Zum Hauptinhalt springen

Erzählerische Leckerbissen in zehn mal zehn Minuten

Ein Überraschungsprogramm zum Schmunzeln, Nachdenken und herzhaften Lachen bot die 21. Erzählnacht dem Publikum. Mit Geschichten und Gedichten aus eigener und fremder Feder sorgten zehn Vortragende für Unterhaltung.

Béatrice Stössel aus Nürensdorf: Die Kinderbuchautorin verführte das Publikum mit vermeintlich erotischen Geständnissen.
Béatrice Stössel aus Nürensdorf: Die Kinderbuchautorin verführte das Publikum mit vermeintlich erotischen Geständnissen.
Martina Kleinsorg

Bunt war die Mischung der zehn Darbietungen an der 21. Erzählnacht im heimeligen Eglisauer Rittersaal. «Ich weiss vorherauch nicht, was es zu hören gibt», ­erklärte Organisator Christoph Hagedorn am Freitagabend. Die Texte reichten von witzig Gereimtem und einem Beinahe-Kriminalfall mit Lokalkolorit über vom Sturm inspirierte Kindheitserinnerungen, einem Kästner-Gedicht als Puppenspiel bis zum Märchen von der Vierjahreszeitenfee. So frei die Themen, so fix war die Zeit – rund zehn Minuten lang durfte jeder der zehn Erzählenden die 45 Gäste nach seinem Gusto unterhalten.

Irreführendes Geständnis

Zum zweiten Mal dabei, nahm Béatrice Stössel als Erste im ­roten Ohrensessel Platz. Liestdie Nürensdorferin zumeist aus ihrem Kinderbuch «Der kleine blaue Traktor», hatte sie für diesen Abend eine wahre und vermeintlich erotische Geschichte ausgewählt. In der «Lebensbeichte einer Frühreifen» erzählte sie vom rothaarigen Iren, der sie lehrte, feinfühliger zu werden, von der langjährigen Affäre mit einer feurigen Französin und ihrer Passion für einen spanischen Macho. Der Zufall führte sie zu ihrer letzten grossen Liebe: «Er war der Edelste von allen . . .», bekannte die 72-Jährige und löste mit dem Foto eines arabischen Vollbluts und der Pointe «. . . Pferden, die ich in den letzten 60 Jahren ritt» ein herzliches Lachen im Publikum aus.

Jahresrückblicke für Freunde und Familie hätten sie zum Schreiben gebracht, Inspiration hole sie sich im Winterthurer Schreibcafé: «Dort bekommen wir knallharte Schreibaufgaben – ich nehme immer die schwierigste, davon lerne ich am meisten.» Zudem hätte sie stets etwas Verrücktes im Kopf, «das bringe ich dann zu Papier».

Mutig zur Premiere

Ein ernstes Werk trug Gisela Bauer-Gerspach vor. «Der Tod meiner Nachbarin mit nur 27 Jahren liess mich über Sinn und Unsinn des Lebens nachdenken.» Ihre Erzählung «Im Innern der Seifenblase» begann mit dem munteren Treiben auf der Sonnen­terrasse eines Bergrestaurants, die Erzählebenen wechselten zwischen Beobachtung, Traum und Gedankenspiel, Seifenblasen wurden zum Sinnbild des Lebens: Es könnte «schön schillernd bunt» gewesen sein.

Aus der Per­spektive der Ich-Erzählerin beschwor sie die Verbundenheitdes gleichzeitigen Daseins im Hier und Jetzt und beklagtedie fehlende Sorge füreinander. Mit Theaterstücken und Kurz­geschichten bringt die Grafik­designerin «Kunst vom Bild aufs Papier». Als Neuzuzügerin kannte Bauer die Erzählnacht nicht, ergatterte den letzten freien Platz und las zum ersten Mal öffentlich. «Für mich ein mutiger Schritt, ich weiss ja nicht, wie gut die anderen sind», verriet sie vor ihrem Auftritt.

Anzügliches im Anzug

«Man könnte meinen, wir müssten ihn immer lesen lassen, schliesslich gehört ihm das Hüttli», kündigte Hagedorn den abschliessenden Vortrag von Hausherr Ueli Wagner an. Der pensionierte Architekt bewies sich als Wortakrobat, widmete sich grotesken Sachverhalten («Warum gibt es eigentlich ausgerechnetin der S-Bahn keine Speisewagen?»), spielte mit Un-Wörtern wie dem Hold und dem Geziefer und knüpfte mit der Frage «Was ist eigentlich so anzüglich an einem Anzug?» an die aktuelle #MeToo-Debatte an. «Ein tolles Konzept» bescheinigte Bauer der kurzweiligen Veranstaltung, derweil Hagedorn im Jahr 2019 eine Fortsetzung versprach.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch