Bülach

«Es wäre wichtig gewesen, an dieser WM sichtbar zu sein»

Die Bülacher Nationalspielerin Vanessa Bernauer spricht über die verpasste WM in Frankreich, den Kulturwandel im Nationalteam und Chancengleichheit im Profifussball.

Vanessa Bernauer (links) im Duell mit der Holländerin Desiree van Lunteren während des Hinspiels in der WM-Barrage. An deren Ende unterlagen die Schweizerinnen und verpassten die laufende WM in Frankreich.

Vanessa Bernauer (links) im Duell mit der Holländerin Desiree van Lunteren während des Hinspiels in der WM-Barrage. An deren Ende unterlagen die Schweizerinnen und verpassten die laufende WM in Frankreich. Bild: Keystone

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Vanessa Bernauer, am Sonntag steigt in Lyon der WM-Final. Sind Sie als Zuschauerin mit von der Partie?

Natürlich. Allerdings weiss ich noch nicht, ob ich das Spiel live vor Ort im Stadion verfolgen werde oder am Fernseher zu Hause in der Schweiz.

Wenig fehlte, und Sie hätten mit der Schweiz auch an der WM in Frankreich spielen können. Wie viel Frust ist jetzt, beim Zuschauen, noch dabei?

Als ich mir das Eröffnungsspiel angeschaut habe, hat das schon wehgetan. Der Gedanke «Da könntest du jetzt auch sein» war sehr präsent. Wie wir die WM-Qualifikation in den Gruppenspielen vergeben haben, können wir heute noch nicht richtig begreifen. Ich war ja wegen eines Kreuzbandrisses nicht auf dem Platz. Zuschauen zu müssen, war für mich gefühlt eine Katastrophe, zu sehen, wie gehemmt wir gegen Schottland gespielt haben, schlimm. Die verlorene Barrage gegen Europameister Holland war dann schon eher erklärbar. Es wäre wichtig gewesen, als Nationalteam an dieser WM sichtbar zu sein, weil in der Schweiz dann vermutlich auch mehr für den Frauenfussball gemacht würde. Da ist noch Luft nach oben. Und mit sportlichen Erfolgen könnten wir Spielerinnen die Entwicklung in unserem Sinne beeinflussen.

Wären die Schweizerinnen in Frankreich präsent, hätte der Frauenfussball fast sicher auch im Schweizer Fernsehen eine grössere Plattform erhalten. Jetzt hat SRF die WM-Spiele erst ab dem Halbfinal kommentiert im TV übertragen. Dafür gab es Kritik, namentlich auch von der Winterthurer SP-Kantonsrätin und Fussballerin Sarah Akanji. Teilen Sie ihren Ärger?

Ich kann sie zumindest sehr gut verstehen, auch ich finde es total schade. Es gibt keine bessere Möglichkeit als eine WM, den Leuten den Frauenfussball näherzubringen, weil das Niveau an diesem Turnier richtig gut ist. Im Internet verfolgen nur jene die Spiele, die Frauenfussball sowieso interessiert, am Fernseher aber bleibt auch mal jemand zufällig hängen. Wenn ich in Zürich unterwegs bin, sehe ich auch nirgends ein Public Viewing. Während einer Männer-WM wäre das undenkbar, auch wenn die Schweiz die Qualifikation nicht geschafft hätte. Aber zum Glück gibt es ja noch die deutschen Sender, die alle Spiele live übertragen.

Grosse Abwesende an der WM in Frankreich ist Weltfussballerin Ada Hegerberg. Die Norwegerin will erst wieder fürs Nationalteam spielen, wenn die Chancengleichheit von Fuss­ballerinnen und Fussballern in ihrem Land Tatsache wird. Was halten Sie von ihrer Aktion?

Ada Hegerberg hat das vor ein paar Jahren so entschieden. So gesehen ist es nur konsequent, wenn sie jetzt auch auf die WM verzichtet. Ob ihre Aktion sinnvoll ist, kann man diskutieren. Hätte sie sich auf dem Platz eingesetzt und Norwegen in den Final oder sogar zum Titel geführt, wäre das womöglich wirkungsvoller gewesen. So oder so ist es aber einfach traurig, dass solche Aktionen heute überhaupt noch nötig sind.

Einen anderen Weg wählten die US-Amerikanerinnen, die im März eine Klage gegen ihren Fussballverband wegen «finanzieller Diskriminierung» eingereicht haben. Sie kämpfen damit für gleiche Bezahlung und die grundsätzliche Gleichstellung der Geschlechter im Fussball. Was machendie Schweizerinnen aus dem amerikanischen Beispiel?

Natürlich diskutieren wir diese Themen immer wieder, auch mit dem Verband. Gefühlt sind wir in der Schweiz aber noch meilenweit von der Gleichstellung entfernt – und auch von der Dynamik, die im US-amerikanischen Fussball herrscht. Unsere Verhältnisse sind mit jenen in den USA auch nicht zu vergleichen. Anders als bei uns ist dort der Frauenfussball populärer als jener der Männer, die Frauen generieren mehr Werbegelder und locken ein grösseres Publikum in die Stadien und werden trotzdem weiterhin auf verschiedenen Ebenen benachteiligt.

Fakt ist: Die Schweizer Liga gibt den Mädchen wenig Grund zum Träumen. So ist es. Perspektiven bieten in Europa einzig die Ligen in England und Deutschland und vielleicht noch in Italien, wo man gerade daran ist, eine Profiliga aufzubauen. Und dann sind da natürlich noch die französischen Vereine Lyon und Paris.

Sie spielen seit vielen Jahren Ausland. Wie sind die Verhältnisse für Profifussballerinnen in Spanien, Deutschland oder Italien?

Als ich vor zehn Jahren die Schweiz verlassen habe, bin ich zuerst in Spanien gelandet. Das war für mich als Fussballerin bereits ein Fortschritt. Deutschland aber war dann das Nonplus­ultra. In Wolfsburg habe ich mich zum ersten Mal wirklich wie eine Profisportlerin gefühlt und auch jene Wertschätzung erhalten, die ich mir immer gewünscht habe. Natürlich hatte das auch mit unseren grossen Erfolgen zu tun. Als mein Vertrag im letzten Sommer nicht verlängert wurde, bin ich nach Italien weitergezogen und wurde positiv überrascht. Bei der AS Roma sind die Frauen komplett in den Verein inte­griert, und die Vereinsverantwortlichen sind an unseren Spielen und auch in den Trainings sehr präsent.

Sie haben den Vergleich. Wo hat die Schweiz Nachholbedarf?

Zuerst einmal müsste mutiger in den Frauenfussball investiert werden, sonst lässt sich über alles weitere gar nicht reden. Um professionelle Strukturen zu schaffen, braucht es Geld, ohne geht es nun einmal nicht. Vielleicht müsste der Verband auch mehr Druck ausüben auf die Clubs, mit Auflagen operieren. In Italien wird beispielsweise jedem Profiverein, der keine Frauen­abteilung führt, eine Strafe aufgebrummt. Inzwischen gehört es für die meisten einfach dazu, auch die Frauen zu fördern.

Sie betreiben denselben Aufwand wie die Männer, doch die Einkommenslücke zwischen Spielern und Spielerinnen ist noch immer extrem hoch. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Ich finde die Summen, die im Männerfussball fliessen, völlig übertrieben. Das ist nicht mehr gesund. Auch darum sind die Salärunterschiede eklatant. Meine jüngere Schwester hat früher ebenfalls im U-17-Nationalteam Fussball gespielt. Wir haben unserem Vater auch schon im Spass gesagt, hättest zu zwei Jungs, könntest du dich jetzt frühpensionieren lassen. Ich bin als Fussballerin eigentlich schon privilegiert, weil ich von meinem Sport gut leben kann. Meine Nati-Kolleginnen, die in der Schweizer Liga spielen, müssen nach wie vor nebenher arbeiten.

Apropos Nationalteam: Am 3. September starten die Schweizerinnen in die EM-Qualifikation. Mit Vanessa Bernauer?

Ich denke schon.

Wie haben Sie seit Dezember den Wechsel von der langjährigen Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg zum neuen Cheftrainer Nils Nielsen erlebt?

Ich glaube, man kann hier durchaus von einem Kulturwandel sprechen. Dabei geht es nicht so sehr um den Aspekt Frau/Mann, sondern um den Führungsstil. Martina Voss-Tecklenburg hat sehr straff geleitet. Niels Nielsen lässt uns mehr Freiheiten, ist offen, verlangt aber sehr viel Selbstdisziplin. Wir haben uns am Anfang fast ein bisschen verloren gefühlt, und das meine ich jetzt überhaupt nicht negativ. Aber wir mussten zuerst lernen, mit unseren neuen Freiheiten umzugehen. Ich bin der neuen Situation gegenüber positiv eingestellt, auch sein Spielstil gefällt mir. Die Grundidee ist klar, aber auf dem Platz haben wir innerhalb des vorgegebenen Rasters viel Interpretationsspielraum.

Geben Sie doch ein Beispiel.

Nils Nielsen verlangt von uns, dass wir konsequent in die 1-gegen-1-Situation gehen, aber wie wir das machen, ist uns überlassen. Der Trainer fordert von uns mutige und individuelle Aktionen. Er sagt aber auch klar: Ihr dürft Fehler machen. Das hilft gerade auch den jungen Spielerinnen.

Nils Nielsen erklärte kurz nach seinem Amtsantritt, ihm sei wichtiger, dass eine Spielerin in ihrem Klub glücklich sei, als in welcher Liga sie spiele. Sind Sie glücklich in Rom?

Ja.

Sie lachen.

Ich muss Ja sagen, oder? Im Ernst, ich bin wie bereits erwähnt positiv überrascht vom Fussball und den Strukturen in Italien. Nach Wolfsburg wäre England für mich eine interessante Option gewesen. Doch dann hatte ich diesen Kreuzbandriss. Mein Plan war und ist, einmal in meiner Karriere noch die Champions League zu gewinnen. Mit Wolfsburg bin ich zweimal im Final gescheitert.

Ihr Vertrag in Wolfsburg wurde im Sommer 2018 nach vier Jahren mit zwei Meistertiteln und vier Cupsiegen nicht verlängert. Wie gross war die Enttäuschung?

Ich war schon sehr enttäuscht, dass der VfL mir keine Möglichkeit mehr geboten hat, mit dem Team auf den Platz zurückzukehren. Am Tag der Diagnose wurde ich auch darauf hingewiesen, ich solle mich doch beim Arbeitsamt melden. Das ist dann die Kehrseite des Profisports. Aber mein Vertrag war nun einmal ausgelaufen, und ich durfte trotzdem noch die super Reha in Wolfsburg zu Ende machen, bis ich einen neuen Verein gefunden hatte.

Ganz abgeschlossen scheinen Sie mit dem Verein aber noch nicht zu haben, Sie besitzen noch immer eine deutsche Handynummer.

Eventuell werde ich in den nächsten Wochen auf eine italienische Nummer wechseln. Noch aber ist mit der AS Roma nichts offiziell.

Was macht Sie neben dem Fussballplatz glücklich? Das Meer.

Dann ist Rom ja um Meilen besser gelegen als Wolfsburg.

Durchaus. Ich bin in einer Dreiviertelstunde am Strand. Ge­nauso gern bin ich aber bei meinen Eltern und bei meinen Freunden hier in Bülach. Die meisten von ihnen haben wenig mit Fussball zu tun, das ist sehr entspannend.

Sie sind 31 Jahre alt. Haben Sie bereits Pläne für ein Leben nach dem Fussball?

Ich habe eine kaufmännische Lehre gemacht, aber ehrlich gesagt noch keine Vorstellung davon, was ich nach meiner Karriere tun werde. Ich möchte das Fussballspielen geniessen, solange mein Körper mitmacht. Mein nächstes grosses Ziel ist die EM 2021 in England.

Wie lange werden Sie von Ihren Einkünften nach Ihrem Rücktritt leben können?

Ein bisschen Zeit werde ich schon haben.

Erstellt: 03.07.2019, 23:18 Uhr

Zur Person

Vanessa Bernauer

Die 31-jährige Vanessa Bernauer stammt aus einer Fussballerfamilie. Ihr Vater Daniel Bernauer hat unter anderem mit Winterthur in der NLA gespielt, ihre jüngere Schwester Tamara war einst ebenfalls U-17-Nationalspielerin. Aufgewachsen in Bülach, spielte Bernauer zuerst im örtlichen Verein, bevor sie zum FC Zürich Frauen (bis 2008 Zürich Seebach) wechselte. Von dort schaffte sie als 20-jährige den Sprung ins Ausland. Ihre erste Station war Levante in der spanischen Liga. 2013 unterschrieb sie einen Vertrag beim Bundesligaaufsteiger Cloppenburg, für den sie bei ihrem Debüt auch gleich ihre ersten zwei Bundesligatore schoss. Auf die nächste Saison hin wechselte Bernauer schliesslich zum deutschen Meister VfL Wolfsburg, mit dem sie in vier Jahren zweimal die Meisterschaft sowie viermal den Pokal gewann und zweimal im Champions-League-Final stand. Im vergangenen Sommer wurde Bernauers Vertrag in Wolfsburg nicht mehr verlängert, und sie liess sich von der Frauenmannschaft der AS Roma verpflichten. Für die Schweizer Nationalmannschaft, für die sie 2006 als 17-Jährige debütierte, bestritt Vanessa Bernauer bis heute achtzig Spiele. Im vergangenen November hat sie mit der Schweiz in der Barrage gegen Holland die Qualifikation für die laufende Frauen-Weltmeisterschaft in Frankreich knapp verpasst. (mak)

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