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«Ein monströses Verbrechen»

Eine Mazedonierin hat 15 Mal auf einen 14-Jährigen eingestochen. Für den versuchten Mord muss sie 20 Jahre ins Gefängnis.

Das Zürcher Obergericht erhöhte die Strafe für die Kaltblütige Tat der 35-jährigen Frau.
Das Zürcher Obergericht erhöhte die Strafe für die Kaltblütige Tat der 35-jährigen Frau.
Urs Jaudas

Man müsse sich das bildlich vorstellen, sagte die Staatsanwältin: Ein 14-jähriger Junge, allein in seinem vertrauten Daheim, liegt auf dem Bett seines Zimmers. Und plötzlich, mitten am Tag, kommt eine fremde maskierte Frau herein, nimmt ihm das Tablet aus der Hand – und sticht 15 Mal mit einem langen Küchenmesser auf ihn ein. So heftig, dass sie ihm sogar Rippen und Brustbein bricht. «Ein Albtraum», sagte die Staatsanwältin gestern im Berufungsverfahren am Zürcher Obergericht.

Erst als es dem jungen Schweizer gelingt, die Angreiferin vom Bett zu stossen, lässt sie von ihm ab und flüchtet. Mit teils tiefen Stich- und Schnittwunden am ganzen Oberkörper – unter anderem drang die Klinge in die Lunge ein und knapp an Herz und Halsschlager vorbei – kämpft sich der Gymischüler schwer verletzt ins Treppenhaus des Wohnblocks und ruft um Hilfe.

Dank einer Notoperation überlebt er. Sein Anwalt, der mit den Eltern im Gerichtssaal sitzt, sagt: «Die Tat beschäftigt und belastet ihn tagtäglich – die 15 Stiche sind allgegenwärtig, körperlich und psychisch.»

«Der Teufel in mir»

Laut dem Richter hatte die 35-jährige Mazedonierin und Mutter zweier Söhne (9 und 15) mit ihrer extrem kaltblütigen Tat dem Opfer unermessliches Leid zugefügt. «Ein monströses Verbrechen, das einen schaudern lässt», sagte er später in der Urteilsbegründung.

Wieso haben Sie das getan? wollte er während der Verhandlung von ihr wissen. «Ich kann es nicht erklären», antwortete die zierliche Frau in weinerlichem Ton. «Es war, als wäre der Teufel in mich geraten.»

Klar war, dass am Anfang der Tat ihr Wunsch lag, sich an ihrem verhassten Schwiegervater zu rächen. Ihn machte sie für ihre unglückliche Ehe verantwortlich. Er soll ihren Mann beeinflusst haben und schuld sein, dass sie zu Hause Prügel bezogen habe und depressiv wurde.

Für ihren Racheplan lockte sie ihren 33-jährigen Bruder in die Schweiz. Diesen bezeichnete sein Anwalt mehrfach als geistig behindert. «Er hat einen IQ von 66 und gehört zu den dümmsten 2 Prozent seiner Altersgruppe», sagte er wiederholt vor den Augen seines Mandanten, um ihn vom Vorwurf der Gehilfenschaft freizusprechen.

Anonyme Briefe verschickt

Mit dem Ziel, den Schwiegervater zu erschrecken oder zu verletzen, packte das Geschwisterpaar Sturmhauben und Messer in die Tasche und machte sich an einem Nachmittag im November 2016 auf den Weg zur Wohnung des Schwiegervaters.

Zugang verschaffte sich die Beschuldigte mit dem Ersatzschlüssel ihres Ehemannes. In der Wohnung klauten sie 1000 Franken und warteten auf die Rückkehr des Schwiegervaters. Als dieser nach einer halben Stunde nicht auftauchte, gingen sie in die benachbarte Wohnung.

«Sie änderten ihren Plan, um den Jungen schwer zu verletzen oder zu töten und die Tat dem Schwiegervater in die Schuhe zu schieben», sagte der Richter. Die Beschuldigte hatte tags darauf und eine Woche später der Polizei einen anonymen Brief geschickt, in dem sie die Tat ihrem Schwiegervater zuschrieb.

Vor Gericht bekannte sie sich als Absenderin der Briefe, sagte jedoch: «Ich habe nie vorgehabt, den Jungen zu verletzten. Ich weiss gar nicht mehr, wie ich das tun konnte – ich habe ja selber Kinder.» Ihr Bruder habe ihr das Messer in die Hand gedrückt. Sie hätten den Jungen bloss einschüchtern wollen, weil dieser die beiden womöglich beobachtet habe, wie sie die Wohnung des Schwiegervaters betraten.

«Es war eine Kurzschlusshandlung», sagte ihr Verteidiger. «Sie hatten Angst, ertappt zu werden und waren in Panik geraten.» Das erstinstanzliche Urteil sei deshalb viel zu hoch ausgefallen. Diese Version nahm ihnen der Richter jedoch nicht ab. «Das ist völlig diffus und unglaubwürdig», sagte er.

Den Bruder freigesprochen

Das Bezirksgericht Zürich hatte die Frau im Februar wegen versuchten Mordes, mehrfacher falscher Anschuldigung, Diebstahls, Hausfriedensbruchs und Freiheitsberaubung zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren und einem anschliessenden Landesverweis von 15 Jahren verurteilt. Ihr Bruder kassierte 4,5 Jahre Gefängnis und einen Landesverweis von 10 Jahren.

Zudem wurden sie verpflichtet, dem Opfer solidarisch eine Genugtuung von 60000 Franken und Schadenersatz von 23000 Franken zu bezahlen. Mutter und Vater wurden eine Genugtuung von je 12000 Franken zugesprochen.

Das Obergericht war nun der Ansicht, dass das Bezirksgericht bei der Strafzumessung die mehrfache falsche Anschuldigung gegenüber dem Schwiegervater übersehen hatte. Es erhöhte die Freiheitsstrafe wie von der Staatsanwältin gefordert auf 20 Jahre.

Den Bruder sprach es indes vom Vorwurf der Gehilfenschaft frei und bestrafte ihn nur noch für den Diebstahl und Hausfriedensbruch. Sein Landesverweis wurde auf 5 Jahre verkürzt.

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