Bülach

Ein Podium der politisch Ausgeschlossenen

SP, AL und Grüne luden am Dienstagabend zum «anderen Podium» – ein Anlass zu den Nationalratswahlen mit Personen, die gar nicht wählbar sind. Was sollte das? Die Poetin Fatima Moumouni lieferte vor Ort die Antwort.

Das «andere Podium» in Bülach war folgendermassen besetzt (v.l.): Semravit Tekleyohannes, Said Ahmed, Sara Al Daas, Hayatulla Amini, Fatima Moumouni und Eufrazia Francisco.

Das «andere Podium» in Bülach war folgendermassen besetzt (v.l.): Semravit Tekleyohannes, Said Ahmed, Sara Al Daas, Hayatulla Amini, Fatima Moumouni und Eufrazia Francisco. Bild: Urs Weisskopf

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Mit den nahenden Parlamentswahlen am 20. Oktober mehren sich die Podiumsveranstaltungen in der Region. Jede und jeder soll die Kandidierenden beschnuppern und auf den Prüfstand stellen dürfen. Doch dann ist in der Kantine in Bülach – direkt neben dem Asylzentrum – ein «anderes Podium» angekündigt: mit Menschen, die weder stimmberechtigt noch wählbar sind.

Musikalisch umrahmt vom Sänger Habib Tamer und seiner Saz, einem Saiteninstrument, erzählten vier Frauen und zwei Männer aus ihren Leben in der Schweiz. Da war Eufrazia Francisco, geboren in Angola und seit 2002 im Land, die über die Ausbildung zur Fachfrau Hauswirtschaft und einige Weiterbildungen Arbeitsagogin geworden ist. Dann sprach Hayatulla Amini, gebürtig in Zentralafghanistan und der ethnischen Minderheit der Hasara angehörig. «In der Armee wurde ich immer dorthin geschickt, wo es besonders gefährlich war», sagte er. «Nun bin ich hier als Flüchtling anerkannt, und ich konnte die Lehre als Montageelektriker beginnen. Hier fühle ich mich erstmals sicher.»

Ein Bäcker, eine Studentin

Sara Al Daas erinnerte sich an die grosse Angst, als sie mit ihrer Familie im Februar 2014 von Syrien aus am Flughafen Zürich landete. «Ich musste für meine Geschwister das perfekte Vorbild sein und sollte auch die Probleme meiner Eltern lösen, etwa mit Übersetzen.» Die Ungeduld liess sie schnell Deutsch lernen und die Handelsschule abschliessen. Said Ahmed dagegen reiste allein von Somalia nach Europa, seine Eltern waren verstorben. Vier Monate und fünf Länder später überquerte er das Mittelmeer und erreichte die Schweiz. «Schnee und Winter waren für mich schwierig», wusste er. Aktuell macht er eine Vorlehre als Bäcker. Sein Wunsch: irgendwann unabhängig und berufstätig sein.

«Hat man deiner Haut jemals ‹Stopp› gesagt vor dem Zoll? Hat man deiner Haut jemals erzählt: ‹Das Boot ist voll›?»



Fatima Moumouni 
Spoken-Word-Poetin
in ihrem Text über Hautfarben

Semravit Tekleyohannes, die aus der eritreischen Militärdiktatur vor acht Jahren in die Schweiz kam, merkte vor allem eines: «Der grösste Unterschied ist, dass Menschen hier mitbestimmen dürfen und über Gesetzesänderungen informiert werden.» Heute studiert sie Ethnologie und Politologie an der Universität Zürich. Zuletzt sprach Fatima Moumouni, migriert mit 18 Jahren aus München in die Schweiz. «Ich komme also aus jener Bevölkerungsgruppe, die hierzulande am meisten verfolgt wird: Ich bin Deutsche.» Es bliebt nicht bei diesem einen Kommentar, der ihr Publikum zum Lachen wie auch zum Nachdenken bringen sollte. Ihr Anliegen für das «andere Podium» sei aufzuzeigen, dass in der «besten Demokratie der Welt», der Schweiz, nur so wenige Menschen abstimmen dürften. «Würde man mehr Leuten das Stimmrecht geben, wären wohl einige Initiativen nicht durchgekommen, für die man sich heute schämt.»

Doch noch zu den Wahlen

An dieser Stelle hätte der Anlass eigentlich vorbei sein können, die rund 80 Besucherinnen und Besucher hätten sich einem Glas Wein und den alten Bekanntschaften widmen können. Doch anschliessend traten Mattea Meyer (SP), David Galeuchet (Grüne) und Manuela Schiller (AL) auf das Podium. Das «andere Podium» wurde für eine halbe Stunde zur Wahlveranstaltung: Die drei Kandidierenden sprachen über das Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer, über das Asylrecht, über Waffenexporte und die Klimaerwärmung. Über das Erschrecken über die politische Stimmung im Land. Meinungsabweichungen lagen bestenfalls in Nuancen, und man mochte sich fragen, wo die drei noch auf Stimmenfang gehen wollen. Denn Besucherinnen und Besucher aus dem anderen politischen Lager blieben dem Anlass fern.

«Die Mischung aus individuellen Geschichten und Politik fand ich sehr gelungen», sagte ein Besucher. Doch die Frage blieb, weshalb jene mit Migrationsgeschichte bei ihren individuellen Erfahrungen blieben und die drei Wählbaren bei der Sachpolitik. Erst gegen Ende brach diese Trennung auf, als sich eine Zuhörerin in der Diskussionsrunde an das «andere» Podium wandte: Für welches Gesetz würden sie denn im Nationalrat kämpfen? Eine schwierige Frage an Menschen, die sich gewohnt sind, vom politischen Geschehen ausgeschlossen zu sein. Doch dann spricht Semravit Tekleyohannes ins Mikrofon: «Ich sehe, wie hart die Asylverfahren sind. Ich kenne Menschen, die sich deswegen das Leben genommen haben. Diese Geschichten hört man nicht – aber sie sind da.»

Wie pasteurisierte Milch

Zum Abschluss des Events stand Fatima Moumouni nochmals vor die Zuhörerschaft. Die 27-Jährige, die vor allem als Spoken-Word-Poetin bekannt geworden ist, trug einen Dialog zum Thema Hautfarben vor – freilich nicht ihrer eigenen, sondern jener ihres Publikums. «Weiss? Wie frischer Schnee, reines Koks, pasteurisierte Milch? Vielleicht ein wenig dunkler. So wie... Vergilbtes oder schlecht Gebleichtes?» Was locker und amüsant begann, drehte die Poetin schnell in schmerzhaft zu Hörendes. «Hat man deiner Haut jemals ‹Stopp› gesagt vor dem Zoll? Hat man deiner Haut jemals erzählt: ‹Das Boot ist voll›? Nein. Du meinst, man hört oder sieht deine Haut nicht? Sie ist also durchsichtig. Oder du bist blind.»

Und damit gab Moumouni die Antwort auf die eigentliche Frage, die das Podium aufwarf. Nämlich nicht, wer das Land regieren soll und will, sondern wer es überhaupt regieren darf. Ein Blick auf die Nationalratslisten verdeutlicht: Es sind vor allem weisse Kandidierende. Oder eben in Moumounis Worten: durchsichtig.

Erstellt: 18.09.2019, 15:43 Uhr

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