Singstimmen

Ein Stück Otelfingen verstummt

Der Männerchor Otelfingen verstummt rund 140 Jahre nach seiner Gründung und wird zu einem Kapitel Orts-geschichte. Am Bettag verklingt er in der Dorfkirche mit einem Lied von Schubert, einem von Fauré und Händels jauchzendem «Halleluja».

Der Chor probt in der Kirche Otelfingen mit der Dirigentin und Chorleiterin Katja Baumann.

Der Chor probt in der Kirche Otelfingen mit der Dirigentin und Chorleiterin Katja Baumann. Bild: Markus Fürst

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«Das ist 1975, da waren wir zum Sängerfest in Nyon eingeladen», sagt der Ur-Otelfinger Heinz Schwitter, der von 1963 bis 2007 als 1. und 2. Bass aktiv im Männerchor sang und seither Ehrenmitglied ist. Das Foto zeigt 26 Mannen. «Da bin ich nicht drauf, ich war krank und habe gefehlt.»René Gassmann betrachtet das Bild, auch er ist nicht darauf. Er ist 1984 dem Chor beigetreten, als der damalige Dirigent Arthur Peyer von Tür zu Tür zog, um neue Mitglieder zu werben.

Zehn Eintritte brachte er zustande, einer davon war Gassmann. Er ist immer noch aktiv, heute als Tenor. Seit vier Jahren präsidiert er den Chor und wird nach 140 Jahren Männerchor Otelfingen als dessen letzter Präsident in die Annalen eingehen. Thomas Fink, 2. Tenor und letzter Aktuar, wühlt sich durch alte Fotos, Konzertprogramme und Protokollauszüge. Er ist kurz nach seinem Zuzug 2001 dem Chor beigetreten.

Das Geburtsjahr 1877

1877 war ein Jahr von historischen Dimensionen für das 400-Seelen-Bauerndorf: Das damals neue Gemeindehaus wird bezogen, die Linie der Nationalbahn von Zofingen via Furttal nach Winterthur wird eröffnet – und der Männerchor Otelfingen erhebt seine Stimmen. Er bezieht den Saal des Gemeindehauses und behält ihn als Proberaum über 140 Jahre bis zu seiner letzten Probe bei. Diese wird der Vorbereitung auf das Jubilarensingen im November dienen, mit dem die runden und halbrunden Geburtstage von Otelfinger Einwohnern ab 80 gefeiert werden.

Um die 30 Stimmen zählt der Chor von der Gründung bis ins Jahr 2000. Geprobt wird freitags, die Jungen und Ungebundenen ziehen danach gerne durch die Dorfbeizen und sponsern die Polizeikasse ordentlich mit Bussgeldern für überzogene Polizeistunden – die Älteren erwarten zu Hause Ehepflichten.

Auch im Krieg wird gesungen

Der Chor wird schnell Teil des Dorflebens innerhalb der weitgehend in sich geschlossenen Landgemeinde. Er übersteht sogar die Kriegsjahre weitgehend ohne Probeausfälle. Er tritt bei Festen auf, organisiert alle zwei Jahre ein dreitägiges Fischessen, feiert mit Partnerinnen Jahreswechsel und Rebfest in dem von ihm seit 1963 bestellten Rebberg.

Der Männerchor Otelfingen nahm 1975 am Sängerfest in Nyon teil. Foto: PD

Doch das sich wandelnde Umfeld hinterlässt Spuren: Der Chorbestand hält sich zunächst konstant, doch er altert, während der Nachwuchs ab den 90er-Jahren ausbleibt. Das Dorf wird grösser, der Chor kleiner. Die Chöre umliegender Gemeinden plagen ähnliche Sorgen, und so sucht Otelfingen früh nach gemeinsamen Lösungen. «Wir haben schon vor 10 Jahren eine Fusion mit Boppelsen angestrebt», sagt Gassmann. Doch Boppelsen, das nur wenige Vereine zähle, wollte seinen alleinigen Namen behalten, Otelfingen nicht ungenannt im Bopplisser Chor aufgehen.

Auch im Repertoire suchte man nach 2000 neue Wege. Junge Dirigenten – Johan Wouters (2003–2008), Natalia Starorevova (2009–2013) und Katja Baumann (seit 2013) – strebten mit Schlagern und Popsongs eine stilistische Öffnung an. Als Otelsingers wagte der Männerchor 2005 mit einem Robbie-Williams-Abend den Auftakt in die Neuzeit; im Frühling dieses Jahres gab es noch einmal Konzerte mit Popsongs in Buchs und Otelfingen, im Herbst ein Heimspiel mit irischen Folksongs.

«Die Geselligkeit wird fehlen»

Die Vorstellungen fanden Gehör bei den Leuten, aber null Anklang bei einem Teil der Sänger. Der eine und andere verabschiedete sich dezent. So auch Heinz Schwitter: «Ich war beruflich ein Jahr in England, ich kann Englisch, aber mein Ding ist das alte Liedgut, nicht englische Lieder und deutsche Schlager», sagt er heute geradeheraus.

Tenor Fink sieht die Sache als Jungpensionär mit einem lachenden und einem weinenden Auge: «Ich dachte zuerst an mehr Zeit für Aktivitäten im Verein, jetzt freue ich mich über die vermehrte Ungebundenheit. Der Zusammenhalt im Chor, die Geselligkeit und das gemeinsame Singen werden mir aber fehlen.» Der Chor ist wohl schon vor Jahren schleichend in Auflösung geraten. Er hat sich dagegen gestemmt, erfolglos.
Bettagsgottesdienstmit demMännerchor Otelfingen, Liedervon Schubert, Händel und Fauré. Sonntag, 16. September, 10 Uhr,Kirche Otelfingen (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 13.09.2018, 17:45 Uhr

EIN NEUER CHOR AUS 70 PLUS 40 SÄNGERN

Aus dem Konzertchor Zürcher Unterland und das Stadtzürcher Chorensemble Hohe Promenade wird im 2019 ein Chor, der Concentus Chor Zürich. Der Grund für die Fusion liegt nicht bei tiefen Mitgliederzahlen, sondern bei den Finanzen – aber auch beim Wunsch nach einer «musikalisch-qualitativen Stabilität».

Die Vesperae Solemnes de Confessore (KV339) und die Motetten Ave Verum Corpus (KV618) und Exsultate Jubilate (KV 165) – der Konzertchor Zürcher Unterland und das Chorensemble Hohe Promenade haben für ihr gemeinsames Adventskonzert Anfang Dezember anspruchsvolle Literatur geplant. Begleitet vom Orchester Conductus wird abermals in Bülach und Zürich konzertiert. Am Dirigentenpult wird Donat Maron stehen.

Schon 2016 hat er beide Chöre in einem Konzert vereint, mit dem man unter anderem im Kulturkasino Bern gastierte. Weil nicht nur der Dirigent, sondern auch die Sängerinnen und Sänger von der bisherigen Kooperation mehr als überzeugt seien, geht man jetzt noch einen Schritt weiter. So haben Maron und die beiden Co-Präsidenten des Konzertchors, Elisabeth Siegrist und Daniel Peier, die Stadt Bülach und die Medien darüber informiert, dass man die beiden Chöre auf die neue Saison hin fusionieren wird. Aus den 70 Mitgliedern des Konzertchors und den 40 des Chorensembles wird der Concentus Chor Zürich, mit Sitz in Bülach.

Der juristische Zusammenschluss ist gemäss Daniel Peier inzwischen nur noch Formsache. «Bei der Generalversammlung des Konzertchors hat sich eine deutliche Mehrheit für die Zusammenführung ausgesprochen.» Dasselbe Resulat ergab sich bei der Konsultativabstimmung des Chorensembles in Zürich. Der Concentus Chor Zürich wird voraussichtlich an einer Sitzung im kommenden Mai als neuer Verein gegründet werden; obschon das Wort «Unterland» aus dem Namen verschwindet, wird es ein Unterländer Chor – Vereinssitz wird Bülach bleiben. Umgesetzt wird die ganze Sache auf das neue Geschäftsjahr hin, also per 1. April 2019. Darum sind die beiden Konzerte im Advent 2018 davon noch nicht betroffen.

Nur der Name ändert

Für die Sänger und für das Publikum ändere sich nichts, mal abgesehen vom neuen Namen, versichern Co-Präsidenten und Dirigent gleichermassen. Die zuständigen Leute bleiben dieselben, selbst die beiden Probelokalitäten in Bülach und Zürich bleiben; noch nicht einmal an der jährlichen Mitgliedergebühr von derzeit 500 Franken werde geschraubt, versichern Co-Präsidenten und Dirigent.
Da bleibt die Frage, warum denn dann zwei gesunde Chöre überhaupt zusammengelegt werden? «Grundsätzlich mussten wir uns überlegen, wie wir uns langfristig aufstellen wollen», sagt Donat Maron dazu. «Die Idee einer vertieften Zusammenarbeit hat sich im Verlaufe der letzten vier Jahre entwickelt; einfach auch deshalb, weil künstlerisch schon eng zusammengearbeitet worden ist und weil beide Chöre überregional tätig waren.» Natürlich gehe es auch um die Finanzen. «Wenn Sie davon ausgehen, dass Ihr Chor klassische, oratorische Konzerte geben will, dann brauchen Sie einen professionell arbeitenden Dirigenten.» Die Faustregel besage dabei, dass man mindestens 60 Sänger als Mitglieder haben müsse, nur schon damit die Vereinsmitgliedschaften die Kosten decken können; ohne die Konzerte, die wiederum Ticketverkäufe und Sponsoring nötig machten. «Am Ende wollen Sänger und Sängerinnen einfach gute Musik machen und tolle Konzerte erleben. Diese Zweckheirat der Chöre ist primär kein Finanzgeschäft, es muss künstlerisch, menschlich und auch finanziell aufgehen», sagt der Dirigent. Ein grösser Chor heisst nicht zuletzt auch ein grösseres Netzwerk und ein grösseres Publikum – und es erhöht die Planbarkeit von Projekten.

Ein weiterer Grund für die Fusion liegt in dem, was Donat Maron «musikalisch-qualitative Stabilität» nennt. Dabei geht es schlicht um die Verfügbarkeit der Sängerinnen und Sänger; beide Chöre haben einen Altersdurchschnitt von rund 60 Jahren. «Gerade wenn mehrere aufeinanderfolgende Werke geplant sind, ist ein solider Pool an Sängern wichtig.» Wenn eine Grippewelle auftrete und viele Leute gleichzeitig nicht zu Aufführungen erscheinenen könnten, dann könne das rasch zum Problem werden. «Das Publikum hat Eintritt bezahlt – wir sind unseren Konzertbesuchern etwas schuldig.» 110 Chormitglieder sei da eine solide Grundlage für die Zukunft. Florian Schaer

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