemeindepräsident von Regensdorf, will die ambulante Betreuung von pflegebedürftigen Personen konsequent fördern und so die steigenden Kosten in der Langzeitpflege dämpfen. Bild: Sibylle Meier

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Max Walter: Sie wehren sich als Regensdorfer Gemeindepräsident vehement gegen neue Pflegeheime in ihrer Gemeinde. Warum?

Wir haben im Bezirk genügend Betten in der Langzeitpflege. Das belegt eine Studie. Wenn nun mehr private Pflegeheime eröffnen, bedeutet das leere Betten in den öffentlichen Einrichtungen. Für diese heisst das: Die Kosten bleiben hoch, aber die Einnahmen fehlen.

Können Sie die Kosten für leere Betten in einer Pflegeeinrichtung beziffern?

Ich kann ein Bespiel nennen: Im Hitzesommer 2018 gab es im Gesundheitszentrum Dielsdorf mehr Todesfälle als üblich, was plötzlich zu leeren Betten führte. Dieses Ereignis alleine verschlechterte das Ergebnis in diesem Jahr um satte 750 000 Franken. Vereinfacht gesagt: Ein leeres Pflegeheimbett verursacht Kosten von rund 9000 Franken pro Monat. Das bezahlt der Betrieb und am Ende der Steuerzahler.

Lässt sich da nicht sparen?

Öffentliche Pflegeheime können die Kosten nicht einfach senken. Auch wenn einzelne Betten pro Abteilung leer stehen, können sie nicht rasch eine Arzt- oder Pflegestelle streichen.

Haben private Anbieter nicht dasselbe Problem?

Private Anbieter können auswählen, welche Kundschaft für sie interessant ist. Sie nehmen also jene Personen auf, die leicht zu pflegen sind. Den öffentlichen Einrichtungen bleiben die schweren, kostenintensiven Fälle überlassen. Damit wir uns richtig verstehen: Ziel ist es nicht, Private zu verbieten. Aber es sollen gleich lange Spiesse für alle gelten.

Wie wollen Sie erreichen, dass für private und öffentliche Institutionen die gleichen Vorgaben gelten?

Die Betriebsbewilligung für eine Pflegeinstitution erteilt heute der Kanton. Wir aber fordern, dass die Gemeinden die Bewilligungen erteilen sollen. Schliesslich tragen sie die Kosten. Dazu kommt: Die Gemeinden kennen ihren Bedarf an Pflegeplätzen am besten. 2016 stellte der Kanton eine Studie über die benötigte Anzahl Pflegebetten vor. Die Zahlen waren absurd hoch. Zwei Jahre später hat eine neue Studie desselben Anbieters dann plötzlich ergeben, dass der Bedarf an Pflegebetten weniger als die Hälfte beträgt. Im Bezirk haben wir früher schon Prognosen erstellt, die zeigen, dass wir den Bedarf in Zukunft decken können.

Woher kommt die Diskrepanz zwischen Kanton und Gemeinden?

Die kantonalen Studien berücksichtigen die Anstrengungen der Gemeinden für mehr ambulante statt stationäre Pflege offenbar nicht. Im Bezirk Dielsdorf wurde zum Beispiel mit der Spitex Regional eine effiziente Pflegeorganisation gegründet. Es gibt eben einige Personen, die nur deshalb im Pflegeheim sind, weil sie nachts nicht alleine aufs WC gehen können. Mit der Spitex Regional können diese Fälle zuhause betreut werden. Solche Fakten werden in den Studien des Kantons einfach ignoriert.

Die Vorgabe heisst doch klar: ambulante Pflege vor stationäre.

Genau. In Regensdorf fördern wir die ambulante Pflege konsequent. Wir stehen zum Beispiel in Kontakt mit einer Baugenossenschaft, die ihre Wohnhäuser erneuern will. Unser Ziel ist es, dass diese die neuen Wohnungen seniorengerecht baut. Das heisst: rollstuhlgängig mit pflegegerechten Nasszellen und Gemeinschaftsräumen fürs Mittagessen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Kostenentwicklung in der Langzeitpflege?

Neben den Sozialleistungen ist die Langzeitpflege ganz klar die höchste Kostentreiberin in den Gemeinden. Da die Anzahl alter Menschen rapide zunimmt, werden die Ausgaben auch weiterhin steigen. Darum müssen wir dringend die ambulante Pflege fördern.

Sie setzen sich seit Jahren dafür ein, den Gemeinden bei der Langzeitpflege mehr Gehör zu verschaffen. Auf Ihre Initiative hin ist jetzt die Gesundheitskonferenz Kanton Zürich gegründet worden. Warum sind Sie nicht im Vorstand?

Ich habe gerne beim Aufbau der Gesundheitskonferenz geholfen. Jetzt aber müssen die Leute, die sich täglich mit Gesundheitsfragen auseinandersetzen, diese Organisation führen. Natürlich, für einzelne Projekte stehe ich auf Anfrage weiterhin gerne zur Verfügung.

Erstellt: 19.11.2019, 18:01 Uhr

Gemeinden gründen Gesundheitskonferenz

Seit 2011 gilt das neue kantonale Pflegegesetz. Es verpflichtet die Gemeinden, für die Betreuung ihrer pflegebedürftigen Einwohnerinnen und Einwohner zu sorgen und diese auch zu finanzieren. Seither ächzen die Gemeinden unter der Belastung. Gerade in kleineren fehlen das Fachwissen und die Personalressourcen zur Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben. Besonders die Finanzierung beschert den Behörden zunehmend Sorgenfalten: Die alternde Bevölkerung lässt die Kosten rasant steigen.

Mittlerweile zählt die Langzeitpflege zu den grössten Ausgabeposten in vielen Gemeindebudgets. Handlungsspielraum haben sie kaum. Denn der Kanton - namentlich die Gesundheitsdirektion - plant und reguliert die Pflegeversorgung. Mit der neu gegründeten Gesundheitskonferenz Kanton Zürich wollen sich die Gemeinden und Städte zusammen mit dem kantonalen Gemeindepräsidentenverband (GVP) jetzt mehr Gehör beim Kanton verschaffen. Im Vorstand sind neun kommunale Politikerinnen und Politiker, fünf Fachpersonen aus den Gemeinden sowie je ein Vertreter des kantonalen GPV und der Sozialkonferenz vertreten. Präsident ist Mark Wisskirchen, Kantonsrat und Gesundheitsvorstand der Stadt Kloten. (anb)

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